Urteil
Solothurner Obergericht kommt zum Schluss: Töchter bildeten sich sexuellen Missbrauch ein – der Vater wird freigesprochen

Das Amtsgericht Thal-Gäu hatte einen Vater verurteilt, weil er vor Jahren eine seiner Töchter sexuell missbraucht haben soll. Nun wird er vom Obergericht freigesprochen. Die Töchter hätten sich die Vorfälle nur eingebildet.

Ornella Miller
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Das Obergericht in Solothurn.

Das Obergericht in Solothurn.

Hanspeter Bärtschi

Ein reines Männergremium entschied, dass sich die beiden jungen Frauen alles nur eingebildet hätten. Das Obergericht mit Rolf von Felten, Daniel Kiefer und Frank-Urs Müller sprach den 61-jährigen Schweizer von allen Vorwürfen der mehrfachen sexuellen Handlungen mit Kindern und der mehrfachen Schändung frei, die er gegenüber seiner mittleren und jüngsten Tochter vor 24 Jahren begangen haben soll, als diese im Kleinkindalter waren.

Das Amtsgericht Thal-Gäu hatte ihn 2019 teils noch schuldig gesprochen, für Vorwürfe gegenüber der mittleren Tochter. Damals hatte er 3 Jahre und 4 Monate Gefängnis kassiert. Schon da jedoch schien dem Gericht die Aussagen der jüngsten Tochter zu vage, so dass es bei ihren Vorwürfen zum Freispruch gekommen war.

Das Obergericht stützte sein Urteil vor allem auf ein neu hinzugekommenes Element, ein aussagenpsychologisches Gutachten. Auffällig war, dass das Renommee der nicht anwesende Gutachterin Susanna Niehaus in der Verhandlung besonders gelobt wurde. Vom Verteidiger, dem Richter und gar von Opferanwältin Eveline Roos.

Töchter hätten «Pseudoerinnerungen» entwickelt

Kiefer sagte, es bestehe kein Grund, deren Ausführungen in Frage zu stellen. Sie zeigten, «dass an zahlreichen Stellen erhebliches Suggestionspotential» vorläge. Allgemein könne man sowieso erst ab 6 Jahren Erlebtes in Erinnerung rufen. Manchmal gelänge das auch ab zweieinhalb Jahren rudimentär, doch nur bei besonders fortgeschritteneren Sprachfähigkeiten. Was bei den Klägerinnen nicht der Fall gewesen sei.

Verschiedenes hätte dazu beigetragen, dass sie «Pseudoerinnerungen» entwickelt hätten. Etwa als der sexuelle Missbrauch der ältesten Tochter bekannt wurde, wofür der damals pädophile Vater 2004 rechtskräftig verurteilt worden war. Oder auch, weil sie psychische Probleme entwickelt und dafür nach möglichen Ursachen gesucht hätten.

Aber sie hätten «ganz klar» nie bewusst gelogen. Der Vater erhält 3000 Franken Genugtuung. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.