Gastautor
Wenn die Angst vor dem Mückenstich gross ist

Markus Allemann, Solothurn, Geschäftsleiter Swissaid.
Merken
Drucken
Teilen

«Erbsenzähler machen aus Mücken Elefanten, Grosskonzerne aus Elefanten Mücken.» Wer das schreibt, ist der Berner Autor Kuno Roth, der mit «Klima Vista» (Verlag Pro Lyrica) einen Gedichtband herausgegeben hat, der mit viel Tiefsinn und zweideutigem Witz der grössten Herausforderung dieser Zeit begegnet. Am Morgen nach einem gehässigen Abstimmungskampf, wie wir ihn rund um die Konzernverantwortungsinitiative erlebt haben, lohnt sich vielleicht der Blick in diese Poesie, die sich mit unserer Umwelt auseinandersetzt.

Das Abstimmungsresultat zeigt ein gespaltenes Schweizer Stimmvolk, ähnlich der amerikanischen Gesellschaft. Lange stand es am Sonntagnachmittag 50 zu 50, und relativ schnell war klar, dass die Initiative wegen der Stände verlieren würde. Die «Swing-States», darunter auch Solothurn, sagten Nein. Die Kantone, die aus Elefanten Mücken machen, liegen alle in der deutschen Schweiz und bilden die Mehrheit. Ländliche Kantone wie Uri, Schwyz und Unterwalden wählen wenn möglich den vermeintlich «sicheren» Weg. Dazu ein weiteres Gedicht: «Wenn man einen neuen Weg begeht, weiss man nicht, wohin er führen wird. Das ist freilich nicht anders, wenn man auf dem Alten bleibt. Man meint es nur.»

Deutlich zeigt sich das beispielsweise am Rahmenabkommen: 2018 ausgehandelt, lag es monatelang in der Schublade – ungenutzt und in der stillen Annahme, dass damit alles beim Alten bleibe. Unterdessen hat sich das Umfeld verändert, und das Wasser steht zum Hals: Null Klarheit, ob die Schweiz Handelspartner der EU bleiben wird oder auf Geheiss der «Mückenkantone» still zur abgeschotteten Insel degradiert werden muss. Kuno Roth schreibt: «Irgendwo zwischen Urknall und dem letzten Wimmern eines Planeten sitzen wir beim Bier und fragen uns, ob die Strategie wohl richtig sei.»

Die Wissenschaft hat ihre Arbeit getan. Das Bundesamt für Energie hat ihre aktualisierten Energiestrategien nachgeschoben: Eine CO2-neutrale Schweiz bis 2050 ist möglich, aber es braucht jetzt viel mehr Tempo bei den Massnahmen. Seit diesem Herbst läuft in unserem Einfamilienhaus auch eine Wärmepumpe, und es ist eine Freude zu erleben, wie das unschöne Monster aus kalter Nebelluft allein mit erneuerbarem Wasser- und Solarstrom praktisch ohne Emissionen wohlige Wärme erzeugt. Derweil werden weiterhin Häuser ohne Solarpanel gebaut und in Altbauten Ölheizungen ersetzt. Der Elefant, die Klimakatastrophe, ist nicht Bedrohung genug. Die klimaschädlichen Branchenvertreter machen ihn zur Mücke und raten zum Altbekannten: Mit Öl und Gas weiss man, was man hat. Das empfahl auch unser Kaminfeger, als ich ihm sagte, dass wir ihn bald nicht mehr brauchen würden.

Abschliessend das Gedicht, an das auch in der Zeit nach diesem Abstimmungssonntag erinnert werden sollte: «Und sie taten, als ob sie täten, was sie vorgeben zu tun. Sie tun, als täten sie, was sie zu tun vorgeben. Und sie werden weiter so tun, als täten sie, was getan werden sollte.»

Es erstaunt schon, wenn eine Mücke mit allen Mitteln verhindert werden muss. Die Angst vor dem Mückenstich gross war. Warum nur? Tun sie nur so, als täten sie, was getan werden sollte? – Wer hinter der Initiative stand, wird genau beobachten, ob Politik und Wirtschaft die Umwelt und Menschenrechte jetzt ernster nehmen. Auch in Solothurn, wo viele engagierte Menschen des Lokalkomitees mit Herzblut auf der Strasse dafür kämpften.