Gastbeitrag

Wann rufen Politiker die verantwortlichen Bundesämter endlich zur Ordnung?

Das Trinkwasser wird immer wieder zum Thema.  (Symbolbild)

Das Trinkwasser wird immer wieder zum Thema. (Symbolbild)

Gastbeitrag zur Frage, warum unser Trinkwasser plötzlich nicht mehr konform sein soll.

Jahrelang galt unser Trinkwasser als vorbildlich sauber. Seit dem 1. Januar dieses Jahres ist das nicht mehr der Fall. Das für die Trinkwasserqualität verantwortliche Bundesamt für Lebensmittel hat die erlaubten Mindestgehalte, die bisher nur für das Fungizid (Antipilzmittel) Chlorothalonil galten, auch für seine Abbauprodukte (Metaboliten) in Kraft gesetzt. Die bauen sich im Boden weniger schnell ab als das Fungizid selber. Resultat: Von einem Tag auf den anderen ist in der guten Hälfte des Schweizer Mittelandes das Trinkwasser nicht mehr bundesnormenkonform. Und das ohne Vorwarnung. Das darf doch nicht wahr sein. Welcher Bundesrat hat da nicht hingeschaut?

Die Verantwortung für die Verschmutzung liegt eindeutig beim Bund. Ein anderes Bundesamt, jenes für Landwirtschaft, hat das Spritzen grosser Mengen von Chlorothalonil während Jahrzehnten gestattet. Was in den vergangenen Jahren mit Bundesbewilligung gespritzt wurde, finden wir heute im Trinkwasser. Und dafür will der Bund nicht haften. Dabei wäre es so einfach: Mengen und Mittel, die man heute nicht mehr vom Bund bewilligt, finden sich morgen auch nicht als unerwünschte Rückstände im Trinkwasser.

Erlaubte Mittel und Mengen muss deshalb das Bundesamt jetzt neu festlegen. Das wird deutlich weniger sein als heute. Aufbereitungsanlagen, die solche Rückstände herausfiltern, kosten sehr viel Geld. Das gleiche gilt, wenn man plötzlich See- oder Flusswasser bezieht statt Grundwasser. Auch dieses muss man teuer aufbereiten. Und wir alle müssten dies bezahlen – nicht das Bundesamt, das mit seinen Bewilligungen den ganzen Schlamassel erst angerichtet hat.

Heute sind die Stellungnahmen der Bundesämter höchst einseitig. Im Trinkwasser gilt ein Grenzwert für die Metaboliten von einem zehntelmillionstel Gramm pro Liter – ein sehr, sehr tiefer Wert. Und trotzdem sprach man von Krebsrisiko. Kein Bundesamt hat in der Vergangenheit aktiv darüber informiert, dass die zugelassenen Höchstwerte für gewisse agrarische Lebensmittel sehr viel höher waren als beim Trinkwasser. So waren zum Beispiel bei Kartoffeln 500 x mehr Chlorothalonil als Grenzwert zugelassen als beim Trinkwasser. Das konnte man in der entsprechenden Verordnung (VPRH) nachlesen. Das darf man aber nicht den Bauern anlasten. Die meisten werden viel weniger gespritzt haben – weniger jedenfalls, als in vielen Hausgärten gespritzt wird. Und es war vom Bund erlaubt. Ähnliches gilt für andere agrarische Lebensmittel. Da wären Johannisbeeren ein Extrembeispiel.

Sie durften in der Vergangenheit 20'000 x mehr Chlorothalonil enthalten als die gleiche Menge Trinkwasser – und waren ebenfalls noch verkaufbar. Und ein einziges Glas Wein, gewonnen aus Trauben mit dem zulässigen Höchstgehalt, enthält gleich viel Chlorothalonil, wie wenn man ein Jahr lang täglich 3 Liter Trinkwasser trinkt, das den zugelassenen Höchstwert um das Dreifache überschreitet (wie das bei vielen Trinkwasserfassungen aktuell der Fall ist). Da kann doch etwas nicht stimmen. Bei den Pestizidvorgaben des Bundes für Pflanzen bestand anscheinend kein Krebsrisiko, obwohl hier die erlaubten Mengen um ein Vielfaches höher waren als im Trinkwasser. Zumindest hat man die Bevölkerung darüber nicht aktiv informiert. Im Trinkwasser hätten zum Beispiel die Bundesbehörde einfach eine längere Abbauzeit bis zum Erreichen der Grenzwerte geben können. Das gleiche Trinkwasser, das wir seit Jahren trinken, wäre dann konform geblieben.

Die Anwendung von Chlorothalonil ist seit dem 1. Januar 2020 in der Schweiz und der EU verboten. In der Natur wird sich diese Problematik abbauen, das Trinkwasser wird deshalb diesbezüglich irgendwann wieder konform sein. Nur gibt es sehr viele andere Fungizide und Pestizide, die zu Spritzen noch zugelassen sind. Heute sind diese gut in einer Bundesverordnung und hinter Verweisen auf EU-Recht versteckt. Viel von dem, was man heute spritzen darf, wird man in einigen Jahren im Trinkwasser finden. Dann wird das Bundesamt mit den nächsten Verboten kommen. Schuld an dem nicht mehr konformen Trinkwasser werden dann wie jetzt die Wasserbesitzer sein und nicht der Bund.

Wie oben gesagt wäre auch hier die Lösung einfach. Es darf künftig nur so viel gespritzt werden, dass es im Trinkwasser keine Rückstände über den erlaubten Höchstmengen gibt. Und falls doch, muss der Bund als Verursacher bezahlen, weil er die Mindestmengen nicht richtig eingeschätzt hat.
Wer auch in Zukunft sauberes Trinkwasser will, muss heute entsprechend handeln.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1