Bettlach
Das Währungsdesaster wirkt sich auch auf die Mathys AG aus

Der Firmenchef der Mathys AG Hugo Mathys erklärt, warum innovative Weiterentwicklungen und neue Produkte nötig sind, um als «kleine Nummer» im Wettstreit mit Medtech-Milliardenkonzernen bestehen zu können.

Franz Schaible
Drucken
Teilen
Das Gebäuder der Mathys AG in Bettlach

Das Gebäuder der Mathys AG in Bettlach

Solothurner Zeitung

Firmenchef Hugo Mathys legt je ein künstliches Schultergelenk, Hüftgelenk und Kniegelenk auf den Tisch. Anschaulich und detailliert erklärt er die Funktionsweise, die Materialien, die Spezialitäten des Gelenkersatzes. Mit der Entwicklung, der Produktion und dem Verkauf von jährlich rund 60 000 Gelenkimplantaten ist das traditionsreiche Familienunternehmen Mathys AG in Bettlach erfolgreich unterwegs. «Und trotzdem sind wir im Konzert der Grossen nur eine kleine Nummer», sagt er lachend. Der weltweite Marktanteil liege bei einem Prozent. Das hat auch mit der Geschichte der Firma zu tun. Sie hat eigentlich zweimal quasi vom Startpunkt Null begonnen.

«Der Problemlöser»

1946 war es, als sein Vater Robert Mathys den Betrieb gründete, spezialisiert auf die Verarbeitung von hochwertigen, rost- und säureresistentem Spezialstahl. «Mein Vater war vom Naturell her ein Pionier, ein Tüftler», weiss Hugo Mathys, der das Unternehmen seit 2003 in zweiter Generation führt. In Zeitungsinseraten habe sich der Gründer auch als «Problemlöser» angeboten. Das rief 1958 den Orthopäden Maurice Müller auf den Plan und er besuchte Robert Mathys in seiner Werkstatt in Bettlach. Er war Spezialist für die operative Behandlung von Knochenbrüchen. Ihm schwebte vor, diese nicht mehr mit Gips zu behandeln, sondern mit Schrauben, Nägeln und Platten zusammenzufügen.

Müller gründete zusammen mit anderen Ärzten die Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthesefragen (AO). Mechaniker Mathys als Hersteller der Produkte stand bald darauf im Operationssaal. Zusammen mit Müller konstruierte er basierend auf Skizzen die entsprechende Implantate und Werkzeuge. So entstand in Bettlach eines der ersten Medtech-Unternehmen der Welt und verwandelte den Jurasüdfuss zu einem der wichtigsten Schweizer Standorte der Branche (siehe Kasten).

1963 fertigten der Tüftler und der Chirurg gemeinsam das erste künstliche Hüftgelenk, später gingen die Implantate in die Serienproduktion. «Mit dieser Methode konnten schmerzhafte und abgenutzte Gelenke ersetzt werden», sagt Hugo Mathys. Das Unternehmen und die Zahl der Angestellten wuchsen rasant. 2003 zählte Mathys 1950 Beschäftigte und erzielte einen Umsatz von 500 Millionen Franken.

«Dazumal ist es zur grossen Zäsur gekommen», erinnert er sich. Die neue EU-Gesetzgebung schaffte einen freien Markt, Preis- und Länderabsprachen wurden verboten. Die beiden anderen Lizenznehmer der Rechte an Instrumenten und Technik der erwähnten AO-Arbeitsgemeinschaft reagierten – Synthes USA übernahm Stratec – , sodass der viel kleineren Firma Mathys der Verlust der Unabhängigkeit drohte. «Schweren Herzens haben wir die Osteosynthese, also der Bereich Platten, Schrauben und Nägel, an Synthes verkauft.» Der Verkauf hat der Familie 1,5 Milliarden Franken eingebracht.

Neustart mit der Prothetik

Hugo und sein Bruder Robert Junior wollten aber alles andere als in den Ruhestand treten. Sie wollten unbedingt selbstständige Unternehmer bleiben und lancierten mit dem nicht verkauften Bereich Gelenkersatz (Prothetik) der «alten» Firma Mathys einen Neustart. Dieser steuerte zuvor nur gerade zehn Prozent an den Gesamtumsatz bei. Im ersten Jahr beschäftigte die neue Mathys AG rund 220 Angestellte und erzielte einen Umsatz von 47,5 Millionen Franken, kann der Patron die Zahlen auswendig liefern. Der Start als kleiner Player sei harzig verlaufen. Letztlich habe sich das Durchhalten gelohnt. Während das Marktwachstum im Bereich Gelenkersatz jährlich rund drei Prozent betrage, habe man in Bettlach in den vergangenen Jahren jeweils sieben bis acht Prozent zulegen können. 2014 beschäftigte Mathys weltweit 514 Mitarbeitende – davon 300 in der Schweiz – und erwirtschaftete einen Umsatz von knapp 140 Millionen Franken. Gewinnzahlen gibt das Familienunternehmen keine bekannt.

Doch die Herausforderungen seien enorm. Hugo Mathys nennt den weltweiten Kostendruck im Gesundheitswesen, was auf die Marge drücke. «Früher haben wir mit den Ärzten über die Produkte verhandelt, heute entscheiden vermehrt die Spitalmanager.» Zudem beschäftige die Branche die kontinuierlich steigenden Regulierungen, welche in Richtung der Pharmaindustrie abzudriften drohten. «Dies würde die Innovationskraft der Branche stark einschränken», warnt Mathys.

Neues Ungemach droht von der Währungsfront für das Unternehmen, welches in der Schweiz und in Deutschland produziert und drei Viertel des Umsatzes in Europa erzielt. Die Aufhebung der Wechselkursuntergrenze spüre man eins zu eins. In den ersten fünf Monaten 2015 sei der Absatz zwar zufriedenstellend, aber die darauf erlittene Umsatzeinbusse aufgrund der Währungskrise betrage 4,5 Millionen Franken oder rund elf Prozent.

Wachstum vorab in Deutschland

hDas Währungsdesaster hat Einfluss auf die Produktionsstandorte der Mathys AG. «Das volumenmässige Wachstum schlägt sich an den beiden Standorten in Deutschland und nicht in Bettlach nieder», sagt Mathys klipp und klar. Mit anderen Worten: «Die Produktion in Bettlach bleibt auf bestehendem Niveau erhalten, jene in Deutschland wird ausgebaut.» Aktuell seien von den 170 in der Produktion arbeitenden Angestellten deren 70 in Deutschland beschäftigt. «Wir müssen so reagieren, ansonsten wird die Firma Mathys in fünf Jahren gar nichts mehr selber herstellen.» Daneben laufe auch ein internes Kostensenkungsprogramm. Zudem würden bestehende Kooperationen mit europäischen Anbietern weiter ausgebaut und weitere Möglichkeiten überprüft, um die Kosten zu senken.

«Innovation – matchentscheidend»

Im Wettstreit mit Milliardenkonzernen sei die Innovation matchentscheidend. Als Beispiel nennt er den Einstieg vor zwei Jahren in den Bereich der Sport-Orthopädie. Das Mathys-Produkt heisst Ligamys, es soll die Heilung eines gerissenen Kreuzbandes «revolutionieren», erklärt Mathys stolz. Die Weltneuheit erlaube die Selbstheilung eines gerissenen Kreuzbandes und es damit zu erhalten. Bis anhin werde ein geschädigtes Kreuzband entfernt und durch eine Sehne aus dem gleichen Bein ersetzt oder gar nicht erst operiert. Die neue Lösung ermögliche, dass das Kreuzband wieder zusammenwächst und mit der Zeit, seine Aufgabe wieder übernehmen kann. Das Implantat besteht, einfach ausgedrückt, aus einem Polyethylenfaden und einem Federsystem, das im Unterschenkelknochen verankert wird.

Die Zukunft gestalte sich sehr herausfordernd. «Wir müssen in der Produktentwicklung schneller sein als die Konkurrenz, ansonsten verlieren wir die Unabhängigkeit oder sind in wenigen Jahren weg vom Markt.» Für den 60-Jährigen ist aber klar, dass der Familienbetrieb unabhängig bleiben und seine Kernkompetenzen in der Schweiz behalten soll. Mit Livio Marzo-Mathys und Roger Mathys ist die dritte Generation als Verwaltungsratsmitglieder bereits im Unternehmen aktiv.

Die Medtech-Hochburg am Solothurner Jurasüdfuss

Das Fundament für die heute am Jurasüdfuss stark vertretene Medtechindustrie hat Mechaniker und Unternehmer Robert Mathys in den 50er Jahren gelegt, als er erste Implantate für die Behandlung von Knochenbrüchen entwickelte und produzierte. Heute ist der Hauptsitz der Mathys AG immer noch in Bettlach. Nach dem Verkauf der Sparte Osteosynthese hat sich das Unternehmen auf die Entwicklung und die Produktion von künstlichen Gelenken spezialisiert. Das Unternehmen gehört zu 100 Prozent den Familien Mathys und Marzo. Hugo Mathys, Geschäftsführer in zweiter Generation und Verwaltungsratspräsident, ist grösster Einzelaktionär. Im Grossraum Solothurn sind inzwischen zahlreiche, global ausgerichtete Konzerne tätig. Allen voran die zum US-amerikanischen Konzern Johnson & Johnson gehörende DePuy Synthes mit Europa-Hauptsitz in Solothurn und Produktions- und Logistikstandorte in Bettlach, Selzach und Hägendorf. Die US-Orthopädiefirma Stryker entwickelt, fertigt und vertreibt Implantate und Instrumente für die Knochenbruchbehandlung in Selzach. Hinzu kommen zahllose KMU, die vielfach als Zulieferer für die Branche oder in absoluten Nischenmärkten aktiv sind. Laut Angaben des Dachverbandes der Schweizer Medizintechnik (Fasmed) sind in der Schweiz rund 1450 Firmen mit 52 000 Beschäftigten aktiv. Der Jahresumsatz wird auf 14 Milliarden Franken geschätzt. Damit gilt der Sektor als eine Schlüsselbranche der Schweizer Volkswirtschaft. (fs)

Aktuelle Nachrichten