Amtsgericht

Auf Ex-Freundin geschossen: Therapie für «Schütze von Zuchwil» wird um drei Jahre verlängert

Amok-Schütze von Zuchwil wieder vor Gericht

Amok-Schütze von Zuchwil wieder vor Gericht

Vor acht Jahren hat ein damals 22-Jähriger auf seine Ex-Freundin geschossen und sie schwer verletzt. Der Täter wurde zu 19 Jahren Gefängnis und einer stationären therapeutischen Massnahme verurteilt. Diese Therapie wurde nun um 3 Jahre verlängert.

Der Mann, der 2012 seine Ex-Freundin und eine weitere Frau töten wollte, stand am Dienstag vor dem Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt. Die Staatsanwaltschaft wollte die stationäre Massnahme um fünf Jahre verlängern, scheiterte jedoch mit dem Antrag.

Im Juni 2012 wollte er als 22-Jähriger seine Ex-Freundin und eine weitere Frau töten, weil sie ihn verschmähten. Dabei verletzte der «Schütze von Zuchwil» auf dem früheren Sulzer-Areal seine Ex mit zahlreichen Schüssen schwer und sitzt seither hinter Gittern. Nachdem das Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt im Jahr 2014 unter anderem für mehrfach versuchten Mordes «lebenslänglich» angeordnet hatte, reduzierte das Obergericht 2016 die Strafe auf 19 Monate, aufgeschoben zugunsten einer stationären Massnahme.

In einer solchen befindet sich Viktor T.* derzeit. Die fünfjährige Massnahme läuft im Herbst ab. Die Strafvollzugsbehörde verlangte nun eine Verlängerung um weitere 5 Jahre, darum kam es am Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt zur Verhandlung darüber. Dort folgte das Gericht mit Ueli Kölliker, Esther Haldemann Zeltner und Heinz Bucher dem Gutachter sowie dem Rechtsvertreter Stefan Suter, die eine Verlängerung um bloss 3 Jahre anstrebten.

Hoffen, dass die eingegangene Ehe hält

Die brutalen Taten stehen im krassen Gegensatz zur adretten Erscheinung des Verurteilten vor Gericht. Viktor sah den Sinn der Psychotherapie ein und ist zur Fortführung bereit. «Es tönt traurig, aber obwohl ich im Gefängnis bin, bin ich jetzt stabiler.» Durch Medikamente und Therapie mache der Mann Fortschritte in seiner Persönlichkeitsstörung (Bipolare II Störung), bestätigt auch der neu hinzugezogene forensisch-psychiatrische Gutachter Henning Hachtel. Beide Parteien waren sich einig, Viktor sei behandlungsfähig und -bedürftig. Doch Staatsanwältin Petra Grogg rechnete aus, dass 3 Jahre zu knapp seien. Gar 5 Jahre würden nur bei «supergünstigen» Bedingungen reichen. Viktor stehe erst auf Stufe 1.

Er durfte schon von zwei Polizeipersonen begleitet in den Ausgang. Aber das Durchlaufen der verschiedenen Stufen bis zu unbegleitetem Ausgang und beispielsweise auswärtigem Arbeiten daure länger, schon rein organisatorisch. So wie letztes Jahr könnten auch Therapeutenwechsel oder monatelange Pausen durch Ferienabwesenheit oder Krankheit des Therapeuten zu Verzögerungen führen. Zudem seien dabei noch keine Krisen einkalkuliert.

Tatsächlich ist Viktor momentan in einer ganz andern Lage. Zur Tatzeit fühlte er sich abgelehnt, nun ist er seit 2017 verheiratet. Der Ring an seinem Finger scheint Symbol dafür, von einer Frau angenommen zu sein. Was Anlass für seine Verbrechen war, ist nun nicht gegeben. Allerdings: Sowohl Staatsanwältin als auch Gutachter und Viktor selber sagten, dass die Beziehung auch Tiefs habe. Hachtel bezeichnete die Ehe als «Knackpunkt». «Die aktuelle Beziehung ist äusserst wichtig.» Sie werde zwar von aussen beobachtet, in ihr liege aber eine Chance für seine Entwicklung. Jedoch müsse Viktor transparent sein, und sagen, wenn es schwierig für ihn werde. Man müsse daher sein Verhalten beobachten. «Kann er sehen, was die andern sehen?» Hachtel erachtet einen stärkeren Einbezug der Ehefrau als wichtig.

Zwischen grosser Skepsis und viel Zuversicht

Grogg fand, die Verhaltensbeobachtung brauche Zeit. Zudem habe sich Viktor seiner Frau gegenüber manipulativ verhalten. Und er externalisiere Probleme, etwa wenn er sage, seine Ehefrau habe Stimmungsschwankungen. Das Paar kämpfe mit finanziellen Problemen, Probleme am Arbeitsmarkt seien vorprogrammiert.

Rechtsvertreter Suter argumentierte, man könne meinen, eine stationäre Massnahme sei eine «Rechtswohltat für Betroffene», weil man dabei seine Persönlichkeit entwickeln könne. Doch Strafvollzug sei im Gegenteil viel angenehmer. Er sah einen «Machtkampf»: «Die Vollzugsanstalt will sagen, wer bei ihnen einsitzt. Das geht natürlich nicht.» Er machte das Gericht darauf aufmerksam, dass es dafür zuständig sei. Er kritisierte die in einem Schreiben der Vollzugsanstalt enthaltenen Schilderungen – «wichtigtuerische Sprache» oder «wichtigtuerisches Aufgebläse» –, welche die Dinge nicht konkret nenne und dafür die Realität und das Gutachten falsch wiedergebe. Weil sein Mandant Opferhilfe selber abbezahlt habe, «hat er das Delikt doch eingesehen». Viktor mache mit und erziele Fortschritte. Die Rückfallgefahr liege gemäss Gutachten bei einer Wahrscheinlichkeit von maximal 5 Prozent.

Hachtel sagte: «Es geht nicht darum, dass Viktor ein besserer Mensch wird, sondern um ein besseres Risikomanagement seinerseits.» Die Erfolgsaussicht beurteile man heutzutage nicht mehr mit schwarz-weiss, sondern anhand eines Spektrums. «Viktor ist im hellgrauen Bereich, wo man es durchaus erhellen könnte.»

Kölliker erklärte, dass man nach den 3 Jahren falls nötig eine weitere Verlängerung der Massnahme beantragen könne, ansonsten sei Viktor dann nicht einfach frei, sondern würde bedingt entlassen.

*Name geändert

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