Tobs

Vollblut-Italienerin im TV-Studio: Umjubelte Premiere von «L’italiana in Algeri»

Nur so gelingt eine Komödie: mit einem Ensemble bei guter Stimme und ausgelassener Spiellaune.

Nur so gelingt eine Komödie: mit einem Ensemble bei guter Stimme und ausgelassener Spiellaune.

Die Inszenierung von Rossinis «L’italiana in Algeri» des Theater Orchester Biel Solothurn feierte dieses Wochenende in Biel Premiere. Das Publikum war begeistert.

Bey Mustafà ist Boss eines TV-Imperiums, produziert Fernsehsoaps und ahnt noch nichts von künftigen MeToo-Debatten. Ein wahrer Sklaventreiber, der Frauen benutzt und fallenlässt. Auch seine eigene. Bald reicht ihm die weibliche Besetzungscrew nicht mehr. Showmaster Haly soll ihm eine exotische Dame zuführen, am liebsten eine Italienerin. Die abgelegte Gattin Elvira übereignet er Seriendarsteller Lindoro. Dieser wiederum ist in Isabella, die Beauty aus seiner Heimat, verliebt. Das Wiedersehen der beiden im «Tele-Algerie»-Studio birgt viel Situationskomik, zumal die mediterrane Schönheit von ihrem Bewunderer Taddeo begleitet und von den Schauspielerinnen Elvira und Zulma argwöhnisch beäugt wird.

Natürlich avanciert Isabella schnell zum TV-Star, wirbelt das Produktionsteam gehörig auf, wickelt Mustafà um den Finger. Die Bieler Lesart von Rossinis «L’italiana in Algeri» geht auf, und mit der dritten Tobs-Inszenierung gelingt Andrea Bernard, Regie, Alberto Beltrame, Bühne, Elena Beccoaro, Kostüme, ein grossartiger Rossini-Coup. Andrea Bernard punktet mit leichter Hand und innovativen Ideen – und bindet alle Protagonisten ein. Nur so gelingt eine Komödie: Das Ensemble muss bei guter Stimme und ausgelassener Spiellaune sein.

Trinca lässt Rossinis Melodien explodieren

Die Freude, trotz Corona-Einschränkungen wieder auftreten zu können, ist auch dem hoch motiviert musizierenden Sinfonie Orchester Biel Solothurn anzumerken. Die Streicher, mit Masken angetan, Dirigent Franco Trinca mit einem Plexiglasschutz, dessen Visier das ganze Gesicht abdeckt und ihn wie den Bewohner eines anderen Planeten erscheinen lässt. Und unter seiner Leitung klingt Rossinis Musik tatsächlich wie aus einer anderen Welt: spritzig, elektrisierend, mitreissend. Maestro Trinca lässt Rossinis Melodien förmlich explodieren, spinnt Crescendi dynamisch aus, steigert die Tempi, dirigiert mit Esprit und Charme.

Die Solisten fühlen sich von ihm getragen, im rasanten Parlando wie auch in den verzier- ten Rossini-Girlanden. Die Entdeckung des Premierenabends heisst Josy Santos. Die Brasilianerin brilliert als Isabella mit glutvollem Mezzo-Temperament: Sie koloriert, tändelt, liest den Männern die Leviten, lässt aberwitzige Koloraturen («Cruda sorte») und Verzierungen aufsteigen. Schlicht grossartig. Virtuoses, elegantes Singen zeichnet auch den Mustafà von Leonardo Galeazzi aus. Seine Stimme fliegt durch die Koloraturen und Verzierungen, aber sie entfernt sich nie vom Stück. Galeazzi ist ein virtuoser Belcantist und ein Vollblutkomödiant da-zu, der die Machoallüren des TV-Produzenten voll auskostet. Bariton Michele Govi war in der Bieler «Italienerin» von 2011 als herrschsüchtiger Bey zu bewundern, nun übernahm er mit dem tollpatschigen Taddeo ei-ne Basspartie. Gemeinsam mit Leonardo Galeazzi gestaltet er «Dei pappataci s’avanza il coro», das Finale im zweiten Akt, zu einem musikalischen und mimischen (Slapstick-)Höhepunkt.

Auch Gustavo Quaresma als Lindoro erweist sich als versierter Rossini-Tenor, der mit überaus flexibler, farbenreicher Stimme und schauspielerischem Talent agiert. Obschon die Stärken der Frauen in einem Männerbusiness im Zentrum der Inszenierung stehen, bleiben die untadelig singenden Jeanne Dumat als Elvira (herrliche Spitzentöne) und Leonora Gaitanou als Zulma seltsam blass, wie auch Giovanni Baraglia als Haly. Stimmstark begeistert der (maskierte) Männerchor, der vor der fahrbaren Kamera ihres Leiters Valentin Vassilev mit guter Diktion überzeugt. Einmal mehr ist es dem Theater Biel Solothurn gelungen, auf kleinstem Raum mit knappsten Mitteln musikalisch und szenisch Opulentes zu schaffen. Quirliges Musiktheater, würdig, von einer TV-Kamera aufgezeichnet zu werden.

Premiere Solothurn: 23. September, 19.30 Uhr, Stadttheater.

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