Und dann wird Hans Rudolf Stapfers Blick wehmütig. Noch einmal hat er einen Besucher durch seine Arbeitsräume geführt. Zeigte den Röntgenapparat, die Laborgeräte, das EKG mit Fahrrad-Ergometrie, das Informatikprogramm. Es ist eine komplett ausgestattete und funktionstüchtige Arztpraxis.

Gut, das Ultraschallgerät ist in die Jahre gekommen. Die Schwarz-Weiss-Diagnosen erreichen nicht die Qualität moderner Farbapparate. Aber der Rest des Inventars ist gut im Schuss. «Damit lässt sich speditiv eine Praxis führen.» 33 Jahre lang war Hans Rudolf Stapfer Hausarzt in Derendingen. Jetzt ist er 70-jährig. Die Zeit ist längst gekommen, um kürzerzutreten.

Alles, was er auf dem Rundgang durch die vier Räume mit Stolz präsentiert hat, wollte Hans Rudolf Stapfer verschenken. Doch es findet sich niemand, der das Geschenk annehmen will.

Und so trifft ein, was der Arzt als seine «schlimmste Vorstellung» bezeichnet. Dass er Patienten die Dossiermäppchen in die Hand drückt und ihnen mitteilen muss, dass es keine Nachfolge für seine Praxis gibt.

Eine Interessentin in sechs Jahren

Wie konnte es so weit kommen? Schon bevor Hans Rudolf Stapfer das Pensionsalter erreicht hatte, mandatierte er einen bekannten Praxisvermittler mit der Nachfolgesuche. Die Praxis wurde bewertet, Patientendossiers geliefert, ein Umsatzanteil für den Vermittler ausgehandelt. Stapfer bezahlte 8000 Franken.

Der Berater schickte nur eine Interessentin – eine Kinderchirurgin. Stapfer schüttelt den Kopf. Schliesslich schaltete er Inserate im Internet und in der Ärztezeitung. Doch in fünf Jahren wollten sich gerade sechs Personen die Praxis für innere Medizin anschauen. Niemand konnte sich zu einer Übernahme entschliessen.

Der Internist war so verzweifelt, dass er nicht nur das Inventar verschenken, sondern einem Nachfolger sogar den Mietzins für ein halbes Jahr erlassen wollte. Aber der Markt ist ausgetrocknet. «Ich erhielt keine einzige Bewerbung.»

Tatsache ist: Viele Jungärzte scheuen die Selbstständigkeit und suchen eine Anstellung mit bezahlten Sozialleistungen und Ferien. Zudem sind Betriebe mit nur einem Mediziner ein Auslaufmodell. Gerade Ärztinnen setzen auf Gruppenpraxen, gut ausgebildete Kräfte aus dem Ausland auf Spitäler. Wobei sich Stapfers Praxis ideal für eine Gruppenpraxis eigne.

Er führte den Betrieb über Jahre mit einem Partner. Den Hauptgrund für den Mangel an Nachwuchs sieht der Hausarzt in der Zulassungsbeschränkung zur Medizinausbildung. «Hunderte williger Studenten wurden in den vergangenen Jahren abgewiesen. Sie fehlen uns heute.»

Patientin lief weinend hinaus

Dass Hans Rudolf Stapfer bis 70-jährig arbeiten würde, wünschte er sich nicht. Seine Karriere nach dem Staatsexamen 1974 begann auf der Chirurgie des Spitals im Zürcher Oberland und später auf der Medizinabteilung des Zürcher Stadtspitals Triemli. Nach einer halbjährigen Reise durch Südamerika wurde er auf der Medizinabteilung des Spitals Baden angestellt.

«Den Brief mit der Zusage öffnete ich auf der Schweizer Botschaft in Mexiko», erinnert er sich. Eine weitere Station war die Poliklinik des Zürcher Uni-Spitals. 1983 kam Stapfer nach Derendingen. «Hier widmete ich mich begeistert dem abwechslungsreichen und dankbaren Beruf als Hausarzt.»

Nun verlieren viele Patienten der Region am 30. Juni ihre medizinische Bezugsperson. Bereits holen sie ihre Krankenakten an der Durrachstrasse ab. Der Trennungsprozess ist in vollem Gang. Nicht ohne Nebengeräusche. Mehrfach wurde Hans Rudolf Stapfer gebeten, doch noch weiterzupraktizieren. Eine Patientin sei gar weinend aus der Praxis gelaufen.

Glücklich ist immerhin seine Frau. «Sie möchte schon lange, dass ich kürzertrete.» Neben dem wehmütigen Blick zurück und der Dankbarkeit kann sich aber auch Hans Rudolf Stapfer freuen; auf die Zeit, die das Paar künftig vermehrt in seinem Haus im Tessin verbringen möchte.