Die Emme bei Biberist, Derendingen und Zuchwil wird zurzeit hochwassersicher ausgebaut und revitalisiert. Das Amt für Umwelt hat zusammen mit dem Amt für Kultur und Sport beschlossen, dass ein Ideenwettbewerb für ein Kunstprojekt ausgeschrieben werden soll. Dass man ein grosses Wasserbau- mit einem Kunstprojekt verbindet, hat es im Kanton Solothurn noch nie gegeben. «Diese heute eher funktionale, von der Industrie geprägte Landschaft, durchflossen von einem mystischen Fluss, ruft geradezu nach einer künstlerischen Intervention», sagt Martin Würsten, Chef des Amts für Umwelt.

Natur und Mensch als Gestalter

Für ein Kunstprojekt braucht es Künstler. Deshalb veranstaltete das Amt für Umwelt im Frühjahr den Wettbewerb «Kunst an der Emme», zu dem fünf Kunstschaffende eingeladen wurden, Entwürfe ihrer Projekte vorzustellen. Das Hauptthema sei das jahrtausendelange Zusammenwirken der Naturgewalten und des durch Menschenhand beeinflussten Landschafts- und Siedlungsgebiets. Eingeladen wurden der Landart-Künstler Ulrich Studer aus Rüttenen, Jan Hostettler aus Basel, Carlo Bohrer aus Oberbipp, Sonya Friedrich aus Solothurn und Fraenzi Neuhaus aus Solothurn. In der siebenköpfigen Jury sassen vom Amt für Umwelt neben Martin Würsten auch Martin Brehmer und Gabriel Zenklusen. Die künstlerischen Aspekte bewerteten der Kunstschaffende Reto Emch und Claudine Metzger vom Kunsthaus in Grenchen. Weiter sassen Ron Hunziker vom Ingenieurbüro Zarn und Partner AG in Aarau und Claude Barbey, Architekt aus Grenchen, in der Jury. 

Die Mitglieder hatten sich nach mehreren Besprechungen im April und Mai für zwei der fünf Projekte entschieden und stellten diese nun dem Lenkungsausschuss Emme und der Begleitgruppe vor.

Die Landschaft neu beschreiben

Ausgewählt wurden die Projekte von Ulrich Studer und Jan Hostettler. Das grössere und umfangreichere Projekt ist jenes von Ulrich Studer: «Von der Kehrichtdeponie zum arkadischen Emmestrand».

Studer nennt seine drei Teilprojekte Landschaftszitate. Das erste ist eine mehrere Meter hohe Insel mit Wildblumen, welche auch bei Hochwasser nicht von der Emme weggespült werden kann. Daneben werde ein kleiner See entstehen. Zudem soll die Emme bei Hochwasser einen Nebenarm bilden können, dessen Flussbett Teil einer Auenlandschaft werden soll.

Das zweite Zitat ist ein aus 80 bis 100 Schwarzpappeln bestehender «Pflanzenvorhang». Dieser soll den Emmestrand optisch vom Umfeld abgrenzen und den Eingang zum Naherholungsgebiet darstellen, so Ulrich Studer. Im dritten Zitat will er Granitblöcke aus dem Aletschgebiet in die Flusslandschaft einbetten. Während der Eiszeit habe die Reise dieser Steine ins Emmegebiet auf dem Rücken des Gletschers 5000 Jahre gedauert. Heute dauert der Transport per Lastwagen fünf Stunden – Studer will mit diesem «Reisezeit»-Vergleich zum Nachdenken anregen.

Der Künstler ist schon jetzt Feuer und Flamme für das Projekt. «Ich will eine Art arkadische Ideallandschaft gestalten», so Studer. Der Mensch sei übermächtig geworden und werde im Projekt wieder etwas zurückgedrängt – dennoch sei er in dieser Welt erwünscht. «Der Hauptakteur ist aber klar die Emme».

Laut Jurybericht besticht dieses Projekt durch die Absicht, die Landschaft «dauerhaft neu zu beschreiben». Zudem wolle Ulrich Studer historische Aspekte der Landschaftsveränderung und die Wirkung des Wassers sichtbar machen. Es sei ein Landart-Projekt im wahrsten Sinne des Wortes und zudem technisch und finanziell innerhalb des vorgegebenen Rahmens umsetzbar. Es entspreche voll den Erwartungen des Wettbewerbs.

Altes und Unnützes neu entdecken

Jan Hostettlers Projekt ist nicht ganz so umfassend: Er will lediglich die beiden Pfeiler der im Jahre 1857 erbauten Eisenbahnbrücke in Derendingen in die Schwemmzonen der Emme versetzen. «Mir gefällt der historische Aspekt dieses Projekts», so der Künstler. Laut den Plänen zum Hochwasserschutz wären die Pfeiler abgerissen worden – mit der Deplatzierung will Hostettler sie als Ruinen, als Zeugen der Zeit, freistellen. «Ich finde es lustig, dass bei dieser Renaturierung genau bestimmt wird, wo jeder Busch hinkommt. Die Natur wird bis ins letzte Detail geplant.» Das Projekt soll – ohne zu belehren – über Industrialisierung und über die Eroberung des Raumes nachdenken lassen. Alt und unnütz Gewordenes soll wieder verwendet werden – zum Beispiel als Picknickplatz oder als Ort zum Nachdenken.

Auch die Projekte der drei anderen Künstler wurden von der Jury als «originell» und «sorgfältig ausgearbeitet» bezeichnet. Gegen die beiden «Gewinner» verloren sie entweder aufgrund der zu hohen Kosten, zu umständlichen Bewilligungsverfahren oder des fehlenden Bezugs zur Emme.

Die beiden Projekte von Ulrich Studer und Jan Hostettler seien gut miteinander kombinierbar, sagt Martin Würsten. Sie müssen aber noch durch den Regierungsrat genehmigt werden. «Zudem werden sie weiter konkretisiert, damit Ulrich Studers Konzept im Bepflanzungs- und Unterhaltskonzept aufgenommen und Jan Hostettlers Projekt in einem Baubewilligungsverfahren genehmigt werden kann», sagt Würsten. Läuft alles nach Plan, können die Künstler 2019 bis 2020 mit der Umsetzung der Projekte beginnen.