Integration

Bei der Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingen hilft ihr Humor

Humor hilft Jasmin Reinhard bei der Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingen.

Humor hilft Jasmin Reinhard bei der Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingen.

Jasmin Reinhard betreut traumatisierte Flüchtlinge in der Zuchwiler Regiomech. Zu zweit leiten sie die Werkstatt mit 12 Arbeitsplätzen. «Humor ist sehr wichtig in diesem Beruf», sagt die diplomierte Arbeitsagogin.

Herr M. blickt von seiner Arbeit auf. Er wirkt etwas abwesend. Als Gruppenleiterin Jasmin Reinhard mit ihm zu scherzen beginnt, ist sein Blick plötzlich wach und er lacht. Vor ihm liegen Bretter, die er abschleift. Im Nebenzimmer sitzt Frau T. und faltet Prospekte.

Eine Arbeit, die ihr gut gelinge und die sie neben anderem seit etwa einem Jahr mache. Komplexere Aufgaben seien ausprobiert worden, jedoch habe sie diese nicht ausführen können. Die einfachen, seriellen Tätigkeiten mögen langweilig wirken, entsprechen aber für viele in der Integrationswerkstatt ihren derzeitigen Möglichkeiten.

Die zwölf Arbeitsplätze sind für Leute, die wegen körperlicher oder psychischer Einschränkungen nur bedingt arbeitsfähig sind. Rund die Hälfte sind wie Herr M. und Frau T. Menschen, die vor dem Krieg geflohen und stark traumatisiert sind.

Der Job verlangt Flexibilität ...

Reinhard ist gelernte Servicefachangestellte und mittlerweile diplomierte Arbeitsagogin. Die Werkstatt leitet sie seit 2,5 Jahren zusammen mit Regula Zeltner. Ein vielfältiger Job, so organisiert Reinhard etwa Aufträge, betreut die Teilnehmer und fördert sie in ihren Zielsetzungen. Einen typischen Tagesablauf gebe es nicht, daher sei Flexibilität gefragt.

Die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Nationen empfinde sie als bereichernd.
Die toughe Frau hält aber nichts vom Generalisieren. Sie würde nie behaupten, ihr Job bestehe nur aus schönen Momenten oder nur aus schwierigen Begegnungen. Ja, es gebe einige wenige, die kaum Dankbarkeit zeigten und nur forderten.

In diesen Fällen gehöre es dazu, Respekt zu vermitteln. Gleichzeitig wünsche sie sich raschere Sanktionen. Eine Kompetenz, die bei den Behörden liege, «wir selbst können nur verwarnen». Für andere Teilnehmer, die sie positiv überraschen, sähe sie gerne ein Belohnungssystem. «Bei diesen Menschen geht mir das Herz auf, das sind richtige Goldschätze.»

… Interesse und Verständnis

Die Flüchtlinge kommen via Sozialdienst in die Werkstatt. Wegen geringer Deutschkenntnisse, kultureller Unterschiede oder mangelnder Vorstellung von Selbstverwirklichung könnten sie selten sagen, welche Arbeit ihnen liegt.

Daher werde oft irgendwo begonnen, wobei die Aufgaben ohne entsprechende Ausbildung machbar sind. Später probiere man stetig aus, was ein Teilnehmer zusätzlich übernehmen kann, und arbeite ressourcenorientiert. Diese individuelle Betreuung erachtet Reinhard als äusserst wichtig.

Auch die Geschichten ihrer Schützlinge interessieren sie sehr. Nur so könne sie für deren – mitunter auch mal unangemessenes – Verhalten Verständnis entwickeln und entsprechend reagieren.

Verständnis fehlt manchen Aussenstehenden, wenn es um Reinhards Arbeit geht. Sie spüre, dass der Rassismus in den letzten Jahren zugenommen habe und führt dies auf Existenzängste zurück.

«Ich wurde auch schon gefragt: Wie kannst du nur?» Oder mit der kurzsichtigen Aussage konfrontiert: «Die sollen sich integrieren und arbeiten.» Sie versuche dann, den Blick zu öffnen. So sei es bei zirka 11'000 freien Stellen und 200'000 Stellensuchenden sogar für
gesunde Schweizer schwierig Arbeit zu finden.

Humor hilft auch

Ihr Ziel liege aber genau darin: die Teilnehmer in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Eine wichtige Aufgabe, findet Reinhard. «Denn wenn wir das nicht machen, können sich gesundheitliche Probleme verschärfen und hohe Kosten entstehen.

Sie appelliert daher auch an Firmen im ersten Arbeitsmarkt, Menschen mit Einschränkungen eine Chance zu geben. In der Werkstatt gelinge die Integration oft innerhalb eines Jahres. Wo nicht, versuche sie, zumindest wichtige Kompetenzen und Tagesstruktur aufzubauen.

Zudem habe sie sich die Aufgabe gegeben, die Teilnehmer, deren Arbeit fast meditative Wirkung habe, zu aktivieren. Etwa, indem sie sich nach der letzten Deutschstunde erkundet oder die Menschen zum Lachen bringt. «Humor ist sehr wichtig in diesem Beruf.» Und tut offensichtlich nicht nur ihr gut. Herr M. lächelt jedenfalls schon wieder, als er weiter Bretter schleift.

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