Kinolandschaft
Warum grosse Multiplexe Solothurn fern bleiben - und weshalb sie stattdessen der Kanton umzingeln

Grosse Kinokomplexe in Biel, Bern, Basel, Ebikon, Oftringen - nur bloss in Olten und Solothurn nicht. Das liegt nicht etwa an mangelndem Interesse an der hiesigen Kundschaft, sondern passt in der Strategie der grossen Kinoanbieter.

Jocelyn Daloz, Sébastian Lavoyer
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Die Kinokette Pathé hält ihr neuestes Kino in Spreitenbach AG zurzeit unter der Woche geschlossen. Die Nachfrage ist zu tief.

Die Kinokette Pathé hält ihr neuestes Kino in Spreitenbach AG zurzeit unter der Woche geschlossen. Die Nachfrage ist zu tief.

CH Media

Im Kanton Solothurn stehen keine grossen Multiplexkinos mit mehr als sieben Sälen, keine IMAX-Leinwände, wo man Marvel-Helden fast schon berühren kann, keine riesigen Tempel der Hollywood-Unterhaltung. Die drei grössten nationalen Akteure, Pathé, Blue Cinema und Arena Cinemas, haben keine Standorte auf Solothurner Boden. Wir haben bei ihnen nachgefragt: Ist ihnen dieser Markt zu klein?

Solothurn im «Bermuda- Viereck» von Pathé

Die kurze Antwort lautet: Die Grossen müssen nicht direkt in Solothurn präsent sein, um die dortige Kundschaft abzuholen. Sie sind auch nicht speziell daran interessiert, kleinere Säle aufzukaufen oder zu eröffnen. Weshalb das so ist, erklärt Torsten Wagner, Pressesprecher von Pathé Cinémas: «Wir haben Multiplexkinos in Ebikon, in Basel, in Bern, und seit 2019 in Spreitenbach. Der Kanton liegt also perfekt eingebettet im Bermuda-Viereck, wie wir es nennen.»

Pathé rechnet für jedes Multiplexkino mit einem Einzugsgebiet von 30 Minuten Anfahrtsweg rundum. Deshalb werden grosse Einrichtungen sehr oft in Agglomerationsgebieten erbaut: «Beim Standort in Ebikon liegt unser Hauptfokus nicht explizit bei Luzern, sondern auf den umliegenden Regionen bis nach Zug.» Pathé umrahmt also den Kanton; die sechs Säle von Konrad Schibli in Oftringen zählen ebenfalls als Multiplex, während die anderen zwei Grossanbieter ebenfalls an den Pforten Solothurns stehen.

Blue Cinema ist in Basel, Bern und Biel vertreten. Im Oktober hätte Arena Cinemas ein Multiplexkino in Basel eröffnen wollen, musste aber angesichts der Krise abwarten. Eine Neueröffnung sei im Übrigen eine langwierige Angelegenheit. Arena «plane Kinos nicht einfach so», heisst es vonseiten der Zürcher Firma. Ein solches Projekt könne nur mit einem entsprechenden Partner, oft einem Einkaufszentrum, in Angriff genommen werden, wie Geschäftsführer Patrick Tavoli sagt.

Bestehende Infrastruktur verstärken

Das bestätigt auch Wagner von Pathé: «Von der Idee, in Spreitenbach ein Multiplexkino zu bauen, bis zur Eröffnung, sind acht Jahre verstrichen.» Pathé hat in drei Jahren 60 Millionen in drei Standorte investiert; die jetzige Strategie sei, die bestehenden Infrastrukturen zu verstärken. Blue Cinema will seine Strategie nicht preisgeben.

Die Kinogiganten setzen einen anderen Fokus als Familienbetriebe und Liebhaber-Projekte in Solothurn. Arthouse-Filme findet man da kaum, genauso wie ein Samstagsangebot für Kinder, während die Eltern auf dem Markt sind. «Unsere Technologie ist darauf aufgelegt, anhand von Blockbustern mit beeindruckender Bildgewalt starke Emotionen auszulösen», sagt Pathé-Mediensprecher Wagner. Das Programm der kleineren Kinos würde das ihrige gut ergänzen.

Elena Cogliatti

Diverse, aber gefährdete Kinobranche

Die Schweiz erfreut sich einer äusserst dichten und diversen Kinolandschaft, wie René Gerber von Pro Cinema sagt: «Kein Schweizer braucht länger als 20 Minuten ins Kino.» Die 609 Säle gehören 193 Firmen. Im Vergleich dazu gäbe es in Deutschland kaum über 50 Unternehmen, sagt Gerber.

Doch es drohen düstere Zeiten: Soeben kündigte Warner an, ihre Filme ab 2021 gleichzeitig zum Kinostart auch auf der Streamingplattform HBO Max zu zeigen. Zahlreiche Zeitungen sprechen vom Todesschlag für die Kinobranche. Wobei HBO Max hierzulande noch gar nicht verfügbar ist. «Unter Umständen könnte das ein Vorteil sein», meint Gerber. Und er analysiert: Warner sei traumatisiert von den tiefen Einnahmen von «Tenet» im Sommer. Aber in Europa sei der Film relativ gut gelaufen. Und es sei gut möglich, dass die Filme in Europa auch nächstes Jahr gut laufen werden, weil Warner das Publikum nicht online abholen kann. Darüber hinaus sind Wirtschaftsprognosen reines Kaffeesatzlesen.