Kanton Solothurn

«Wir wurden förmlich überrannt»: Rotkreuz-Fahrdienst erlebt in Coronakrise eine Welle der Solidarität

Begeisterter Freiwilliger im Rotkreuz-Fahrdienst: Joseph Eng.

Begeisterter Freiwilliger im Rotkreuz-Fahrdienst: Joseph Eng.

Ein Teil der während der Coronakrise neu gewonnenen Fahrer engagiert sich langfristig für das Rote Kreuz. Der Bereichsleiter Entlastung beim Kantonalverband des Schweizerischen Roten Kreuzes erzählt, wie der Fahrdienst heute aufgestellt ist, und macht sich Gedanken über die Zukunft.

«Wenn nicht das Rote Kreuz hilft, wer dann? Auf der ganzen Welt sind wir bei Katastrophen im Einsatz. Da muss die praktische Unterstützung im Alltag hierzulande doch erst recht gegeben sein.» So fasst Mario Wüthrich, Bereichsleiter Entlastung beim Kantonalverband des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK), die Mission in einem eingängigen Appell zusammen. Doch der hehre Grundsatz sah sich beim Fahrdienst im März ausgebremst. Zwei Drittel dieser 150 freiwilligen Helferinnen und Helfer sind im Rentenalter. Sie durften von einem Tag auf den anderen nicht mehr fahren. Wer sollte nun Patienten zum Arzt und ins Spital bringen und abholen?

«Wir haben via ‹Radio 32› einen Aufruf für Fahrer im Berufsalter gemacht», berichtet Wüthrich. Das Ergebnis hat seine kühnsten Erwartungen übertroffen. In zwei Wochen haben sich 116 Personen gemeldet. «Wir wurden förmlich überrannt und konnten schliesslich nicht einmal alle einsetzen», erinnert er sich. Einsätze geleistet hätten 64 dieser Personen, die übrigen standen auf der Bereitschaftsliste. Interesse gab es aus allen Teilen des Kantons, wobei der Aufruf nach Aussage von Wüthrich rund um die Stadt Solothurn am meisten Echo fand.

Es musste alles sehr schnell gehen

Normalerweise schult das SRK seine Freiwilligen für ihren Einsatz. Doch im Frühling musste es schnell gehen. Ein Telefongespräch zur Klärung der Verantwortlichkeit und wichtiger Punkte im Verhaltenskodex musste genügen. Ausgerüstet mit Masken und Desinfektionsmitteln aus den Lagerbeständen des Kantons, packten die neuen Fahrer mit den bisherigen «Ü65» die Aufgabe an.

Dank des Pflichtbewusstseins und der vielfältigen Kompetenzen der neuen Freiwilligen ging alles gut. Probleme sind Wüthrich aus der Improvisationsphase keine bekannt. «Diese Leute waren alle hoch motiviert. Der Fahrdienst gab ihnen in Zeiten von Kurzarbeit und allgemeiner Unsicherheit eine wertvolle Perspektive.»

Inzwischen ist die Mehrheit dieser Freiwilligen zurückgekehrt in den Berufsalltag. 43 von ihnen engagieren sich aber langfristig im Fahrdienst. «In normalen Zeiten dürfen wir im Kanton pro Monat einen oder zwei neue Fahrer willkommen heissen. Das zeigt, wie wertvoll die Welle der Solidarität für uns war und ist», freut sich Wüthrich.

Von März bis Juni beschränkte sich der Fahrdienst auf die medizinischen Fahrten. Seither sind auch die sogenannten partizipativen Fahrten zum Einkaufen, Coiffeur und Jassplausch wieder möglich. Sie machen fünf bis zehn Prozent der Fahrten aus. Üblicherweise werden im Kanton knapp 70'000 Kilometer pro Monat gefahren. Im März sank dieser Wert auf gut 16'000 Kilometer (April: 18'000). Im Oktober waren es wieder 60'000 Kilometer.

Das Gesundheitsrisiko ist überschaubar

Seit dem Juni sind auch die «Ü65»-Senioren unter den angestammten Fahrern wieder zurück am Steuer. «Wir setzen auf Eigenverantwortung. Wer fahren will und gesund ist, soll das tun», sagt Wüthrich. Hilfreich sei da die Rücksprache mit dem Hausarzt. Wer aufgrund gesundheitlicher Risiken oder persönlicher Ängste nicht fahren darf oder will, dem hält der Kantonalverband dennoch die Treue. «Diese Freiwilligen haben sich jahrelang für uns eingesetzt. Auch wenn sie jetzt pausieren, gehören sie selbstverständlich weiterhin zur SRK-Familie», so Wüthrich.

Das Gesundheitsrisiko sei überschaubar: Die meisten Fahrten dauern weniger als eine Viertelstunde. Anders als im Lockdown gilt die Maskenpflicht nun für Fahrer und Passagier. Was die Quarantänelage angeht, so habe man bis vor zwei Wochen die Lücken gut füllen können. Seither sei es schwieriger geworden, sagt Wüthrich. «Der Aufwand zur Kompensation von Quarantänefällen hat deutlich zugenommen.»

Zwischendurch auch gern weite Strecken

Einer der Fahrer im Pensionsalter, der jetzt wieder unterwegs ist, von Montag bis Freitag, ist Joseph Eng. Der 73-jährige Zuchwiler fuhr nach der Pensionierung bis zur Altersgrenze von 70 Jahren für Inva mobil. Seit drei Jahren ist er für das SRK unterwegs. Gern fährt er zwischendurch weite Strecken, diese Woche zum Beispiel nach Winterthur. «Eine professionelle Organisation ist mir wichtig und das SRK schaut gut für uns Freiwillige», sagt er. «Der Fahrdienst gibt mir viel – Austausch mit anderen Menschen, eine gute Beschäftigung und Struktur im Alltag.»

Eng war beruflich in der Autobranche im Aussendienst tätig. Seinen Mercedes pflegt er sorgfältig. Im Lockdown brachte er mit Pinsel, Hammer und Säge sein Haus auf Vordermann und zählte die Tage, bis er wieder zum Einsatz kommen durfte. Wie eine Heimkehr sei es gewesen, sagt er. «Es berührt mich immer wieder von neuem, wie dankbar die Leute für den Fahrdienst sind.»

Wenn das Auto an Bedeutung verliert

Als Bereichsleiter Entlastung und Regionalstellenleiter Solo thurn-Grenchen ist Mario Wüth rich unter anderem strategisch tätig. In Zukunft geht er von einer Gesellschaft aus, in der das Privatauto nicht mehr das Mass aller Dinge ist. Für die Babyboomer sei das Auto eine Selbstverständlichkeit, ein Symbol von Unabhängigkeit und Erfolg. Nach den Babyboomern komme eine Generation ins Pensionsalter, für die der öffentliche Verkehr mehr Bedeutung hat.

Kombiniert man diese Tatsache mit dem bereits herrschenden Trend, Freiwilligenarbeit kurzfristig und projektgebunden zu leisten, so ist klar: Der Wandel hat einen starken Einfluss auf den Fahrdienst. Freiwillige sind dann schwieriger zu rekrutieren als heute.

«Beim Roten Kreuz gehen wir immer mit der Gesellschaft und passen uns den Bedürfnissen an», sagt Wüthrich. Deshalb mache man sich Gedanken über einen Begleitdienst im ÖV. In den nächsten Jahren sei das aber noch kein Thema. Der Fahrdienst könne vorerst die Mobilitätsbedürfnisse abdecken, für die er geschaffen wurde.

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