«Die Solothurner Zeitung ist die beste», findet Max Heimgartner, während er Frankensteins Kopf bemalt. Diese überraschende Aussage schmeichelt natürlich dem Reporter, bis er das verschmitzte Lachen des Ehren-Ober-Obers der Vereinigten Fasnachtszünfte sieht. «Mit der Solothurner Zeitung kleistere ich am liebsten.» Im zur Sommerküche umgebauten Schopf von Heimgartners Heim ist beinahe kein Durchkommen. Hier erschaffen er, sein Sohn Cédric und acht weitere Kollegen den Kopf des Fasnachtsbööggs, der am Aschermittwoch verbrannt wird. Dieses Jahr ist es eben Frankenstein, und der sieht prächtig aus. Platz im grossen Raum haben nur der Kopf und die beiden Füsse. Die beiden Körperteile der sechseinhalb Meter hohen Figur lagern unter dem Vordach der 100 Meter entfernten dorfeigenen Liegenschaft.

Max Heimgartner ist, ohne zu übertreiben, Mister Fasnacht von Selzach. Schon mit 13 Jahren trommelte er in den Restaurants von Selzach. «In den 80er Jahren wurden noch 13 Restaurants dekoriert, die Berghöfe miteingerechnet, und im Pfarreizentrum wurde ein Maskenball veranstaltet. Strauss, Krone, Löwen oder Tell», zählt Heimgartner die wichtigsten Fasnachtstreffpunkte auf. Von diesen ist heute nur noch die «Krone» ein Restaurant. Damals gab es drei Schnitzelbankgruppen und eine Gugge (Düdäppenzunft), die das Tournee machten. Eine Schnitzelbankgruppe sucht man heute in Selzach vergebens.

Was bedeutet Ihnen die Fasnacht, Max Heimgartner?

Was bedeutet Ihnen die Fasnacht, Max Heimisberger?

Vom Trommler zum Trompeter

Heimgartners Gruppe nannte sich zuerst Fass-Klopfer, eine Reminiszenz an das Salzfass im Dorfwappen. «Wir spielten vor mit Trommeln und Pauken. Später drückten wir jedem noch eine Trompete oder ein Horn in die Hand, waren eine Gugge und tauften uns kurzum Schnabuwetzer.» Auch dieser Name hat mit Selzach zu tun, das heisst mit dem Storchendorf Altreu. Die Gruppe feiert heuer das 35-Jahr-Jubiläum. Max Heimgartner drückte über 25 Jahre lang die Trompetenknöpfe – «ich habe nie Trompete gelernt, aber wenn man so lange spielt ...» – und wurde Ehrenmitglied der Gugge.

Im Jahr nach der Guggengründung wurden 1985 auch die Vereinigten Fasnachtszünfte (VFZ) zum Leben erweckt. «Wir haben gemerkt, dass ein wenig Organisation nötig ist, wenn nicht gleichzeitig alle vor der gleichen Fasnachtsbeiz stehen sollen.» Max Heimgartner war dann wegen Auslandaufenthalten eine Zeit lang passiver Fasnächtler. Als er zurückkam, ging er als Vertreter der Gugge in die VFZ, und bald reorganisierte er die Fasnacht in Selzach als VFZ-Präsident. Er erinnert sich an den Kehrausball am Fasnachtsdienstag, und später wurde das sogenannte Salzfass-Gaudi veranstaltet, ein Schnitzelbankabend. «Die erste offizielle Plakette der Dorffasnacht hiess Salzfass-Gaudi.» 2005 übernahmen die VFZ den Bööggbau. «Seither sind wir beinahe immer das gleiche Bööggbau-Team.»

«Wir sind ein bisschen ein Familienbetrieb», beschreibt Heimgartner die Vereinigten Fasnachtszünfte. Er meint nicht nur seine Familie, sondern auch die Kollegen und Kolleginnen, die schon seit Jahren mitwirken. Die VFZ organisieren die Fasnachtsanlässe, sorgen für den Speaker am Umzug oder schmücken das Pfarreizentrum. Max Heimgartner betreut zusammen mit seiner Tochter zudem den Sammelwagen, seine Frau den Glühweinstand. Als Gruppe sind sie gleich gewandet in Kleider, die alle vier, fünf Jahre neu eingekauft werden. Die Männer sind geschminkt und die Frauen tragen eine Augenmaske. Früher, mit der Gugge, haben ihn die Auftritte an der Fasnacht gereizt. «Heute finde ich es schön, mit Kollegen ein Projekt umzusetzen.» Und nicht genug damit: Mit einem Kollegen verfasst der 51-jährige Max Heimgartner, der in der Telekommunikationsbranche arbeitet, auch noch eine Fasnachtszeitung.

Zu Besuch bei belgischen Narren

In der gut geheizten Sommerküche ist Heimgartner mit dem Bemalen des Bööggenkopf beschäftigt. Dieser braucht tüchtig weisse Farbe, damit er einigermassen geschützt in der Witterung nicht zerfällt. Für die farbigen Akzente sorgt seine Frau Anja. «Sie hat das Geschick, dem Gesicht einen Ausdruck zu geben.» Die VFZ stellen für den Selzacher Umzug am Fasnachtssamstag einen Wagen, auf dem der Böögg dem Publikum präsentiert wird.

An einer Wand steht ein grosser Kleiderschrank, in dem seine Fasnachtskleider und die Reservekleider der VFZ hängen.

Dann zeigt Heimgartner noch die Plakette. «No ganz dicht» ist das Fasnachtsmotto und nimmt Bezug auf den Kiessammler im Jurawald, der neuerdings laut Gesetz eine Staumauer ist, sowie den Knatsch zwischen den Schützenvereinen. Beim Hinausgehen springen die diversen Pins auf der Kleidung des Ehren-Ober-Obers ins Auge. Diese zeugen von der Partnerschaft der VFZ mit dem belgischen Fasnachtskomitee von Arlon. Zwei Wochen nach der alten Fasnacht in Selzach besuchen Vertreter der VFZ die Fasnacht in Arlon. «Einmal sind wir als Gruppe in ihrem Umzug mitgelaufen. Wir hatten einen kleinen Wagen dabei und haben Kaffee Lutz ausgeschenkt.» Das kleine Selzach zeigt: Fasnacht verbindet – die Schweiz mit Europa.