Unter dem Chamben

Lebendige Poesie auf dem Hofbergli: Autor und Musiker sorgen für Höhenflüge

Peter Bichsel, der auf dem Ofenbänkli sitzt, wartete mit legendären transsibirischen Geschichten auf. Ben Jeger spielte seine Viktoria.

Peter Bichsel, der auf dem Ofenbänkli sitzt, wartete mit legendären transsibirischen Geschichten auf. Ben Jeger spielte seine Viktoria.

Das lassen sich Bergwanderer gerne bieten: Am Ziel auf über 1000 Metern über Meer erwartete sie für einmal nebst Speis und Trank erquickende Nahrung fürs Gemüt. Peter Bichsel mit starken Geschichten und Ben Jeger mit kongenialer Musik sorgten für geistige und seelische Höhenflüge.

Das Hofbergli oberhalb Günsbergs und zwischen Balmberg und Schmiedenmatt schön unter dem Chamben gelegen, wird seit siebeneinhalb Jahren vom umsichtigen Wirtepaar Gabi Fischer und Andreas Deola betrieben. Arbeitsame Hände und reger Geist wirken auf dieser Jurahöhe harmonisch zusammen. Und ein Herzenswunsch der Gastgeber ging an diesem Wochenende in Erfüllung: Der Erzähler Peter Bichsel und der Musiker Ben Jeger fanden sich auf dem Bergli ein und gaben ein Gastspiel der besonderen Art.

Harmonie und Erwiderung

Ben Jeger an seiner Viktoria, einem mächtigen Akkordeon mit Knöpfen für die linke und Tasten für die rechte Hand, eröffnete den Nachmittag und lotete schon zu Beginn die Möglichkeiten seines Instruments mit einem beschwingten Medley aus Nino-Rota-Themen aus. Peter Bichsel seinerseits wartete mit einer seiner legendären transsibirischen Geschichten auf.

Legendär auch deshalb, weil diese Erzählungen mit Ausnahme seines Manuskripts nirgendwo gedruckt vorliegen. Im Laufe ihrer Darbietung nahmen sich die beiden zunehmend die Freiheit, einander ins Wort zu spielen beziehungsweise «in die Musik z’ schnurre». Weil beide über genügend Empathie verfügen, ergaben sich in diesen Übergängen spannende Momente von Harmonie und Erwiderung.

Hohe Kunst des Erzählens … und des Schreibens

In «Meine Reise zu Cordes» erweist Bichsel seinem wahrscheinlich besten Buchhändler und Veranstalter von Lesungen weltweit die Reverenz. Cordes Buchhandlung befindet sich eigentlich in Kiel, aber trotzdem taucht Cordes immer wieder an den Orten auf, wohin der Ich-Erzähler sich mit der Bahn verfahren hat. Meist landet der Erzähler, der doch bei Cordes in Kiel lesen soll, in Wladiwostok. Eingedenk dieses Schicksals wendet der Autor seine Technik des etappierten Umsteigens an und landet doch wieder, via Frankfurt an der Oder … in Sibirien.

Übrigens kam einer der Züge auf dieser Reise erstens aus Italien und zweitens nicht. Der Tausendsassa Cordes hat inzwischen seine norddeutsche Buchhandlung nach Wladiwostok verlegt und gleich auch 150 Leser in den äussersten Osten mitgebracht, denen eben «eine gute Buchhandlung wichtiger ist als eine gute Wohnung». Peter Bichsel hat diese Geschichte meisterhaft durchkomponiert und seine Lesung derselbigen ebenfalls. Menschlichkeit, Fantasie, Rhythmus und Humor auf einmaligem Niveau.

Ein Poet von Ton und Klang

Ben Jeger, in sich ruhender Mensch und Multiinstrumentalist, Professor für traurige Valzer, erwies sich als kongenialer Partner und Poet von Tönen und Klängen. Die stimmigen Eigenkompositionen berührten Herz und Seele. Mit seinen Melodien, Harmonien, Dissonanzen, Tempo- und Rhythmuswechseln spiegelte er mit wunderbarer Leichtigkeit die Fantasien, Realitäten und Emotionen Bichsels.

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