Ernährung

Vegan essen ist ungesund und kompliziert? Im Gegenteil! Diese Familie zeigt, wies geht

Anja Hänggi mit Marlon (4) und Nevio (3) in ihrer Küche in Rüttenen: Hier wird nur vegan gekocht.

Anja Hänggi verzichtet auf tierische Produkte. So zieht sie auch ihre Kinder in Rüttenen gross. Ungesund und kompliziert? Im Gegenteil, findet die vierfache Mutter.

Der vierjährige Marlon und der dreijährige Nevio essen Wurst und trinken Schoggi-Orangen-Saft. Beides ist vegan. Die Söhne von Anja Hänggi haben noch nie Fleisch auf dem Teller gehabt. Die ganze Familie hat auf vegan umgestellt, als sie mit Marlon schwanger war. Auch ihr Mann und die beiden Töchter, die damals schon auf der Welt waren.

Das war vor rund fünf Jahren. «Innerhalb eines halben Jahres wurden wir alle zu Veganern», so die 33-Jährige. Dabei hat die sechsköpfige Familie mit veganen Waschmitteln und Shampoos angefangen. Zuletzt verzichteten sie auch auf Käse und Quark.

«Veganer essen nur Salat»

Das Vorurteil, vegane Ernährung sei öde und kompliziert, bestreitet Hänggi. Sie kocht häufig Lasagne, Rösti und Kartoffelstock. Ihr Mann arbeitet, sie schaut zu den vier Kindern und ihrem kleinen Hof in Rüttenen. Sie habe etwas Zeit gebraucht, bis sie die richtigen Rezepte gefunden habe. «Ich glaube, mittlerweile koche ich recht gut», erzählt sie. Für ihre veganen Menüs braucht sie Nussmilch, Cashewmousse oder Tofu. Damit sei sie flexibler als vorher, sagt die Inhaberin des veganen Geschäftes «Grüeni Chuchi» in Solothurn. «Getreidemilch etwa ist ewig haltbar.» Im Keller habe sie literweise davon gelagert.

«Wenn eine Familie spontan backen will, fehlt doch meistens frische Milch oder Ei.» Dieses Problem habe sie nicht mehr. Zudem schmeckten vegane Sachen besser als tierische Produkte, findet Hänggi. Selbstgemachte vegane Meringues oder Kuchen, die sie etwa an Geburtstagsfesten auftischt, seien extrem geschmacksintensiv und nahrhaft. «Ich glaube nicht, dass die Gspändli unserer Kinder finden, ein Geburtstag bei den Veganern sei langweilig», sagt Hänggi mit einem Schmunzeln.

Veganer sind nicht immer krank

Angst vor Mangelerscheinungen hat Hänggi nie gehabt. Sie ist schon seit ihrer Kindheit Vegetarierin. Deshalb habe sie gewusst, dass fleischlose Ernährung kein Problem sei. Einzig ein Vitamin-B12-Spray nimmt die Familie zusätzlich. Das stecke heute sowieso kaum mehr im Fleisch: «B12 wird Schweinen und Rindern in Massentierhaltung ins Futter gemischt – da können wir das Vitamin auch selbst zu uns nehmen.»

Der Eisenbedarf der Familie sei durch Vollkornbrot und Demeter-Getreide gut abgedeckt, die Blutwerte ihrer Kinder in Ordnung. «Wir sind praktisch nie krank. Und es ist ja nicht so, als ob Nicht-Veganer gesünder wären. Eisenmangel ist heutzutage praktisch eine Volkskrankheit.»

«Veganer schaden der Umwelt»

Viele Veganer wollen mit ihrer Ernährung die Umwelt schonen. Kritiker sind überzeugt: Wer importiertes Soja aus Südamerika isst, schadet der Natur. «Das ist lächerlich», sagt Hänggi. «Über 80 Prozent des produzierten Sojas wird Tieren verfüttert. Ein Fleischesser kann mir also nichts über Umweltschutz erzählen.» Sie frage sich aber öfters, ob sie Bio-Produkte aus dem Ausland kaufen solle, wenn es kein regionales Bio-Angebot gibt.

«Häufig entscheide ich mich für die ausländischen – nicht für die regionalen, konventionellen Produkte», so die vierfache Mutter. Da stellt sich die Frage, ob Bio-Mandelmilch aus Italien gut für die Ökobilanz ist? «Es ist sicher besser, als auf konventionelle Produkte zu setzen», ist die 33-Jährige überzeugt. «Sonst haben die Grosshändler das Gefühl, Bio sei gar nicht gefragt.»

«Veganer strafen ihre Kinder»

«Meine Kinder wissen, dass ein Tier gearbeitet oder gelitten hat, damit es Honig und Salami gibt», erzählt die vierfache Mutter. Der vierjährige Marlon habe gerade erst auf Brot beim Nachbar verzichtet, weil es nicht bio war. Auch lehnte er das Sugus im Wartezimmer beim Arzt ab, weil er wusste, dass dort etwas vom Schwein drin ist.

Entspricht das dem Wunsch der Kinder – und ist nicht einfach nur Gewöhnungssache? Sie sei schon froh, dass sie auf vegan umgestellt haben, als die Kinder noch ganz klein waren, entgegnet Hänggi. «Wenn sie jetzt im Würstli-Fieber wären, würden wir das wohl kaum wegbringen.» Ein bis zweimal im Monat essen die Kinder noch tierische Produkte. Die sechsjährige Luana beispielsweise habe gerne Fleisch. Das hat sie mit ihrer Tochter auch schon gekauft.

Aber auf einem Bio-Hof – sicher nie in einem Restaurant. «Gerade bei Kindertellern ist einfach Poulet aus Brasilien drauf. Das zu essen ist, wie eine Packung Antibiotika zu schlucken.» Was, wenn die Kinder später nicht mehr vegan leben wollen? «Ich glaube, es ist normal, dass die Kinder einmal gegen ihre Eltern rebellieren», sagt Hänggi. «Ich hoffe aber, dass das bei uns eine kurze Phase ist.» Zu etwas zwingen will sie ihren Nachwuchs auf jeden Fall nicht.

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