Obergericht

Wer warf hier den «ersten Stein»? Messerstecher von Solothurn attackierte den Falschen

Irrtum: Messerstecher von Solothurn attackierte den Falschen

Irrtum: Messerstecher von Solothurn attackierte den Falschen

In der Solothurner Vorstadt wurde vor rund sechs Jahren ein Mann mit einem Messer angegriffen und am Hals schwer verletzt. Der Täter glaubte, sein Opfer schulde im Geld für Drogen. Er irrte sich jedoch in der Person. Am Donnerstag musste sich der Angreifer vor dem Solothurner Obergericht verantworten.

In der Solothurner Vorstadt wurde vor rund sechs Jahren ein Mann mit einem Messer angegriffen und am Hals schwer verletzt. Der Täter glaubte, sein Opfer schulde im Geld für Drogen. Er irrte sich jedoch in der Person. Am Donnerstag musste sich der Angreifer vor dem Solothurner Obergericht verantworten.

Knapp erzählt: Ein damals 28-jähriger Türke gibt einer Person 100 Franken für Cannabis. Weil er den Stoff nicht erhält, kauft er sich für 95 Franken ein Klappmesser und fügt damit zwei Stunden später am Patriotenweg in Solothurn einer Drittperson, einem etwa gleichaltrigen Ägypter, eine Schnittwunde am Hals zu. Dazu gibt es aber verschiedenste Versionen, es ist ein eigentlicher Wirrwarr.

Für die Tat, die sich am 25. März 2014 zugetragen hatte, wurde der Türke Can B.* vom Amtsgericht Solothurn-Lebern wegen versuchter vorsätzlicher Tötung zu fünf Jahren Haft, zur Zahlung von 5000 Franken Genugtuung und Schadensersatzpflicht verurteilt. Can, aber auch der Geschädigte Marik K.* sowie die Staatsanwaltschaft legten Berufung ein. Staatsanwalt Ronny Rickli fordert sieben Jahre Gefängnis und eine vollzugsbegleitende Massnahme. Verteidiger Alexander Kunz plädiert für eine Verurteilung bloss wegen versuchter schwerer Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegenstand in einem Notwehrexzess. Er findet 18 Monate bedingte Haft bei einer Probezeit von zwei Jahren für angemessen. Mariks Anwalt Benvenuto Savoldelli verlangt 200000 Franken Genugtuung für seinen Mandanten.

15 Zentimeter langer Schnitt am Hals

Can hat Marik wohl zuerst mit dem Dealer verwechselt, ihn zumindest für dessen Bekannten gehalten, weswegen er ihn angehalten hat. Zwei Zeuginnen haben einen kurzen Wortwechsel zwischen den beiden beobachtet. Marik hat Can vermutlich zuerst geboxt und am Kragen gepackt. Can habe sich gewehrt und das eben gekaufte Messer aus dem Sack hervorgeholt. Daraufhin habe Marik ihn in den Arm gebissen.

Can wich zurück, holte aus und schnitt in den Hals des Gegners. Ursprünglich war der Schnitt 15 Zentimeter lang, durchtrennte die Halsmuskulatur sowie die Unterkieferspeicheldrüse. «Mein Leben hat sich seither sehr verändert, ich bin nicht mehr der gleiche Mensch», erklärte Marik vor Obergericht. Er sei psychologisch «kaputt», besuche zweiwöchentlich einen Psychiater. Er habe Schmerzen beim Kopfwenden und habe auf einer Gesichtshälfte keine Empfindung mehr. Er müsse Medikamente einnehmen.

Bei der Einvernahme von Cans Mutter wurde deutlich, dass Can eine unglückliche Kindheit mit einem gewalttätigen Vater hatte. Die Familie zog oft um. Die Eltern trennten sich, als er 16 Jahre alt war. Auch als Can selber von sich erzählte, zeigte sich eine tragische Gestalt. Der in der Schweiz Geborene hat keine Lehre gemacht, aber viele erfolglose Versuche der Eingliederung. Er hat psychische Störungen – allerdings machen die ihn gemäss Gutachten nicht schuldunfähig. Can sitzt den lieben langen Tag allein im Zimmer, depressiv, inaktiv, kontaktscheu. Er erhält eine IV-Rente, ist gar wieder zur Mutter gezogen. Er sagt: «Jetzt verstehe ich, warum ich Hilfe brauche. Vorher wollte ich es nicht wahrhaben, dachte, es werde besser.» Auch er geht regelmässig zur Psychotherapie.

Staatsanwalt Rickli sagt zum Motiv: «Es ging ihm nicht ums Cannabis, auch nicht ums Geld, sondern ums Prinzip.» Denn über das Milieu der Billard-Bar habe Can ausgesagt: «Diese Typen nehmen mich nicht ernst und lachen über mich.» Er habe sich als Clown wahrgenommen gesehen. Rickli fand, subjektiv liege bei der Tat entweder versuchte vorsätzliche Tötung oder versuchte eventualvorsätzliche Tötung vor – objektiv verfehle sie das knapp. Wenn es ihm nur um Abschreckung gegangen wäre, hätte er das Messer bloss zeigen, nicht aber einsetzen sollen. Der Biss in den Arm sei keine Rechtfertigung.
Verteidiger Kunz argumentierte, dass Can eine Tötung weder beabsichtigt noch in Kauf genommen habe.

Kunz wehrte sich dagegen, dass es ein dynamisches Geschehen gewesen sei, in das das Tötungsrisiko hoch gewesen wäre. «Jedem deliktischen Geschehen ist eine Dynamik immanent, ausser das Opfer schläft.» Hier gehe die Dynamik von Marik aus. Der sei der ursprüngliche Aggressor. «Er ist der, der den ersten Stein wirft.» Can sei festgenagelt gewesen und habe den Schnitt gemacht, um sich zu befreien. Unmittelbare Lebensgefahr habe nicht bestanden. Marik sei nicht entstellt worden.
Das Obergericht gibt sein Urteil heute Freitagnachmittag bekannt.

* Namen geändert

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