Lüterswil-Gächliwil

Geld für neue Ortsschilder wäre Verschwendung: Auch nach 25 Jahren gibt es kein gemeinsames Ortsschild

Hansruedi Wüthrich (links) und Hans-Peter Liechti vor dem einzigen im Dorf sichtbaren Symbol der Fusion, dem Briefkasten der Gemeindeverwaltung.

Hansruedi Wüthrich (links) und Hans-Peter Liechti vor dem einzigen im Dorf sichtbaren Symbol der Fusion, dem Briefkasten der Gemeindeverwaltung.

Das Kleindorf Lüterswil-Gächliwil soll mittelfristig autonom bleiben. Langfristig könnte aber eine weitere Fusion zum Thema werden.

Die Kanalisation brachte das Fass damals zum Überlaufen: Weil das kleine Dorf Gächliwil befürchtete, die erforderliche Investition in die Abwasserentsorgung nicht alleine stemmen zu können, «karisierte» es mit dem grösseren Nachbarn Lüterswil – wobei grösser eigentlich nur weniger klein bedeutet. Lüterswil hatte 1994 nämlich 285 Einwohner, Gächliwil deren 60.

«Auch dieses Jahr organisieren die Landfrauen unsere 1.-August-Feier beim Holzhaus. Würste und Gesprächsstoff sollten genügend vorhanden sein.» Mit diesen Worten schloss die sechsseitige Abstimmungsinfo im Juli 1994, in welcher der damalige Gemeindepräsident Hans-Peter Liechti den Gächliwiler Stimmberechtigten die Zustimmung zur Fusion empfahl.

47 Stimmberechtigte votierten für die «Vernunftheirat»

Die Charmeoffensive wirkte und exakt 47 Stimmberechtigte fanden sich im September 1994 im Schulzimmer in Gächliwil zusammen, um der «Vernunftheirat» zuzustimmen. «Etwa zwei Drittel davon bekleideten in der Mini-Gemeinde irgendein, meistens sogar mehrere Ämtli. Es wurde immer schwieriger, jemanden zu finden, der sich noch engagieren wollte», beschreibt Liechti einen weiteren Beweggrund. «Nach der Fusion waren die meisten Gächliwiler erleichtert und haben ihre Unterlagen sofort an die entsprechenden Amtsinhaber aus Lüterswil übergeben.»

«Geld für neue Ortsschilder wäre zum Fenster herausgeworfen»

Auch die Lüterswiler nahmen die Fusion mit überwältigendem Mehr an. Trotzdem gibt es auch zum Jubiläum an den Strassenrändern noch immer kein Ortsschild mit dem neuen Namen Lüterswil-Gächliwil. «Das wurde noch gar nie thematisiert», meint Hansruedi Wüthrich, der damals Lüterswiler Gemeindepräsident war.

«Das Geld für neue Ortsschilder wäre zum Fenster herausgeworfen», ergänzt Hans-Peter Liechti, «die alten tun es noch lange.» Und so bleibt der Briefkasten der Gemeindeverwaltung, der tatsächlich mit «Lüterswil-Gächliwil» beschriftet ist, das bisher einzige Symbol des Dorfes.

«Jeder kennt jeden, das gefällt mir hier am besten», beschreibt Liechti die Vorzüge des Ortsteils Gächliwil. «Wir leben auf dem Land, geniessen die Ruhe und die Natur. Aber wenn wir wollen, dann sind wir auch sehr schnell in der Stadt», sagt Wüthrich, der als Kundenberater bei der Spar- und Leihkasse Bucheggberg arbeitet. Er sei übrigens seine ersten drei Jahre zu Fuss nach Gächliwil zur Schule gegangen.

«Unser Dorf ist sehr idyllisch gelegen. Aber, wer mit dem Bus unterwegs ist, der muss den Fahrplan schon sehr exakt studieren», ergänzt Liechti, der in Solothurn beim Amt für Umwelt arbeitete und seit kurzem pensioniert ist. «Ich nahm am Morgen den Schulbus mit den Kindergärtlern, das war sehr schön.»

Das Dorfleben konzentriert sich in Lüterswil

Während in Lüterswil das Dorfleben zum Beispiel durch die Konzerte der Musikgesellschaft und die Anlässe anderer Vereine getragen wird, fehle das in Gächliwil ein wenig, findet Liechti. «Vor der Fusion waren die Gemeindeversammlungen ein Grund, sich zu treffen. Man stimmte schnell allen Anträgen zu, um möglichst rasch zum Zimmis (Zwischenverpflegung, die Red.) überzugehen.» Das Adventsfenster in der alten Schmitte habe diese Funktion jetzt etwas übernommen, und auch die Gächliwiler Predigt, wenn alle zwei Jahre der Pfarrer ins Dorf komme, sei ein Anlass, um sich wieder einmal zu treffen.

«Die Fusion ist kein Gesprächsthema mehr», bestätigt die jetzige Gemeindepräsidentin Silvia Stöckli. «Was die Leute heute beschäftigt, das ist die Abstimmung über die Steuerreform im Februar.» Der Steuerfuss ist mit 120 Prozent im Vergleich zu den Nachbardörfern durchaus attraktiv. «Nicht zuletzt dank der Spar- und Leihkasse Bucheggberg, die eine gute Steuerzahlerin ist, stehen wir finanziell auf gesunden Füssen. Das könnte sich aber in ein paar Jahren ändern. Welche Einbussen uns die mögliche Steuerreform langfristig bringen wird, ist schwer abzuschätzen», sagt die Gemeindepräsidentin von Lüterswil-Gächliwil.

Damals eine grosse Fusion versäumt

Heute hat Lüterswil-Gächliwil 330 Einwohner und ist eigentlich zu klein, um langfristig erfolgreich eigenständig bleiben zu können. Hansruedi Wüthrich spricht von seinem ganz persönlichen, historischen Versäumnis: «Den einzigen Fehler, den ich damals vor der Fusionsabstimmung machte, das war, dass ich keinen grossen Wurf vorschlug. Eigentlich hätte man schon damals eine grosse Fusion mit mehreren Nachbargemeinden anstossen sollen. Aber mir fehlte dazu etwas der Mut.» Welche Optionen sieht er heute?

«Ich bin meine letzten drei Jahre in Schnottwil zur Schule gegangen und wohne jetzt dort. Für mich ganz persönlich wäre das eine sehr gute Möglichkeit zur Fusion. Es gibt aber auch andere Optionen. Biezwil ist in einer ähnlichen Situation wie wir. Mit Messen verbindet Gächliwil die gemeinsame Kirchgemeinde. Drei Viertel unserer Gemeindegrenze haben wir heute mit Buchegg.»

Zudem pressiere es nicht mit einer weiteren Fusion. In die nächste Legislaturperiode werde sich Lüterswil-Gächliwil noch ohne grössere Probleme retten und man könne gelassen auf einen Heiratsantrag warten. «Dank unserer Bank, die ein guter Steuerzahler ist, sind wir für alle Nachbarn eine attraktive Braut.»

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