Auf einen Kaffee mit
Zum Üben ging sie in die Verenaschlucht – erfolgreiche Sängerin mit Solothurner Wurzeln

Auf einen Kaffee mit ... Maria Riccarda Wesseling, internationale Sängerin mit Bündner und Solothurner Wurzeln.

Silvia Rietz
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Zum Üben ging Wesseling früher in die Verenaschlucht; für einen Kaffe in die damalige Krone.

Zum Üben ging Wesseling früher in die Verenaschlucht; für einen Kaffe in die damalige Krone.

Hanspeter Bärtschi

Maria Riccarda Wesseling geniesst im Hotel La Couronne einen Kaffee, blickt auf die Kathedrale. Beide Monumente kennt sie von früher. Zwischen dem letzten Espresso in der damaligen Krone und dem Muntermacher im heutigen La Couronne eroberte die Bündner Mezzosopranistin die grossen Opern- und Konzertbühnen. Sie legte eine internationale Karriere hin, wie es nur wenigen Schweizer Sängerinnen beschieden ist. Trotz Auftritten an der Berliner Staatsoper, dem Teatro Real, der Pariser Oper, dem Lincoln Center New York, um nur einige zu nennen, hat die Sängerin ihre Anfänge in Solothurn nie vergessen. «Ich habe bei Hedwig Vonlanthen studiert, und was die Solothurner Gesangspädagogin mir beibrachte, hat nie an Gültigkeit verloren. Hedwig Vonlanthen war ein Glücksfall, sie gab mir das entscheidende Rüstzeug mit.»

Zum Üben in die Verenaschlucht

Als Studentin lebte sie bescheiden zur Untermiete. Da sie in der Unterkunft nicht ständig üben konnte, sang sie in der Verenaschlucht oder in einer der Kirchen. «Die Kathedrale und die Jesuitenkirche waren leer und boten sich als perfekte Übungsräume an», lacht sie. Viel Zeit dafür blieb ihr jedoch nicht. Zusätzlich studierte sie nämlich in Biel Musikgeschichte, in Zürich Musikwissenschaften und an der Musikhochschule Bern.

Bereits während ihres Studiums wurde sie Mitglied der von Helmuth Rilling geleiteten Gächinger Kantorei und gastierte in ganz Europa. Schon bald verkörperte sie die Titelrolle in Rossinis «Cenerentola» in einer Tournee mit dem Orchestre National de Lille. In Südfrankreich kreisten ihre Gedanken allerdings weniger um Koloraturen und Don Ramiro als um reale Amore: Die damalige Maria Schmid verliebte sich, fand ihren Prinzen abseits der Oper und wurde schon bald Frau Wesseling. «Das ist nun zwanzig Jahre her, und wir sind noch immer zusammen glücklich und haben eine bezaubernde Tochter», strahlt sie und ihr tiefes, ansteckendes Lachen füllt den Raum.

Während dieser Zeit sang sie oft am Stadttheater Bern, suchte eine Wohnung für ihre Familie. Nach einigen Stationen fand sie in Obergerlafingen ein geeignetes Haus, kehrte für einige Zeit in die Region Solothurn zurück. Bis ihr 2006 mit dem kurzfristigen Einspringen an der Pariser Oper in der Titelrolle von Glucks Iphigénie en Tauride, inszeniert von Krzysztof Warlikowski und dirigiert von Marc Minkowski, der Durchbruch gelang.

Von Händel zum Zeitgenössischen

Nach dem Folgeprojekt, Glucks «Orpheus» unter Leitung von Thomas Hengelbrock und in der Inszenierung von Pina Bausch, wurde sie weltweit eingeladen. Ihr Mann fand bald einmal, dass er als «zeitweise alleinerziehender Vater» lieber in seiner Heimat Holland leben möchte. Maria Riccarda Wesseling, die Frau, die immer für Neues und Aufregendes zu haben ist, willigte ein und die Familie zog in die Nähe von Amsterdam. Jetzt pflegte sie von den Niederlanden aus ihr breites Repertoire, legte die Händel-Partien ab und begeisterte mit Zeitgenössischem (Titelpartie in der Uraufführung von Henzes «Phaedra» an der Staatsoper Berlin), mit Partien wie «La belle Hélène» in Bordeaux, «Carmen» in Bilbao sowie Giulietta in «Les contes d’Hoffmann» in Genf. Der Kontakt mit dem Schweizer Komponisten Daniel Philip Hefti stellte schliesslich den Kontakt zum Amaryllis Streichquartett her. «Hefti schrieb mir die Lieder ‹An durchsichtigen Fäden› auf den Leib», schwärmt sie. Die Arbeit mit dem Amaryllis Quartett, dem der gebürtige Solothurner Yves Sandoz angehört, empfindet sie als äusserst inspirierend.

Ein gemeinsamer Auftritt hat sie nun erneut in die Ambassadorenstadt gebracht: Der Kammermusik-Abend vom kommenden Montag mit Mezzosopran und Steichquartett verspricht, spannend zu werden. Um sich zu sammeln, wird sich die Sängerin im Vorfeld sicher auch in die Einsiedelei zurückziehen.