Recycling

Wegen Preisverfall: Gemeinden bezahlen dafür, dass sie ihren gesammelten Karton loswerden

Trotz Preiszerfall beim Karton: An den Preisen für die öffentliche Kartonabfuhr soll sich im Moment nichts ändern.

Trotz Preiszerfall beim Karton: An den Preisen für die öffentliche Kartonabfuhr soll sich im Moment nichts ändern.

Weil die Preise für Altkarton in den Keller gerasselt sind, legen mittlerweile auch Gemeinden oben drauf, damit sie ihren gesammelten Karton überhaupt noch loswerden. Die Gebühren für die öffentliche Kartonabfuhr wollen die Gemeinden trotzdem nicht anpassen. Zumindest für den Moment.

Das Zalando-Päckli, die Pizza-Schachtel oder der Weinkarton: Altkarton konnte für lange Zeit gratis bei privaten Recycling-Höfen abgegeben werden. Das war einmal. In den vergangenen Monaten haben immer mehr und mehr Entsorgungshöfe Gebühren für Altkarton eingeführt. Grund dafür: China importiert momentan kaum noch Altkarton. Deswegen bleiben die Händler in ganz Europa auf ihren Schachteln sitzen. Wegen dem Überangebot ist der Preis in den Keller versunken, Besserung ist im Moment nicht in Sicht. So müssen viele Recycler bereits dafür bezahlen, dass ihnen der Karton überhaupt noch abgenommen wird. Auch die Gemeinden, die die öffentlichen Kartonabfuhren durchführen, spüren den Preiszerfall, wie eine Umfrage im Kanton zeigt. So bezahlen mehrere Gemeinden momentan dafür, dass ihnen der gesammelte Karton überhaupt abgenommen wird. Teurer machen will die Abfuhr deswegen aber keiner der Befragten.

«Gratis Abfuhr» ist gar nicht gratis

Denn auch wenn man den Karton einfach an den Strassenrand stellen und vergessen kann: Gratis ist die Kartonabfuhr deswegen nicht. Auch zu Zeiten, als es für den Karton noch Geld gab, waren die Personal-, Lagerungs- und Transportkosten in der Regel noch höher, so dass die Entsorgung von Altkarton nicht rentabel war. Oder in Zahlen ausgedrückt, am Beispiel von Mümliswil-Ramiswil: Die Gemeinde sammelt Papier und Karton zusammen, jeweils vier Mal im Jahr. 2018 kamen dabei 86 Tonnen Papier und 13 Tonnen Altkarton zusammen. Für das Papier gab es dafür eine Entschädigung von rund 4000 Franken, für den Karton knapp 700. Dieser Entschädigung stehen Ausgaben von über 6000 Franken, für das Sammeln und den Transport, gegenüber. Die Gemeinde verzeichnete also insgesamt ein Minus. Da alle Gemeinden aber gezwungen sind, ihre Abfallentsorgung kostendeckend zu betreiben, erheben sie eine sogenannte Grundgebühr. Diese bezahlt jeder Haushalt, je nach Gemeinde beträgt sie irgendwo zwischen 30 und 300 Franken pro Jahr.

Grundgebühr steigt nicht - im Moment

Wird diese Grundgebühr nun, da für Karton draufbezahlt werden muss, erhöht? Zumindest im Moment zieht dies keine einzige der befragten Gemeinden in betracht. Und dies obwohl vier Gemeinden angeben, mittlerweile für den Karton bezahlen zu müssen (siehe dazu Tabelle unten. Die Zahlen zu den Gemeinden lassen sich übrigens nur bedingt miteinander vergleichen, da jede Gemeinde ihre Abfallentsorgung anders organisiert. Die Zahlen sollen aufzeigen, wie sich die Situation in ausgewählten Gemeinden momentan darstellt).

Die Grundgebühren decken die Kosten sämtlicher verwertbarer Abfälle, inklusive des Verwaltungsaufwandes. Der Karton ist in diesem Budget nur ein kleiner Posten. «Auch wenn die Entsorgungskosten steigen, ist der Karton kaum massgebend und belastet die Spezialfinanzierung Entsorgung kaum», sagt etwa Kurt Bloch, Gemeindepräsident von Mümliswil-Ramiswil. Er sieht das Ganze sowieso pragmatisch: «Das alles ist nichts Neues und wiederholt sich regelmässig, wir werdens überleben.» Ähnlich tönt es aus Lostorf: «Die Kosten für die Kartonsammlung werden mit der aktuellen Verschärfung sicher leicht ansteigen, aber auch wenn sie sich verdoppeln, werden alleine deswegen wohl nur in sehr wenigen Gemeinden die Gebühren steigen», sagt Gaby Beriger, Präsidentin der Lostorfer Umweltkommission. Sie sieht dafür einen anderen Punkt problematisch: «Sollten die Transportkosten erhöht werden, hätte dies viel stärkere Auswirkungen auf die Finanzierung der kommunalen Abfallentsorgung.»

Während die Gemeinden momentan für den Karton zahlen, profitieren andere von der Situation. Etwa die Papierfabrik Model AG in Niedergösgen. 220'000 Tonnen Wellkarton werden dort jährlich hergestellt, mit Karton aus den Kartonsammlungen. Wie viel Geld man momentan spart, könne man allerdings nicht sagen. «Der Preis ist in ständiger Bewegung und unterschiedlich je nach Kunde. Momentan ist der Preis niedriger, aber das ändert sich auch wieder», so Mediensprecher Daniel Ballmann. Auch wenn der Karton momentan nichts mehr wert ist: Zu recyclen lohne sich allemal, findet Ballmann: «Jede Person, die Karton ordnungsgemäss entsorgt, leistet einen wichtigen Beitrag zum nachhaltigen Umgang mit Ressourcen.»

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