Nikotinsucht

Wie gefährlich sind E-Zigaretten? Und was bringen sie? Das meint ein führender Forscher

Ist bei vielen Jugendlichen beliebt: Das Qualmen von E-Zigaretten.

Ist bei vielen Jugendlichen beliebt: Das Qualmen von E-Zigaretten.

E-Dampfer statt herkömmliche Zigaretten: Sind sie ein probates Mittel zur Schadensminderung oder einfach ein weiteres Mittel, das Leute süchtig macht? Reto Auer ist einer der führenden Forscher in der Schweiz auf diesem Gebiet. Und er findet an E-Zigaretten sowohl Gutes als auch Schlechtes.

Können Raucher dank E-Zigaretten vom Tabak wegkommen? Und wie gefährlich sind sie? Diese Fragen, die das Pilotprojekt der Suchthilfe Ost begleiten, beschäftigen auch Reto Auer. Anhand einer Studie versucht er, wissenschaftliche Antworten zu finden. Auf dem Pult in seinem Büro am Berner Institut für Hausarztmedizin liegen verschiedene E-Zigaretten. Während des Gesprächs nimmt er sie immer wieder in die Finger und zeigt auf, wie genau sie funktionieren.

E-Zigaretten sind in der Politik und den Medien sehr präsent. Wieso gerade jetzt diese Studie?

Reto Auer: Das Interesse kommt aus der Praxis. Viele Leute fragen mich: Wie gefährlich ist Dampfen? Diesen Leuten konnte ich als Hausarzt bisher keine Antwort geben. Unser Forschungsteam ist zudem schon lange an dem Thema dran, seit 2014. Damals fehlte jedoch das Geld, um eine Studie zu finanzieren.

Wer bezahlt die Studie jetzt?

Der Schweizerische Nationalfonds. Und zusätzlich bekommen wir Geld vom Tabakpräventionsfonds und der Krebsliga Schweiz. Das sind alles unabhängige Mittel. Die Forscher bekommen kein Geld von der Pharma-, der Tabak- oder der Verdampfer-Industrie.

Wieso diese Studie?

Rauchen verursacht am meisten vermeidbare Todesfälle in der Schweiz. Mit den Nikotinersatztherapien waren wir bisher stark eingeschränkt. Diese sind für Rauchenden, die aufhören wollen, nicht so befriedigend wie normale Zigaretten. Rauchstopberatung kann deshalb frustrierend sein. 80 Prozent der Leute beginnen danach wieder mit Rauchen. Medikamente zum Rauchstopp wirken zwar gut, nur wollen diese nur wenige einnehmen. Wir sind immer auf der Suche nach neuen Methoden. Und E-Dampfer sehen vielversprechend aus. Nun müssen wir die genau untersuchen.

Wie gefährlich sind E-Zigaretten?

Mit grosser Wahrscheinlichkeit sind E-Dampfer viel weniger gefährlich als Zigaretten. Die Flüssigkeiten, die verdampft werden, enthalten Kunststoffe. Diese Stoffe kennen wir. Wir wissen, welche schädlich sind und welche nicht. Den Teer aus den Zigaretten haben wir nicht mehr. Viele krebserregende Stoffe haben wir nicht mehr. Es ist dasselbe wie bei den E-Autos: Man kann immer sagen, wir kennen die Spätfolgen nicht. Aber man kann sagen, was beim Auspuff rauskommt, sieht besser aus als bei normalen Autos. Die Frage ist nicht, ob E-Dampfer weniger schädlich sind als Zigaretten, sondern wie viel weniger schädlich.

Aber E-Zigaretten haben Nikotin, und das macht süchtig.

Ja, das ist ein Problem. Lange hatten wir einen Konsens: Zigaretten sind nicht gut. Doch jetzt haben wir E-Zigaretten: Die machen auch süchtig, sind aber weniger schlimm. Die Fachleute sind deswegen gespalten. Manche sagen, die Nikotinsucht ist das Problem, die Leute müssten ganz davon wegkommen. Andere sehen im Tabak das Hauptproblem. Beide Anliegen sind berechtigt. Meine Aufgabe als Hausarzt ist es, dass die Leute nicht sterben. Sucht ist nie toll. Aber das Nikotin selbst bringt die Leute nicht um, sondern der Teer. Ich glaube, wir müssen pragmatisch sein. Wenn jemand mit Rauchen aufhören möchte, aber mit Pflaster oder Medikamenten keinen Erfolg hatte, dann empfehlen wir Hausärzte ihm jetzt schon, E-Dampfer zu versuchen.

Die Suchthilfe Ost geht weiter: Sie gibt E-Zigaretten gratis ab.

Ein gutes Projekt. Auch ein mutiges, weil die Sicherheitsfragen bei E-Dampfern noch nicht gänzlich beantwortet sind. Wir als Wissenschaftler sind da etwas vorsichtiger. Wir sind weder pro noch kontra, sondern überprüfen. Deshalb kann ich als Forscher zurzeit nicht an solchen Projekten mitmachen. Denn wenn wir herausfinden sollten, dass E-Dampfer gefährlicher sind als gedacht, müssen wir diese Resultate unabhängig veröffentlichen. Ausserdem muss man sehen: E-Dampfer sind extrem billig.

Billiger als Zigaretten, und auch billiger als Nikotinersatzprodukte.

Das ist eine Schande. Eine Packung Zigaretten kostet acht Franken, ein Pflaster für einen Tag sieben. In Frankreich und Italien kosten diese einen Drittel davon. Irgendwas läuft schief mit den Preisen in der Schweiz. Hier müssen wir besser werden. E-Zigaretten kosten, je nachdem wie viel man dampft, ein bis zwei Franken pro Tag. Damit werden sie auch interessant für Raucher.

Aber auch für Jugendliche. Kritiker meinen, E-Zigaretten ebnen den Weg für den Tabak.

Ich glaube nicht, dass viele Jugendliche nach dem Dampfen auf Tabak umsteigen. Die E-Zigarette haben sie ständig im Sack, sie riecht nicht, sie ist billiger und weniger gefährlich, die Mutter bemerkt sie nicht einmal. Wieso sollte ich noch rauchen wollen? Aber E-Zigaretten enthalten Nikotin, und Nikotin macht süchtig. Ich glaube, hier liegt das Hauptproblem: Das Thema ist nicht schwarz-weiss. Auf der einen Seite haben wir Nichtraucher und Jugendliche: Für die ist es sicher nicht gut, wenn sie mit Dampfen anfangen. Wobei es immer noch besser ist als mit Rauchen anzufangen. Auf der anderen Seite haben wir Raucher. Für die ist es sicher besser. Denn das müssen sie schreiben: 50 Prozent der Leute, die Rauchen, sterben daran. Verkaufe ich ein Joghurt , von dem ich weiss, jeder Zweite stirbt daran? Und nicht nur verkaufe ich es, ich mache auch noch Werbung dafür.

Aber die Raucher wissen, wie schädlich Zigaretten sind.

Rauchen ist eine Kinderkrankheit. 80 Prozent der Rauchenden haben vor ihrem 18 Lebensjahr damit angefangen. Sobald man süchtig ist, reicht es nicht mehr, das zu wissen. Sucht ist etwas anderes. Das müssen wir akzeptieren. Man darf nicht sagen: Die Leute sind informiert und sollen sterben. Nein. Das sind Kinder. Werbung für Tabak bei Jugendlichen ist ein Skandal. Wir sagen nicht, man muss Tabak verbieten, aber die Werbung dafür.

Zum Tabak und zu E-Zigaretten gibt es x verschiedene Meinungen, in Studien und in den Medien. Wem kann man glauben?

Wir leben in einer wirtschaftsorientierten Gesellschaft. Wir müssen genau hinschauen, was im Moment passiert. Ich sehe zwei Verwirrungen: Die erste betrifft die Tabakindustrie. Die verkauft Tabak, nicht Chemie. In E-Zigaretten hat sie unendlich Konkurrenz aus China. Die Juul bringt in Amerika zwar Geld ein, aber die ist wie ein iPhone: nicht besser, aber teurer. Mit E-Zigaretten kann die Tabakindustrie in der Schweiz wenig Geld machen. Wenn wir sagen, E-Zigaretten sind eine Katastrophe, helfen wir der Tabakindustrie.

Das zweite Problem betrifft Jugendliche. Es ist berechtigt, wenn Leute fordern, man solle Werbung für E-Zigaretten verbieten. Aber: Dann muss auch Werbung für Tabak verboten werden. Das fehlt mir in der Debatte. Man sagt: E-Zigaretten sind eine Katastrophe, die Welt wird untergehen. Nein. Die Welt ist untergegangen. Über 30 Prozent der Jugendlichen rauchen und das hat sich seit 2012 nicht verändert. Hier sind wir in der Verantwortung. Es braucht ein komplettes Werbeverbot, für Tabak wie auch für E-Dampfer.

Was wir Wissenschaftler beisteuern können: Unsere Resultate rigoros analysieren. Und bescheiden sein. Einfach sagen, wir prüfen, so gut wir eben können. Aber solche Konzepte sind schwierig zu kommunizieren. Die erste Reaktion auf E-Zigaretten ist häufig: Die könnten schlecht sein. Aber: Sie sind nicht nur schlecht. Aber auch nicht nur gut.

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