Die Mappe, die Michèle Anthony im Verlaufe der Erstinformationsgespräche an zuziehende Ausländer aushändigt, ist dick. Aber nicht alle erhalten dieselben Inhalte. «Die sind massgeschneidert», erklärt sie. «Eine Familienfrau braucht andere Informationen, neben den vorgeschriebenen, als ein Arbeiter, der nur kurz in die Schweiz kommt.»

Michèle Anthony hat am 15. Januar 2018 die neue 40-Prozent-Stelle als Integrationsbeauftragte angetreten und an der letzten Sitzung im Gemeinderat über ihr erstes Jahr berichtet. «Ich kann mit meinen 40 Stellenprozenten mehr in die Integrationsarbeit investieren, als das andere Gemeinden können», ist sie überzeugt. «Man kann beispielsweise die Erstinformationsgespräche so oder so führen. Ich fokussiere personenbezogen auf Themen.»

Als Beispiel nennt sie Menschen, die im Rahmen eines Familiennachzugs in die Gemeinde kommen. «In der Regel Frauen, deren Männer schon hier arbeiten.» Beim Erstgespräch bleibe es dann häufig nicht. «Bei Unklarheiten oder weiteren Fragen folgen weitere Gespräche. Dies eher bei Leuten aus Drittstaaten, denen unsere Kultur fremder ist, als beispielsweise bei Menschen aus Italien oder Spanien.» Da werden dann auch Themen wie Gleichberechtigung erörtert. «Das sind oft kultursensible Themen. Mithilfe meiner Unterlagen kann ich aufzeigen, dass die Gleichberechtigung gesetzlich verankert ist.» Etwa nach einem halben Jahr frage sie nach, wo die Frauen stehen. «Haben sie schon Deutschkurse besucht, sind sie in einem Verein, haben sie vielleicht schon eine Arbeitsstelle gefunden?»

Gespräche für Nachbardörfer

Andere Zuzüger brauchen zusätzliche Unterstützung. «Etwa eine Familienmutter mit kleinen Kindern. Die sind oft so stark beschäftigt mit ihren Kindern, dass sie keine Zeit finden, einen Deutschkurs zu besuchen. Es ist wichtig, diese Menschen länger zu begleiten, als nur ein Erstinformationsgespräch zu führen.» Neben dem Deutschkurs-Angebot, welches vom Kanton subventioniert wird, organisiert die Gemeinde in Zusammenarbeit mit der Bildungsorganisation Ecap Solothurn zusätzliche Deutschkurse, insbesondere für Eltern. Sie haben die Möglichkeit, Deutsch zu lernen, während Kleinkinder in dieser Zeit im Raum nebenan betreut werden. «Das Problem ist, dass für solche Kurse keine Kostenerlassgesuche beim Kanton gestellt werden können. Hier muss jede Gemeinde selber überprüfen, ob sie ihren einkommensschwachen Einwohnern diesen Kurs finanzieren wollen.»

Alteingesessene Ausländer

Die Integrationsbeauftragte betrachtet zudem vertiefter die Situation von ausländischen Einwohnern, die schon länger in Derendingen leben, aber die Sprache nicht beherrschen. Oft werde man in der Schule auf diese Leute aufmerksam. Etwa wenn Eltern Infoblätter ihrer Kinder nicht gelesen und nicht verstanden haben. «Dann versuche ich in Gesprächen, die Familiensituation zu verstehen und helfe beim Spracherwerb. Es kann sein, dass jemand lernungewohnt ist und deshalb keinen Kurs besuchen kann. Da gibt es Möglichkeiten wie Deutschtandems oder Deutschtische, an denen jemandem unkompliziert die Sprache näher gebracht werden kann.»

Diese niederschwelligen Angebote seien hilfreich. Hier will Michèle Anthony einen Schritt weitergehen. Aber nicht nur sie, auch die Politik, wie Gemeindepräsident Kuno Tschumi nach ihrer Berichterstattung im Gemeinderat erklärte. Als Beispiel nennt sie einen Elterntreffpunkt: «Wöchentlich einen Tisch anbieten, wo die Leute ein niederschwelliges Angebot haben, einfach kommen können und miteinander reden.» Weitere Beispiele seien Sprachförderung für Kinder im Vorkindergartenalter oder Frauentische, wo frauenspezifische Themen diskutiert werden können. Auch die Idee eines Familienzentrums werde bereits in einer Arbeitsgruppe diskutiert. «Das haben wir hier nicht in der Region. Ein Ort, an dem man sich unkompliziert treffen, Informationen oder Beratung holen oder an Anlässen mitmachen kann.»

Nach einem Jahr Arbeit an der Front habe sie gesehen, wie wichtig gerade die Erstinformation von Neuzuzügern ist. «Wer sagt ihnen sonst, dass sie die gesetzliche Pflicht haben, die am Wohnort gesprochene Landessprache zu lernen? Oder dass sie einen Hausarzt suchen sollen, weil wir einen Mangel haben und der Notfall im Spital keinen Husten kurieren will?»