Christian Zimmermann

3345 Kilometer zu Fuss: Dieser Solothurner ist mit einem Einkaufswagen nach Moskau gelaufen

Christian Zimmerman ist mit Miss Molly wieder daheim. Die unter dem Gitter angebrachten Ersatzräder brauchte er nicht.

Christian Zimmerman ist mit Miss Molly wieder daheim. Die unter dem Gitter angebrachten Ersatzräder brauchte er nicht.

«Einfach immer laufen»: Christian Zimmermann aus Flumenthal kann es kaum glauben, dass er die Reise nach Moskau geschafft hat.

Im Nachhinein sei er selber überrascht, dass die Reise nach Moskau stattgefunden hat, sagt Christian Zimmermann im Wohnzimmer in Flumenthal. Er ist zurück von seiner 31/2-monatigen Wanderung. Stumme Begleiterin war Miss Molly, der Einkaufswagen.

Was waren die ersten Gefühle, als Sie wieder zu Hause waren?

Es ist ein schönes Gefühl, wenn man wieder eine Dusche hat oder den Kühlschrank öffnen kann, um ein Bier herauszunehmen, einfach den Luxus, den wir hier haben, wieder geniessen zu dürfen. Es ist auch ein gutes Gefühl, nicht mehr 16 Stunden tagtäglich, vier Monate, sieben Tage in der Woche unterwegs sein zu müssen. Das hat schon angehängt.

Ein Blick in den Spiegel ...

... hat gezeigt, dass ich rund zehn Kilo leichter bin. Ich habe mir vor der Reise vier Kilo angegessen. Beim Start war ich 79 Kilo schwer, jetzt wiege ich noch 68 Kilo. Ich fühle mich topfit. Eigentlich sollte ich gleich wieder losmarschieren. Die Probleme des ersten Monats mit Blattern und Muskelkater hätte ich jetzt nicht mehr.

Steht die nächste Reise schon?

Ich habe viele Ideen und möchte wieder von hier aus starten. Beispielsweise nach Teheran, das würde mich reizen.

Haben Sie die Regentage gezählt?

Es gab nicht viele ganze Regentage. Vielleicht drei, vier. Ich habe Glück gehabt. Aber natürlich gab es Tage mit einzelnen Regengüssen. Zweimal musste ich an der Donau, wo der Radweg überschwemmt wurde, Ruhetage wegen Regens einziehen. Ansonsten habe ich meinen Regenschirm mit einem Durchmesser von 1,5 Metern an Miss Molly befestigt und war so gut geschützt.

Wie verlief die Nahrungsbeschaffung?

Einfacher natürlich als bei meiner Querung von Australien. Ich konnte fast jeden Tag etwas einkaufen. Einzig in Deutschland, auf dem Donauradweg, war es mühsamer, weil der Weg ausserhalb der Dörfer durchführt und die Supermärkte manchmal auf der anderen Seite des Dorfes lagen. In Russland auf der M9 von der lettischen Grenze bis kurz vor Moskau ist das Angebot auch gering. Alle 30, 40 Kilometer kommt eine Tankstelle. Und was kann man an einer Tankstelle kaufen? Das war ein eintöniges Angebot. Zum Glück tauchten immer wieder Strassenverkäufer auf, die Beeren oder Gemüse verkauften.

Gab es auf der Wanderung ein medizinisches Problem?

Nein nie, ausser die Blattern.

Haben Sie sich manchmal gewünscht, in der jeweiligen Landessprache reden zu können?

Kommunikation war ein Riesenproblem. Da war ich teilweise über Wochen isoliert. In den Städten können fast alle Englisch, aber sobald man auf dem Land wandert, wird es schwierig bis unmöglich. Das begann in Tschechien, Polen, Litauen, Lettland und Russland, da spricht niemand englisch. Die Jungen haben theoretische Englischkenntnisse, aber nicht mündliche. Ich kannte vielleicht zehn Wörter in der Landessprache und mein Gegenüber zehn Wörter Englisch. So haben wir uns unterhalten.

Da blieb einzig Miss Molly zur Unterhaltung.

Ja, mit ihr habe ich viel gesprochen. Irgendwie muss man manchmal loswerden, was man auf dem Herzen hat, sei es Frust oder sonst etwas.

Sie werden über die Reise in Multimedia-Shows berichten. Wie beschäftigt waren Sie mit dem Fotografieren?

Meine Fotoausrüstung wiegt 15 Kilogramm. Zu den 3345 Kilometern nach Moskau sind etliche hundert Kilometer dazugekommen. Stativ hintragen, Videokamera befestigen, anschalten, mit «Molly» vielleicht hundert Meter laufen, dann zurücksausen, stoppen, das Material wieder einsammeln oder eventuell mit einer anderen Einstellung nochmals das Ganze von vorne.

Wie lief die Motivsuche?

Das läuft meist unbewusst. Automatisch scannt man mögliche Sujets, oder überlegt sich den Einsatz der Drohne, die mir automatisch folgt. Das gibt schon coole Sachen.

Drohnenaufnahmen von «Trolley-Man» Christian Zimmermann

Drohnenaufnahmen von «Trolley-Man» Christian Zimmermann

Der Flumenthaler lief ab Mai 2019 zu Fuss von zuhause nach Moskau. 111 Tage ist er marschiert und kam nach 3345 Kilometern am 23. August an seinem Ziel an. 

Sind die Menschen in allen Ländern gleich?

Nein, schon nicht. Die Menschen in Deutschland und in Österreich sind uns ähnlich. Ich habe super Leute angetroffen. Aber ab Tschechien wurde es dann ganz toll. Die Leute im Osten sind einfach eine Schippe gastfreundlicher und grosszügiger als in unseren Breitengraden. Kein Tag verging ohne Geschenke der Bevölkerung.

Wie kamen Sie in Kontakt?

Ich habe einen kleinen Flyer gedruckt mit einem Plan der Reiseroute und wenigen Stichworten. Mit dem Flyer und Händen und Füssen konnte ich jeweils erklären, was ich mache, und das hat die Menschen zum Staunen gebracht und begeistert. Meist ergab sich der Kontakt, weil ich jeden Tag Wasser brauchte.

Und die Litauer und Letten?

Die Litauer sagen von sich selber, dass sie reservierter seien als die Finnen. Das spürt man schon. Man sieht auch mehr grimmige Gesichter. In Lettland war es wieder wie in Tschechien und Polen. Und bei den Russen hatte ich ein zwiespältiges Gefühl von super genial bis na ja.

In Russland gingen Sie längere Zeit entlang einer viel befahrenen Strasse. Wie übernachteten Sie?

Es war kein grosses Problem, etwas zu finden. Aber man hört einfach ständig den Verkehrslärm, auch wenn ich hundert Meter in eine Seitenstrasse hineinging. Ich war zwei Wochen auf dieser Strasse, bis ich endlich abbiegen konnte. Der Verkehrslärm war Tag und Nacht eine Plage. Heute kann ich es nachvollzeihen, wenn Menschen, die an einer viel befahrenen Strasse leben, wegen des ständigen Lärms krank werden. Kommt hinzu, dass die Fahrweise der Russen gewöhnungsbedürftig ist. Rücksicht wird da wenig genommen.

Trolley-Man: Mit dem Einkaufswagen nach Moskau

Trolley-Man: Mit dem Einkaufswagen nach Moskau

Der 50-jährige Christian Zimmermann lief von Flumenthal bei Solothurn bis zum Roten Platz in Moskau. Zusammen mit seinem Einkaufswagen legte er die dreieinhalbtausend Kilometer in knapp vier Monaten zurück und ist nun von seiner Reise zurückgekehrt.

Wie meinen Sie das?

Sie scheuten sich nicht, mit wenig Abstand an mir vorbeizurasen. In den anderen Ost-Ländern wurde mir gegenüber extrem fair gefahren. 95 Prozent der Fahrer blinkten, wenn sie mir Platz machen mussten. In Deutschland und Österreich sind die Fahrer auch sehr fair. Sie überholen grosszügig, aber blinken nicht.

Miss Molly ist Ihnen ans Herz gewachsen und wartet sauber geputzt in der Werkstatt auf neue Abenteuer.

Ich wollte sie unbedingt nach Hause mitnehmen. Aber versuchen Sie mal in Moskau einen Einkaufswagen einzuchecken. Das war fast das grösste Abenteuer der ganzen Reise. Mein Flugticket kostete 16'000 Rubel. Miss Molly flog Business-Class für 25 000 Rubel.

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