Verkehrssicherheit
Der Kanton Solothurn sieht keinen Grund zur Temporeduktion auf der «Raserstrecke» Gempenstrasse

Wie die Sicherheit des Solothurner Strassennetzes analysiert wird und wo im Kanton die Unfallschwerpunkte liegen.

Urs Moser
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Die Stelle auf der Gempenstrasse, wo es 2019 zu einem schweren Unfall kam.

Die Stelle auf der Gempenstrasse, wo es 2019 zu einem schweren Unfall kam.

Kenneth Nars

Die Gempenstrasse zwischen Dornach und Gempen ist bis «vor den Berg» als gefährliche Raserstrecke berüchtigt. Grosses Aufsehen erregte etwa der Unfall im Juni 2019, bei dem ein Velofahrer von einem Super-Sportwagen angefahren und schwer verletzt wurde. Die Anklage gegen den damals 23-jährigen Lenker des McLarens lautet auf versuchte vorsätzliche ­Tötung.

Mit Massnahmen, um die kurvige Strecke zu «entschärfen», tut man sich beim Kanton aber bis heute schwer. Wohl ereignen sich immer wieder schwere Unglücke auf der Gempenstrasse, vergangenen März starben zwei Menschen bei einem Selbstunfall mit einem Auto, sie gilt aber offenbar nicht als eigentlicher Unfallschwerpunkt gemäss einer jährlich vom Astra (Bundesamt für Strassen) erstellten Liste. Dies geht aus der Beantwortung einer Interpellation der Grünen zu Sicherheitsanalysen auf dem Solothurner Strassennetz hervor.

Kein Grund zur Temporeduktion

Für die Sicherheitsinspektionsprogramme zieht der Kanton externe Experten bei. Letztmals im Juli 2020 war die Beratungsstelle für Unfallverhütung BFU vom Amt für Verkehr und Tiefbau mit einer umfassenden Sicherheitsanalyse der Gempenstrasse beauftragt worden. Die geprüften Massnahmen wurden aber grösstenteils verworfen – «aufgrund der Empfehlungen der BFU und nach Anhörung der kantonalen Verkehrskommission», wie die Regierung in der Stellungnahme zum Vorstoss der Grünen schreibt. Das heisst:

  • Keine Temporeduktion von 80 auf 60 km/h: Notorischen Schnellfahrern und Rasern sei erfahrungsgemäss kaum beizukommen. Wie Radarmessungen ergaben, fahren 85 Prozent der Fahrzeuglenker auf der Gempenstrasse langsamer als 80 km/h. Das riskante und rechtswidrige Verhalten Einzelner sei kein Grund zur Herabsetzung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit.
  • Keine permanente Überwachung: Permanente Video- und Radarüberwachungen seien – abgesehen von der schlechten Akzeptanz – mit (zu) hohen Kosten verbunden. Auch seien solche Anlagen erfahrungsgemäss hohem Vandalismus ausgesetzt.
  • Kein Ausbau: Mit einer durchschnittlichen Breite von 6,25 bis 7,50 Metern, in Kurvenbereichen bis zu 13 Metern, sei die Gempenstrasse schon heute gut ausgebaut. Erhöhte Aufmerksamkeit will man dem baulichen Unterhalt schenken, etwa bezüglich der Griffigkeit des Strassenbelags, insbesondere für Velofahrer.
  • Kein Überholverbot: Eine Kombination von Strecken mit Überholverbot und Überholstrecken wird aufgrund der kurvenreichen Strassenführung als kontraproduktiv beurteilt, die Wahrscheinlichkeit damit verbundener gefährlicher Überholmanöver als hoch eingeschätzt.

Prüfen will man die Installation zusätzlicher Gefahrensignale mit dem Hinweis «Radfahrer». Ebenfalls noch einmal geprüft werden soll die Zweckmässigkeit der Markierung von Randleitlinien. Massnahmen zur besseren «Lesbarkeit» des Strassenverlaufs, damit sind etwa Leitpfosten in dichteren Abständen oder Leitplanken im Kurvenbereich gemeint, würden laufend umgesetzt, heisst es schliesslich.

Handlungsbedarf an fünf Hotspots

Die Identifikation von Strassen(abschnitten) mit erhöhtem Sicherheitsrisiko erfolgt wie erwähnt aufgrund der Astra-Meldungen der Unfallschwerpunkte sowie aufgrund einer 2017 vom Amt für Verkehr und Tiefbau durchgeführten systematischen Bewertung der Sicherheit des gesamten Kantonsstrassennetzes. Daneben auch aufgrund einer Beurteilung von schweren Einzelereignissen und generell gehäufter Unfallmeldungen.

Die aktuelle Liste des Astras identifiziert (neben vier Autobahnanschlüssen in Bundeszuständigkeit) folgende wesentlichen Unfallschwerpunkte im Zuständigkeitsbereich des Kantons:

  • Solothurn, Kreisel Bielstrasse/Westtangente.
  • Olten, Sälikreisel.
  • Schnottwil, Knoten Bernstrasse/Hauptstrasse Balm b. Messen.
  • Grenchen, Knoten Solothurnstrasse/Leimenstrasse.
  • Biberist, Knoten Gerlafingenstrasse/Derendingenstrasse.

Im Zug von Sanierungsprojekten bereits umgesetzt wurden Massnahmen zur Entschärfung bei folgenden Unfallschwerpunkten:

  • Biberist, Anschluss Bürenstrasse.
  • Derendingen, Knoten Kreuzplatz.
  • Flumenthal, Knoten Hinterriedholz.

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