Kinomarkt
Wie sich Kinofamilien im Kanton Solothurn gegen die Krise stemmen

Von den grossen Schweizer Kinobetreibern umzingelt, von Netflix herausgefordert und vom Coronavirus gebeutelt – die Solothurner Kinos kämpfen ums Überleben. Wie? Mit viel Herzblut und grosser Flexibilität. Denn in diesem Kanton geben Familien den Ton an im Filmgeschäft. Eine Branche unter der Lupe.

Jocelyn Daloz, Sébastian Lavoyer
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Konrad Schibli in Olten bietet den grossen Kinobetreibern die Stirn.

Konrad Schibli in Olten bietet den grossen Kinobetreibern die Stirn.

Mirjam Wetzstein

In Kürze

- Kinos leiden seit Jahren von der Konkurrenz zu Netflix und weiteren Streamingplattformen.

- Die aktuelle Krise verschärft die Situation weiter: Nebst den Einschränkungen laufen praktisch keine grossen Filme, weil die Filmverleiher diese zurückhalten.

- Im Kanton Solothurn sind die meisten Kinos fest in Hand von Familien oder Einzelunternehmen: Wie gehen sie durch die Krise? Und wie kommt es, dass die grossen Multiplexkinos nicht im Kanton vertreten sind?

Langsam geht es ans Lebendige. Erst der Lockdown, dann der schöne Sommer und kaum wird das Wetter wieder schlechter und beginnt im Oktober die eigentliche Kinosaison, schwappt die zweite Coronawelle über die Schweiz. Der Bundesrat zog die Schraube an, Einschränkungen hier und da und überall. Für die Solothurner Kinos bedeutet es, dass sie derzeit noch genau 30 Leute in ihre Säle lassen dürfen. Damit wäre das grösste Kino im Kanton, das «Rex» in Grenchen, knapp zu einem Zehntel gefüllt.

Wirtschaftlich lässt sich so kein Betrieb führen, das ist klar. «Wir analysieren die Möglichkeiten und warten ab. Sicher ist, dass wir bis zum bitteren Ende für die Kinos kämpfen und hoffen, dass sich die Lage bis im Sommer normalisiert und endlich wieder Blockbuster und damit Leute ins Kino kommen», sagt Angel Rodriguez, Betreiber der beiden Grenchner Kinos Rex und Palace sowie des Solothurner Kinos Casablanca.

Elena Cogliatti

Ein kleines Wunder geschah

Das erste Opfer hat die Krise in Solothurn eigentlich schon gefordert. Anfang Oktober kündigte Ronny Hediger an, dass das Kino Onik in Oensingen Ende 2020 schliessen müsse. Vor rund einem Jahr starb sein Vater, langjähriger Betreiber des Kinos in Oensingen. Seither suchte Ronny Hediger einen Käufer. Denn dem Kino machten mehrere Dinge zu schaffen: Die Konkurrenz der Multiplex-Kinos in der Umgebung zog Kunden ab, Plattformen wie Netflix hielten ebendiese zu Hause und die Kraft für Neues fehlte ihm und seinen Geschwistern. Vor allem auch, weil es neben Jobs und Familie zu viel war.

Doch dann geschah ein kleines Wunder. Oder vielleicht war auch ein kleines bisschen Wahnsinn, das Christian Riesen ritt. Er hat vom drohenden Ende in der Zeitung gelesen und sich dann gedacht: «Es kann doch nicht sein, dass das einzige Kino zwischen Olten, Solothurn und Langenthal geschlossen wird.» Die Zeit für eine tiefgreifende Analyse hätte ihm gefehlt, aber er habe auch schon der totgeglaubten Grenchner Messe Mia wieder Leben eingehaucht. «Es muss machbar sein, dass dieses Kino mit seinen zwei Angestellten wieder selbsttragend wird», ist Riesen überzeugt.

Warum nimmt jemand in einer Krise ein so grosses Risiko auf sich? «Das ist eine Herzblutangelegenheit. Will jemand richtig Geld verdienen, muss er etwas anders machen», sagt Riesen. Er hat mal eine Lehre gemacht in der Audio- und Videoelektroniker. Heute ist er Wirtschaftsinformatiker. Die Liebe zum Film zieht sich aber wie ein roter Faden durch sein Leben. Seit circa 15 Jahren sei er auch immer wieder als Statist unterwegs. So bekam er Kürzestrollen im Tatort, oder in den Schweizer Filmen Chicken Mexicaine oder Dällebach Kari. Seine Cousine ist Filmemacherin. Riesen ist ein Macher.

Als die Leute noch Schlange standen für Videokassetten

Herzblut, Leidenschaft – es sind diese Eigenschaften, die wohl allen Kinobetreibern im Kanton Solothurn gemein sind. Denn die grossen Zeiten des Kinos sind vorbei. Erst kam das Fernsehen, dann die Grossbetriebe und zuletzt die Streamingplattformen. 1960, als das «Canva» an den Toren der Stadt Solothurn am 3. Dezember eröffnet wurde, war das anders. Es waren die goldenen Tage des Kinos.

Sein Grossvater Charles Frey sei aus Zürich in die Ambassadorenstadt gekommen, erzählt Jan de Boer.

Hanspeter Bärtschi

Das Haus, das heute drei Kinosäle beherbergt, war damals ein Unterhaltungstempel. Ein grosses Restaurant, ein Theatersaal, ein Kinosaal und im Keller eine Kegelbahn. Alles mit einer Prise «Ticino», deshalb auch der Name «Canva». «Das war eine ziemliche Adresse, die Leute sind von weither gekommen, wie mir meine Eltern und mein Onkel erzählt haben», sagt De Boer. Ab Januar wird er das «Canva» von seinem Onkel übernehmen und in dritter Generation weiterführen.

Als er Kind war, standen sich die Leute im Foyer auf den Füssen herum, wenn man am Wochenende einen alten Belmondo, Bud Spencer oder James Bond zeigte. Er erlebte den Boom der Videothek, als die Menschen Schlange standen bis auf die Strasse hinaus um eine Kassette zu ergattern. In der jetzigen coronabedingten Situation mache es eigentlich keinen Sinn noch geöffnet zu haben, sagt er. Und macht es trotzdem. Den Stammgästen zuliebe. Aus Überzeugung.

Vielleicht auch einfach, um ein bisschen Hoffnung zu wahren. «Die Ungewissheit ist wahnsinnig aufreibend. Wenn wir doch endlich wüssten, wann es weitergehen kann und wie», sagt er. Langsam werde es schwierig – trotz Kurzarbeit für seine Belegschaft. Bis Sommer 2021 reicht es noch, danach wirds eng. Aber Aufgeben ist kein Thema. Das grosse 60-Jahr-Jubiläum musste er wegen Corona verschieben. Aber er glaubt fest daran, dass die Feier nachgeholt werden kann. Er hofft noch vor dem 3. Dezember 2021.

«Fast wie bei einem Virus, das sich in einer Familie verbreitet»

Zwölf Jahre nach Charles Frey stieg auch Heinz von Gunten ins Kinogeschäft ein. 1972 mietete er das erste Kino aus einer Erbgemeinschaft heraus, später kaufte und renovierte er es. Unterdessen besitzt die Familie von Gunten zwei Kinos in Solothurn, das «Capitol» und das «Palace». Heinz von Gunten ist längst nur noch im Hintergrund tätig, als Verwaltungsratspräsident.

Die Kinder haben übernommen. Das hätte der Patron nicht erwartet. Tochter Romana hat Marketing und Kommunikation in Biel studiert, Sohn Mark war Banker.

Mark von Gunten führt zusammen mit seinen zwei Schwestern und seinem Vater die Oltner Kinos Palace und Capitol.

Mark von Gunten führt zusammen mit seinen zwei Schwestern und seinem Vater die Oltner Kinos Palace und Capitol.

Hanspeter Bärtschi

Unterdessen sind sie genauso fester Bestandteil der Geschäftsleitung wie die kaufmännisch ausgebildete Bettina, die zweite Tochter. «Das ist fast wie bei einem Virus, das sich in einer Familie verbreitet. Wenn dich das Kinogeschäft einmal packt, dann lässt es dich nicht mehr los», sagt von Gunten Senior.

Die Faszination Kino – Konrad Schibli aus Olten kommt ins Schwärmen, wenn er davon erzählt.

Konrad Schibli in der familiären Atmosphäre seines Kinos.

Konrad Schibli in der familiären Atmosphäre seines Kinos.

Archiv

Dem Kino hafte immer «etwas Glamouröses» an, «ein Hauch von Hollywood», sagt der Mann mit den langen grauen Haaren und dem extravaganten Auftritt. Schon als kleiner Junge half er im Kino seines Grossvaters, als Platzanweiser bei den Kindervorstellungen. Arbeit im Kino, das war von Anbeginn immer auch Spass. «Wenn man als Kind so nahe dabei ist beim Unternehmen, dann bindet man sich schneller als später», sagt Schibli. Wie das ja auch bei Bauernbetrieben häufig zu sehen sei.

Konrad Schibli führt das Familiengeschäft in dritter Generation. In Olten nennen sie ihn alle Kinokoni, er gehört zu der Stadt wie die Aare und der Nebel. Doch Kinokoni ist Olten längst entwachsen. Vor einigen Jahren eröffnete er in Oftringen sein erstes Multiplexkino. Und doch sei es anders als die Multiplexkinos der Kinogiganten. Neben den sechs Kinosälen gehöre ein Restaurant zum Komplex, Eventhallen, ein Adventureraum: «Wir sind vielseitig abgestützt.»

Was können die Kleinen, was die Grossen nicht bieten?

Das Kino wurde oft totgesagt. TV, Videokassette, Streamingplattformen – die Konkurrenz wuchs über die Jahrzehnte. Und einzelne Betreiber wurden gross und grösser. Die drei Grössten betreiben 40 bis 45 Prozent aller Kinosäle. Von Solothurn haben sie die Finger gelassen. Aber die Giganten haben den Kanton in die Mangel genommen (siehe Grafik). Als die «Kitag» vor ein paar Jahren ein Multiplexkino in der Tissot-Arena bei Biel eröffnete, musste man damit rechnen, dass damit in Grenchen das Publikum abgezogen wird. Angel Rodriguez aber sagt: «Das war zu Beginn definitiv spürbar, hat sich aber eingependelt. Vermutlich hat es auch eher Leute dorthin gezogen, die zuvor schon ins Westside nach Bern gingen.»

Rodriguez tanzt ein wenig aus der Reihe im Kanton Solothurn. Ähnlich wie Neo-Kinobetreiber Christian Riesen. Sie entstammen keiner Kinofamilie. Aber die Betriebe, die sie übernommen haben, waren zuvor auch über Jahrzehnte in Familienhänden gewesen. So wie in Solothurn und Olten. Was alle vereint, ob Familienbetrieb oder nicht, ist die Leidenschaft fürs Kino. Heinz von Gunten sagt: «Unser Programm ist nicht industriell wie bei den Multiplexkinos.» Alles sei familiärer, persönlicher, Stammkunden grüsst man mit Namen. In allen Betrieben.

Und man ist offen für Experimente. Für einen Whiskey-Abend mit Film und Degustation, für Kunstdarbietungen mit dem Screen als zusätzliche Dimension, für irgendwas. «Ich bin überzeugt, dass fast jeder Kinobetreiber in Solothurn sich für neue Ideen gewinnen lässt, die bei der «Kitag» oder «Pathé» wohl kaum Chancen hätten», sagt Christian Riesen. «So viel Herzblut ist nur in Familienbetrieben möglich», sagt Heinz von Gunten, «in grossen Strukturen müssen sie andere Schwerpunkte setzen.»

Aber momentan darben sie alle. Die Leute bleiben daheim. Auf behördliche Anweisung. Die Blockbuster werden ausgesetzt, verschoben und wieder verschoben. Und dann auf einer Streamingplattform gezeigt. Ist es das Ende des Kinos? Wohl kaum, auch wenn es wohl selten härter auf die Probe gestellt wurde als durch und während dieser Krise. Aber unterkriegen lässt es sich nicht.