Flurina Birri richtet ihre rote Clownnase. Sie steht am Landhausquai in Solothurn und blickt in ihr Spiegelbild auf der Fensterscheibe des Cafés vor sich. Die 19-Jährige büschelt die braunen Haare um das Gesicht, in dessen Mitte die Clownnase jetzt perfekt sitzt. Dann erblicken die blauen Augen einen Mann hinter der Fensterscheibe, der etwas unsicher die Szenerie draussen beäugt. Und so beginnt ein spontanes Spiel: Die 19-Jährige winkt und schneidet Grimassen; bis der ältere Herr mitmacht und so tut, als würde er Birri eine Tasse Tee durch die Scheibe reichen. Birri lacht.

«Es braucht nicht viel, um mich zum Lachen zu bringen», sagt die Oberdörferin. Schon allein mit sich selbst habe sie es lustig. Und sie gibt gerne Freude weiter. Das war schon immer so. Birri ist aufgeweckt, lacht und redet viel, spricht mit einem Fuss auf der Sitzfläche des Stuhls aufgestützt und den Händen in der Luft gestikulierend. 2018 hat sie die Kantonsschule Solothurn abgeschlossen. Den Unterricht habe sie zwar gemocht. Nach dem Abschluss dachte sie aber: «Jetzt ist genug.»

Sie sei eher praktisch veranlagt. So sagte sie zum Spass während der Zugsfahrt zu einem Uni-Schnuppertag: «Ich werde einfach Clown.» Eine fremde Frau im gleichen Zug hörte das und warf ein, es gebe ja in der Schweiz die Dimitri-Clown-Schule. «Jaja, ich gehe zum Dimitri», sagte Birri darauf, noch immer als Jux. Später erzählte sie der Mutter davon. Diese recherchierte und stiess auf die Tamala-Clown-Akademie in Konstanz. Birri verbrachte vier Schnuppertage dort und wusste: «Das will ich machen.»

Den eigenen Clown finden

Vergangenen Dezember hat Birri mit der Clown-Ausbildung begonnen. Gut zwei Jahre dauert diese, anschliessend hat Birri den europaweit anerkannten Titel «Gesundheit!Clown». Die Ausbildung ist berufsbegleitend, rund einmal im Monat fährt die Oberdörferin für ein verlängertes Wochenende nach Konstanz. Dort lernt sie in einer 20-köpfigen Gruppe Slapstick-Techniken, Jonglieren, hat Stimmbildung und Yoga-Kurse. Dies alles sei «sehr intensiv» – körperlich und mental. Es geht nebst der reinen Technik nämlich auch darum, den eigenen Clown zu finden, «den Sprung auf die Bühne» zu schaffen und immer wieder in die Clown-Figur schlüpfen zu können.

Dazu gibt es Übungen, in denen gesungen oder persönlich Erlebtes nachgespielt wird. Es darf geweint und geschrien werden. Technik könne man lernen, so die 19-Jährige. Aber die innere Freude müsse man als Mensch für diesen Job wohl einfach besitzen. Man müsse auch offen und spontan sein. Dann gehe es darum, die eigene Energie zu finden und nach aussen zu tragen, einen Raum zu füllen und das Publikum zu fesseln – aber immer authentisch zu bleiben und auf das Gegenüber einzugehen. «Am Schluss will man einfach im Moment übertreiben – das ist dann die ganze Komik der Situation», erzählt Birri.

Als Clown trägt sie pinke Hosen, grellgrüne Schuhe und Stoffkrawatte sowie Hosenträger und eine rote Nase. Mit diesem Kostüm wird sie an geplanten Auftritten und spontanen Strassenperformances mit der Akademie teilnehmen, mit Passanten improvisieren und die Leute auf der Strasse unterhalten. Einen Namen für ihren Clown hat sie noch nicht.

Mit der Clown-Figur will Birri nach ihrem Abschluss in Spitälern und Altersheimen Kinder, Jugendliche und ältere Menschen aufheitern. Manchmal laut, mit derben Spässen, oder auch sanfter, mit stillen Kinderliedern. «Man muss genau spüren, was das Gegenüber will.» Und dann müsse man sich von traurigen Geschichten auch abgrenzen können. «Jemanden so zu berühren, dass er oder sie weinen muss, ist auch etwas sehr Schönes.» Nur: «Wie soll ich das alles in zwei Jahren lernen?», denke sie sich manchmal. – Während sie als Reaktion auf ihren künftigen Beruf auch schon gehört habe: «Und dafür brauchst du eine Ausbildung?» Dafür werde ihr oft auch gesagt: «Spitalclown? Do gsehni di mega!»

Studium als «seriöses» Standbein

Birri macht aber nicht nur die Ausbildung zum Spitalclown. Sie studiert auch in Luzern, wo sie den Studiengang zur Oberstufenlehrerin besucht. Schon Mutter und Schwester sind Lehrerinnen. Einerseits habe sie nebst dem Clown-Standbein noch «etwas Seriöses» gebraucht. Andererseits: «Das macht mir Freude – die Arbeit mit Jugendlichen interessiert mich sehr.» Später wird Birri wohl teils als Lehrerin, teils als Clown arbeiten. Entsprechend hat die junge Oberdörferin viel Programm.

Unter der Woche nach Luzern pendeln, studieren, übers Wochenende Clown-Ausbildung, für Prüfungen lernen; dann spielt sie noch drei Instrumente, fährt gerne Kajak und turnt am Vertikaltuch. Dazu kommen Auftritte mit der Clown-Akademie und gegen Ende der Ausbildung Praktika in Spitälern. «Immer öppe öppis z’ tue», meint sie dazu. Jetzt hat Birri aber erst einmal Ferien. «Das bruchi scho», sagt sie, blickt auf die Aare und atmet tief aus. Einen Moment später lacht sie schon wieder: «Ich habe einfach Freude, an dem was ich mache.»