Buchegg
Nach Blumenhaus-Entscheid: «Wir befürchten einen Bildungsabbau für Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung»

Insieme Solothurn fordert in einem offenen Brief einen Marschhalt bei der Umsetzung der Sonderschulreform optiSo+. Die Vereinigung für Eltern, Angehörige und Menschen, welche mit einer kognitiven Behinderung leben, übt scharfe Kritik.

Rahel Meier Jetzt kommentieren
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Tag der offenen Türe im renovierten Wohnheim des Blumenhaus Buchegg im Jahr 2018. Im Bild das neu eingerichtete Holzatelier.

Tag der offenen Türe im renovierten Wohnheim des Blumenhaus Buchegg im Jahr 2018. Im Bild das neu eingerichtete Holzatelier.

Hanspeter Bärtschi

Ausgelöst durch die Debatte um das «Blumenhaus» in Buchegg, das die Sonderschule verlieren könnte, meldet sich nun auch Insieme Solothurn zu Wort. In einem «Sorgenblatt» deponiert die Vereinigung ihre Bedenken zur Sonderschulreform optiSo+. Insieme befürchtet einen nicht akzeptablen Bildungsabbau für Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung.

Insieme fordert deshalb einen Marschhalt. Sie bittet die zuständigen Gremien darum, die Haltungen zu überdenken, die dem Projekt zugrunde liegen und wünscht sich eine konkrete Umsetzungsplanung, sowie eine sorgfältige Kommunikation. Insieme schreibt:

«Die Güte einer Gesellschaft, die den Anspruch hat, human zu sein, misst sich daran, wie gut sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht. Bildung und Ausbildung, auch von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stets weiterentwickelt.»

Gute Bildung und Ausbildung ermöglichten Menschen mit Behinderungen ein besseres Leben, in dem Mit- und Selbstbestimmung zentral seien. Eine Sonderschulreform sei grundsätzlich zu befürworten, wenn die Bildungsqualität sich steigere und Innovation und gute Förderung Menschen, die mit Behinderung leben, befähige, Teil der Gesellschaft zu sein. Insieme betont:

«An diesem Anspruch muss sich eine Reform messen lassen, sonst ist sie Sinn-los.»

Insieme Solothurn befürchtet, dass Kinder und Jugendliche rascher in Sonderschulsettings abgeschoben werden. Die «wohnortsnaheste» Beschulung eines Kindes bestehe in der inklusiven Schulung - in der Schule vor Ort.

Durch die Entflechtung der Aufgaben zwischen Kanton und Gemeinden wird die Sonderschulfinanzierung in den nächsten Jahren vollumfänglich vom Kanton getragen. Insieme fragt sich darum:

«Welche Gemeindeschulen werden noch Kinder und Jugendliche mit Behinderungen inkludieren? Es besteht kein finanzieller Anreiz für die Gemeinden, Kinder mit erhöhtem Förderbedarf bei sich zu behalten, Wege zu suchen, Integration zu ermöglichen.»

Wohnortsnahe Beschulung sei– schreibt Insieme Solothurn – eine gute Innovationsidee und spare hohe Transportkosten. Insbesondere Kinder und Jugendliche mit komplexen Behinderungsbildern seien aber auf spezialisierte Bildung angewiesen.

Dafür seien Fachwissen und geschultes Personal notwendig. Und das könne nicht jede Region des Kantons Solothurn aufbauen ohne bestehende Ressourcen zu verschleudern.

Seit mehr als 50 Jahren aktiv

Insieme ist die Vereinigung für Eltern, Angehörige und Menschen, welche mit einer kognitiven Behinderung leben, in der Region Solothurn und Umgebung. Die Vereinigung steht im 56. Vereinsjahr. Seit der Gründung 1966 setzt sich insieme in fünf Lebens-Bereichen für Menschen mit Behinderungen ein.

Wo die Vereinigung aktiv ist:

  • Frühbereich: Frühe Erfassung und heilpädagogische Frühförderung
  • Schulbereich: Schule und Bildung, integrierte Schule, Sonderschule
  • Arbeitsbereich: Ausbildung und Arbeit
  • Wohnbereich: Wohnen und mit- bzw. selbstbestimmtes Leben
  • Entlastungsbereich: Freizeit und Ferien (mgt)

Mit dem Submissionsverfahren für Sonderschulangebote werde suggeriert, dass in den sonderpädagogischen Angeboten ein Wettbewerb bestehe. Wenn Sonderschulen alle drei Jahre ein Submissionsverfahren bestehen müssten, sei zu befürchten, dass Angebote so von Kurzfristigkeit und wenig Verbindlichkeit geprägt sein werden.

Insieme Solothurn befürchtet als Folge verschiedene Schulwechsel in einer Lernbiografie eines Kindes mit Behinderungen, Brüche und fehlende Nachvollziehbarkeiten. Auch leide die kontinuierliche Förderung, wenn oft das Umfeld gewechselt werden müsste.

Einteilung in Bedarfsstufen

Die neue Zuteilung der Kinder und Jugendlichen mit Behinderungen in Bedarfsstufen erscheint Insieme Solothurn zudem starr, wenig plastisch und damit wenig innovativ. Es werden falsche Zuschreibungen und ein erstarrtes Verständnis von Bildung und Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen mit Behinderung befürchtet.

Die Zuschreibungen könnten zudem verhindern, dass die Durchlässigkeit des Bildungssystems auch von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung genutzt werden können.

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