Obergericht

Wie gravierend war der Messerschnitt des «Tschinggeli»?

Eine feucht-fröhliche Runde kam vom Essen am Bielersee ans Solothurner Aaremürli. Hier führte der Alkohol zu einer folgenschweren Tat.

Eine feucht-fröhliche Runde kam vom Essen am Bielersee ans Solothurner Aaremürli. Hier führte der Alkohol zu einer folgenschweren Tat.

Er sei «wohl auch ein Tschinggeli», hatte ein Italo zum anderen gesagt. Der fand das nicht lustig und zog, betrunken, das Messer. Jetzt entscheiden die Richter, ob es vorsätzliche Tötung war.

Die Tat geschah am 24. Januar 2015 früh nach Mitternacht. Es begann mit einer verbalen Auseinandersetzung, im «Solheure», im einstigen Schlachthaus. Es endete damit, dass ein damals 37-Jähriger einen jüngeren Mann am Hals mit einem Messer verletzte. Am Mittwoch war der Fall vor dem Obergericht. Dieses muss nun darüber entscheiden, ob es eine versuchte vorsätzliche Tötung oder eine einfache Körperverletzung war.

Vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern hatte der Italiener fünf Jahre Haft für versuchte vorsätzliche Tötung mit einem gefährlichen Gegenstand kassiert. Der Täter bestreitet trotz angeblicher Gedächtnislücken seine Messerattacke zwar nicht, möchte aber nur für einfache Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegenstand bestraft werden.

«Es tut mir leid. Wenn ich die Uhr zurückdrehen könnte, würde ich es machen», bereute er in der Berufungsverhandlung vor dem Obergericht. An jenem Samstagabend hatte er bereits Alkohol konsumiert. Er war mit Freunden am Bielersee Treberwurst essen gegangen. Mit einem Kleinbus zog die fröhliche Runde weiter nach Solothurn.

Täter forderte Respekt fürs Alter

Vor der Toilette des «Solheure» provozierte ein mehr als zehn Jahre jüngerer Italienischstämmiger den Italiener, indem er sagte, er sei «wohl auch ein Tschinggeli». Der Ältere wurde wütend, es gab einen verbalen Streit, jemand Drittes schritt dazwischen. Blitzschnell zog der Angeklagte sein zum Essen mitgeführtes Taschenmesser «Champagne Mercier».

Er schnitt dem Jüngeren quer über den Hals. Die Narbe ist auch jetzt noch zu sehen, unterhalb des Ohrs, hinten seitlich, 9 Zentimeter lang. Der Täter übergab das Messer einem Dritten und verliess das Haus.

Staatsanwältin Claudia Scartazzini, welche im erstinstanzlichen Prozess bloss drei Jahre Strafe verlangt hatte, erklärte sich mit dem amtsgerichtlichen Urteil einverstanden. «Er verwendete das Messer, um sich Respekt zu verschaffen», sagte sie. Er sei davon ausgegangen, dass man «das Alter respektieren» müsse.

«Es ist eine dünne Schicht zwischen Zivilisation und der archaischen Natur des Menschen», deshalb habe der Alkohol gereicht, um die «Struktur» der Zivilisation wegfallen zu lassen. «Man kann ihm keinen direkten Vorsatz nachweisen», aber den Tod habe er in Kauf genommen. «Man weiss, auch wenn man Alkohol intus hat, dass ein Messer am Hals saugefährlich ist.»

Fingernagel oder Messer?

Opferanwältin Stefanie Selig wies darauf hin, dass der Täter «völlig unvermittelt» mit dem Messer auf das Opfer losging. «Es war pures Glück, dass nichts Schlimmeres passierte.» Damit betonte sie die Einschätzung der Vorinstanz, nämlich, dass nur der Zufall den Tod verhindert habe. Dem widersprach Verteidiger Reto Gasser. Sein Mandant habe trotz Alkoholisierung (1,23 bis 1,97 Promille) die Klinge geführt an den Hals gebracht, also kontrolliert.

Keiner der Zeugen, nicht einmal das Opfer, hätten das Messer oder irgendetwas in der Hand gesehen. «Er hat damit die Klingenlänge künstlich verkürzt und die Schnitttiefe reduziert.» Sogar der begutachtende Kantonsarzt habe gesagt, der Schnitt sei nicht so tief gewesen. Das Opfer, so Gasser, habe keine Schmerzen verspürt, es habe den Schnitt als «schnelle Schlagbewegung am Hals» empfunden. Auch die Zeugen hätten die Faust gesehen. Das Opfer habe den Schnitt nicht realisiert, «es dachte erst, es sei ein Fingernagel gewesen».

«Es gab nie eine unkontrollierte Situation. Die Vorinstanz macht es sich zu einfach, indem es sagt, es sei Zufall», hielt der Verteidiger fest. Es sei auch deswegen nichts Schlimmeres geschehen, weil sein Mandant nur einmal angegriffen habe, dann das Messer weggab und sich entfernte. Der Verteidiger versuchte weiter, eine Affekthandlung geltend zu machen.

Sein Mandant habe die Tat weder angekündigt noch vorbereitet. Er sei in einer «psychischen Extremsituation» gewesen. Gasser beanstandete, dass das Amtsgericht die heftige Gemütsbewegung des Täters, verursacht durch die Beleidigung, nicht gewürdigt hatte. Der Angeklagte hat wegen des Urteils seinen kaufmännischen Job im mittleren Kader im Luxuslebensmittelsegment verloren und ist arbeitslos.

Das Gericht gibt das Urteil am Donnerstag bekannt.

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