Lüsslingen

Jede seiner Zeichnungen hat eine Geschichte: Die Erstausstellung eines jungen Künstlers

Die Zeichnungen von Noé Herzog geben dem Betrachter Anstoss zum Nachdenken.

Die Zeichnungen von Noé Herzog geben dem Betrachter Anstoss zum Nachdenken.

Die erste Einzelausstellung von Noé Herzog alias Fakolyjah fand in Lüsslingen statt. Für den Solothurner war sie ein Erfolg.

«Ich war überwältigt», sagt Noé Herzog über die Vernissage. Unter dem Künstlernamen Fakolyjah hat der 21-Jährige am Wochenende in Lüsslingen, im Ausstellungsraum seiner ehemaligen Gestaltungslehrerin Gergana Mantscheva, an die 30 Zeichnungen gezeigt. Es war seine erste Einzelausstellung. Und sie war gut besucht: 40 Besucherinnen und Besucher kamen allein zur Eröffnung. Den grossen Raum im Kellergeschoss hat Noé Herzog zusammen mit der befreundeten Innendekorateurin Meret Bauerhuit bespielt.

Wohnzimmerfeeling suggeriert

Ihre Kollaboration ging über das Aufhängen der Bilder hinaus. Durch Möbel wie Sofas, Sessel und Stühle wurden Nischen zum Sitzen geschaffen, die von den Besucherinnen und Besuchern tatsächlich gern genutzt wurden. «Wir wollten, dass man nicht nur rasch durch die Ausstellung geht, sondern dass man verweilen kann. Deshalb haben wir auf das Wohnzimmerfeeling gesetzt», begründet Herzog die Raumgestaltung. So gelang ihnen mit Euro-Paletten eine Erhöhung, die mit Teppichen, Zimmerpflanzen, einem Holzschrank und gekonnt platzierten Lichtquellen die gewollte Salonatmosphäre hervorrief. Die weissen T-Shirts am Bügel mit Zeichnungen von ihm waren Muster, weitere konnten vor Ort bestellt werden.

Herzog ist auf dem Weg zum Künstler und damit in gewisser Weise in den Fussstapfen seiner Eltern. Er ist damit aufgewachsen, dass seine Mutter und sein Vater gestalterisch und künstlerisch tätig waren. «Kunst war bei uns immer ein Thema», sagt er. «Dennoch hätte ich nie gedacht, dass es mich da hinzieht.» In seiner Kindheit habe er zwar viel gezeichnet, aber das habe sich dann wieder verloren.

Herzog machte eine Lehre als Landschaftsgärtner und arbeitete auf dem Beruf, bis es ihn wegzog. Ein halbes Jahr lang ging er auf Reisen. Ohne zu wissen, wer er sei, brach er am 6. August 2018 auf. In dieser Zeit, genau genommen in Hamburg, entdeckte er das Zeichnen wieder. Es war für ihn eine Form, die Trennung von einer geliebten Frau zu verarbeiten, die er zuvor in Berlin kennen gelernt hatte.
Die Reise brachte auch Selbsterkenntnis. «Ich habe gefunden, was ich gesucht habe», so Herzog. «Ich bin zurückgekommen mit dem Wissen, wer ich bin.» Auf die Nachfrage, wer er denn sei, antwortet Herzog: «Ich bin 100 Prozent mich.» Das Zeichnen ist für ihn bis heute ein Weg, mit Erlebtem ins Reine zu kommen. «Es ist für mich fast eine Therapie.»

Mit Zeichnen Verdrängtes aufdecken

Herzog zeichnet oft nachts, mit Musik in den Ohren, er startet mit einer Idee, beispielsweise einem Gesicht, ein anderes kommt dazu, eine Hand, Wörter, Teilsätze. Oft werden erst am Schluss Motive und Figuren ersichtlich, die mit seinem Leben etwas zu tun haben, er liest darin, was ihn beschäftigt und erkennt, was die Zeichnung für ihn bedeutet. Alle Zeichnungen haben eine Hintergrundgeschichte, die er gern erzählt, wenn man ihn danach fragt. Seine Art zu zeichnen erinnert an Intuitives Zeichnen als Meditation. Teils entstehen auch düstere Zeichnungen, wie er sie nennt, die Unangenehmes, Verdrängtes aufdecken. Das ist ihm recht. Herzog mag keine Tabus. Es ist ihm eine Motivation, wenn Betrachter sich in seinen Zeichnungen wiederfinden, wenn diese zum Denken Anstoss geben. Er verzichtet auf Titel, damit man frei bleibe in der Interpretation. Freiheit ist ihm ein Wert, er sucht sie, wo immer möglich. So lebt Herzog zurzeit in einem Bauwagen in Solothurn.

Fragt man Herzog nach seinen Zukunftsplänen, wird klar, dass er es ernst meint mit der Kunst. Er möchte den Vorkurs besuchen und dann die Aufnahmeprüfung für die Zürcher oder Basler Kunsthochschule ablegen. In diesem Jahr stehen weitere Ausstellungen aus, eine im August, eine im Oktober. Und dann, irgendwann, möchte er wieder allein auf Reisen gehen. Denn: «Wenn man alleine reist, ist man gezwungen, sich mit sich selbst zu befassen.»

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