Unbekannte Religion

Gemeinsam stärker sein: «Wir wollen, dass das Alevitentum anerkannt wird»

Saz heisst das Saiteninstrument, mit dem Geschichtserzählungen, Gebetszeremonien und Verse begleitet werden. Von links: Belgin Araz, Kenan Kücük, Berkay Sisman und Hatice Sisman.

Saz heisst das Saiteninstrument, mit dem Geschichtserzählungen, Gebetszeremonien und Verse begleitet werden. Von links: Belgin Araz, Kenan Kücük, Berkay Sisman und Hatice Sisman.

Das Alevitische Kulturzentrum in Derendingen lädt zum Tag der offenen Türe ein.

Am Samstag informieren die hier lebenden Aleviten im Alevitischen Kulturzentrum Derendingen über ihre Kultur und ihre Religion, das Alevitentum. Im Gespräch mit Vereinsmitgliedern fällt auf: die Unterhaltung kann in Schweizerdeutsch geführt werden, und es wird viel gelacht. Das ist rar in all den Kulturzentren verschiedenster Religionen und Nationalitäten. Präsident Kenan Kücük ist Schweizer, wie er stolz sagt.

Mit elf Jahren kam er mit seinen Eltern nach Deutschland. «Ich habe die Cem-Zeremonien, unseren Gottesdienst, in der Türkei in unserem kleinen Dorf miterlebt und gesehen, wie diese im Geheimen durchgeführt wurden.» Weder die heutige Regierung der Türkei noch die früheren Regierungen wollten diese Religion anerkennen, erklärt Kücük, der 1986 mit 18 Jahren der Liebe folgend in die Schweiz kam.

Brandanschlag hat Aleviten im Ausland mobilisiert

Die im Ausland lebenden Aleviten wurden durch ein Ereignis am 2. Juli 1993 in Sivas mobilisiert. In der zentralanatolischen Stadt fand ein Kulturfestival der Aleviten statt. Eine im Freitagsgebet aufgehetzte Meute zündete das Madimak-Hotel an. Nicht nur Menschen alevitischen Glaubens, sondern auch Sunniten starben damals. Aber der Anschlag galt dem Alevitentum. In der Folge wurden im Ausland alevitische Vereine gegründet, die zum Ziel hatten, die Situation für die Aleviten in der Türkei zu verbessern.

«Gemeinsam sind wir stärker. Wir wollen, dass das Alevitentum anerkannt wird», erklärt die 35-jährige Belgin Araz und schaut zur Wand des Kulturzentrums, an der ein grosses Bild mit den Porträts der im Hotel verstorbenen 33 Künstler, Musiker, Tanzschüler und Dichter hängt. Ihre Grosseltern lebten 25 Jahre lang in der Schweiz, erzählt die Vizepräsidentin des Vereins. Sie selber kenne das Alevitentum seit ihrer Kindheit. «Ich wollte die Unterschiede zwischen Aleviten und Sunniten kennen, und ich will diese auch meinen Kindern und meinen Mitmenschen weitergeben.» Sie wünsche sich zudem, in der Schweiz auf Formularen unter «Religion» Alevitentum ankreuzen zu dürfen.

In Basel könne man dies bereits tun, weiss der 21-jährige Berkay Sisman. Er ist im Jugendvorstand des Vereins tätig und unterstützt andere Jugendliche mit alevitischem und zum Teil auch Migrationshintergrund in Sachen Bildung und Entwicklung. «Das Wichtige in unserer Religion ist die Liebe zur Natur, zu allen Lebewesen, zu Gott und zu Mitmenschen», erklärt er. Sisman ist in der Schweiz geboren. Mit Kursen hilft er auch älteren Mitgliedern bei der Integration. Er will aber auch den Schweizern das Alevitentum näher bringen.

Mit dabei am Gespräch ist Vereinssekretärin Hatice Sisman. «Ich bin hier geboren, hier in die Schule gegangen und habe hier meine Lehre gemacht.» Sie hatte früher im Bernischen keinen Kontakt mit alevitischen Vereinen, ihre Eltern auch nicht. Sie sei nun aber seit 15 Jahren im Verein. Anfangs passiv und seit einiger Zeit auch aktiv. «Alle Religionen und Kulturen sind sehr interessant und ähneln sich in vielen Punkten. Ich fühle mich beiden Kulturen und Traditionen, der schweizerischen und alevitischen, verbunden und lebe dies meinen Kindern vor.»

Nicht das Geschlecht zählt, sondern der Mensch

Im Kulturzentrum werden Frauen wie Männer gleich behandelt. «Wer den Raum des Kulturzentrums betritt, kommt als Seele und nicht als Mann oder Frau, als Banker oder Putzfrau», erklärt Berkay Sisman. Man treffe sich meist am Sonntag. «Wir informieren auch über Gesundheit, juristische Belange oder über das Schulsystem», so Araz. Zwei-, dreimal jährlich werde eine Cem-Zeremonie durchgeführt. «Dann kommt jeweils ein Gelehrter. Es ist aber meist so, dass fast alles, was er sagt, hinterher heftig diskutiert wird», erklärt Hatice Sisman und schmunzelt. «Das wird sehr, sehr diskutiert», fügt ihr Neffe Berkay lachend an.

Samstag 24. August, 13 bis 16 Uhr, Tag der offenen Türe, Emmenhofstrasse 4b.

Meistgesehen

Artboard 1