«Das ist wie Käse!» – Ja, was da an den Kinderhänden klebt, könnte tatsächlich Käse sein. Zumindest was die Farbe angeht und die Fäden, die das halbflüssige Etwas zieht. In der Tat haben die Zweitklässler mittels Maizena und Wasser aber gerade eine sogenannte nicht-newtonsche Flüssigkeit hergestellt. Oder wie es Lehrerin Renate Fürst für ihre Schüler übersetzt: «Eine Wunderflüssigkeit». «Rühr mal ganz fein mit dem Finger darin», weist sie ihre Schülerin an.

Deren Erkenntnis: «Das ist flüssig!» «Und jetzt drück mal mit Wucht drauf.» Die Flüssigkeit gibt plötzlich nicht mehr nach, sie ist fest geworden. Die Kinder sind sichtlich begeistert.

Schulhaus hat ein eigenes Labor

«Ich habe schon vorher zusammen mit den Kindern experimentiert.» Damals halt im Schulzimmer oder im Atelier Gofex (Grundschullabor für offenes Experimentieren), das Markus Peschel, Professor für Didaktik im Sachunterricht, an der Pädagogischen Hochschule Solothurn eingerichtet hat. «Vorher», das war vor Swise (Swiss Science Education), einer Initiative mehrerer Bildungsinstitutionen der Deutschschweiz. Deren Ziel besteht darin, die naturwissenschaftliche Bildung weiterzuentwickeln.

Die Primarschule Messen hat sich als eine von zwei Solothurner Schulen am dreijährigen Projekt beteiligt. «Den Kindern hat das Atelier Gofex sehr gefallen, da wollte ich auch eines einrichten.», erzählt Fürst. Das Projekt habe ihr die Möglichkeit geboten, den Wunsch in die Tat umzusetzen und ein Labor für vier- bis achtjährige Kinder aufzubauen. Es liegt im Gewölbekeller des Schulhauses Räzlirain.

In dem zu Ende gegangenen Schuljahr ist das Projekt offiziell abgeschlossen worden. Im Messener Labor wird aber auch künftig gepröbelt und getüftelt. Die sechs Mädchen und Jungen, die bald die in dritte Klasse kommen, stehen hoch motiviert im Labor, in weissen Kitteln. Sie sind bereits kleine Experten, dennoch sind sie aufgeregt. «Sie könnten die Experimente immer wieder durchführen, obwohl sie genau wissen, was dabei rauskommt. Sie sind einfach fasziniert», beobachtet Fürst immer wieder mit Freude.

Die Lehrerin verteilt zu Beginn Experiment-Anleitungen, gibt einige kurze Anweisungen und schon gehts los: Die Kinder stürzen sich auf das Regal, in dem in Plastikboxen das Material liegt. «Es ist wie ein Haushalt aufgebaut», erklärt Fürst. So sind die Boxen mit Zimmerbezeichnungen beschriftet, wie etwa «Küche» oder «Putzkammer» und enthalten Material, das die Kinder auch zu Hause finden können. Zusammen mit den Aufgaben hat Fürst die Boxen so konzipiert, dass die Kinder selbstständig arbeiten können. Für die Jüngeren hat sie in aufwendiger Kleinstarbeit alles zusätzlich mit Bildern gekennzeichnet.

Hat Luft Kraft?

Im Labor haben sich mittlerweile zwei Gruppen gebildet. Die eine beschäftigt sich mit der Frage «Hat Luft Kraft?» Eifrig legt Patrick einen Luftballon auf die Tischkante, stellt ein Spielzeugauto darauf, bläst den Ballon auf – und weg ist das Auto. Es ist davon gespickt, wie bei den ersten Versuchen der anderen Kinder auch. Patrick und seine Gspänli lachen und versuchen daraufhin, ihre Ballons vorsichtiger aufzublasen.

Am Nachbartisch findet derweil ein «Rosinentanz» statt. Fasziniert beobachten die Kinder, wie Rosinen in Mineralwasser an die Wasseroberfläche treiben und kurz darauf wieder absinken. «Es hat ganz viele Blöterli», antwortet ein Junge auf die Frage, wie die aufsteigenden Rosinen aussehen. «Die Kinder lernen hier, sehr gut zu beobachten», hält Fürst fest. Und Erklärungen zu finden. Bald wird den Kindern klar, dass die Rosinen aufgrund der Kohlensäure an die Oberfläche treiben, dort das Gas in die Luft abgeben und deshalb wieder sinken.

Forscherheft gehört dazu

Die Stimmung im Labor ist ausgelassen und gleichzeitig konzentriert. Den Kindern ist ihr Wissensdurst anzusehen. Es sei das beste Alter, um Kindern Naturwissenschaften näher zu bringen, erklärt Fürst. Auch wenn die Kinder noch nicht in jedem Fall verständen, wie die Experimente funktionierten, so bleibe das Erlebnis. «Ich vermute, dass diese Kinder später sehr gerne Physik und Chemie haben.»

Ja, es mache ihr grossen Spass, bestätigt Sina. Sie zeigt gerade ihr «Forscherheft», ein Portfolio, das beeindruckend viele Seiten umfasst. «Ich gehe mit den Kindern alle zwei Wochen für zwei Stunden ins Labor.» Und wie jeder richtige Forscher, halten auch die Kinder Aufbau, Beobachtungen und Erkenntnisse ihrer Experimente auf «Forscherblättern» fest.

Zweitklässlerin Sina schreibt gerne, ihre Kameraden aus der ersten Klasse dürfen im Forscherheft zeichnen. Auf diese «Bürosequenz» folgt in der Regel eine «Konferenzsequenz», in der die Kinder untereinander austauschen, was sie bei den Experimenten beobachtet und gelernt haben. Ein Konzept, das von PH-Dozentin Florence Bernhard stammt, bei der Fürst Kurse besucht hat.

Mittlerweile ist die Stunde fast um, Renate Fürst hat aber noch eines der Lieblingsexperimente ihrer Schüler im Gepäck: Teebeutel fliegen lassen. Die Kinder holen eine Steinplatte, Teebeutel, Schere und Feuerzeug hervor. Fürst braucht keine Anweisungen mehr zu geben, was den Umgang mit den Werkzeugen betrifft. «Es gibt klare Sicherheitsregeln», die den Kindern mittlerweile kennen. Vorsichtig schneidet eines der Kinder einen Teebeutel auf und entleert ihn. Die Papierhülle wird auf die Steinplatte gestellt und mit dem Feuerzeug angezündet. Die Freude riesig, als der Teebeutel auch dieses Mal wieder hoch zur Decke schwebt.