Obergericht

Vor Kindern onaniert: Der Angeklagte wird zu stationärer Massnahme verurteilt

«Ich wollte es nicht vor Kindern machen, sondern es ging mir nur um Publikum an sich», sagte der Angeklagte. Er wurde insgesamt in 12 Punkten angeklagt.

Tom S.* hatte im Bus vor zwei jungen Mädchen onaniert. Es war nicht die einzige Tat, mit welcher der Angeklagte provozieren wollte.

«Es ist eine sehr grosse Herausforderung, Lösungen für meinen Mandanten zu finden, denn er passt nirgends hin», sagte Anwältin Stephanie Selig, als sie sich gegen eine stationäre Massnahme aussprach. Ihr Mandant sei «kein Böser, sondern ein Hilfsbedürftiger».

Tom S.* stand vor Obergericht, er hatte das Urteil des Amtsgerichts Bucheggberg-Wasseramt teils angefochten, wo er 18 Monate Haft, aufgeschoben zugunsten einer ambulanten therapeutischen Massnahme, kassiert hatte. Die Anklageschrift umfasste zwölf Punkte. 2017 habe er auf drei Busfahrten vor anderen onaniert, auch vor zwei 14-jährigen weiblichen Jugendlichen mit Blickkontakt. Die andern Taten, u. a. Beschimpfung, Drohung, versuchte Körperverletzung, Gewalt gegen Beamte, geschahen, weil er mit schwierigen Situationen nicht zurecht kam. In einem Wohnheim in Solothurn bewarf er etwa einen Mitbewohner mit Tafelmessern nahe am Kopf vorbei, weil der vorher auf seine lädierte Nase geschlagen hatte. Die Betreuerin bewarf er mit einem Schnitzer. Im Wasseramt bewarf er eine Wirtin mit Gläsern und Messern und drohte ihr, sie bleibe «in einer Ecke liegen». Gegen ausgerückte Polizisten schmiss er Steine.

Gegenüber dem heute 27-Jährigen war schon 2017 eine ambulante Massnahme angeordnet worden, weil er auf einem Spielplatz vor Kindern onaniert hatte. Gutachten attestieren ihm keine Pädophilie. Doch leichte Intelligenzminderung, eine Verhaltensstörung, gesteigertes sexuelles Verlangen, Exhibitionismus. Er habe eine «schwere psychische Störung». Tom war schon als Zweijähriger in heilpädagogischer Behandlung wie auch später immer wieder.

Er provoziert und randaliert gerne

Der Schweizer machte einen gutmütigen, zugänglichen Eindruck, sprach vor Gericht nun ausführlich. «Ich habe keinen Schnitzer geworfen, nur Tafelmesser.»

Zum Onanieren: «Ich wollte es nicht vor Kindern machen, sondern es ging mir nur um Publikum an sich.» Er habe die Jugendlichen auf 16 bis 20 geschätzt.

Zu den Polizisten: «In so einem Moment sollte man mich nicht anschreien, sonst explodiere ich noch mehr.» Oberrichter Daniel Kiefer sprach die zahlreichen Versuche an, Tom betreut unterzubringen, zuletzt in der Justizvollzugsanstalt mit psychiatrischer Abteilung. «Es gab überall Lämpe.» Tom: «Es ist schwierig, mich in einem System mit Regeln einzufügen.» Er erzählte von erdrückenden Aufenthaltsbedingungen. Kiefer fragte: «Wie muss eine Einrichtung aussehen, damit es passt?» Dem Einzelgänger schwebt ein begleitetes Wohnen in eigener Wohnung vor. Er möchte eine Informatik-Lehre machen. Er erhält Medikamente, sein Testosteronspiegel ist nun sehr tief, er sei ruhiger. Dennoch stört er sich daran: «Ich fühle mich einfach nicht mehr als Mann.»

Staatsanwalt Marc Finger forderte insgesamt 23 Monate unbedingte Haft, aufgeschoben zugunsten einer stationären Massnahme. Er habe die Jugendlichen zum «Sexualobjekt» gemacht. «Sie sind in einem sensiblen Alter. Sie weinten, waren schockiert. Danach hatten sie bei Busfahrten Mühe.» Der Staatsanwalt sieht in der laufenden Therapie «erste positive Entwicklungen», es sei ein langer Prozess. «Alle andern Wege sind gescheitert.»
Verteidigerin Selig machte Unsicherheiten der Zeugen geltend. Und argumentierte: «Tafelmesser sind stumpf und nicht gefährlich.» Die Jugendlichen im Bus habe Tom zufällig gewählt und ausgesagt: «Ich hatte einfach gerne, wenn Publikum da war, das gab mir einen Kick.» Er habe niemanden verletzen wollen. Selig forderte maximal 9 Monate Haft aufgeschoben zugunsten einer ambulanten Massnahme. Dass bisherige gescheitert seien, erklärte sie auch durch Therapeutenwechsel. Toms Handlungen seien keine Verbrechen oder Vergehen, sondern «ständiges Randalieren», «Provozieren». Einsperren halte ihn nicht von weiteren Taten ab, diese richteten sich einfach statt gegen Aussenstehende gegen Menschen in den Institutionen. Das Gericht mit Daniel Kiefer, Hans-Peter Marti, Rolf von Felten verurteilte Tom u. a. wegen mehrfacher sexueller Handlungen mit Kindern und versuchter einfacher Körperverletzung mit gefährlichem Gegenstand zu 18 Monaten Haft, aufgeschoben zugunsten einer stationären Massnahme.

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*Name geändert

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