Gastkolumne

Unsere alle Notre-Dame - die Magie sakraler Monumentalbauten

Notre-Dame de Paris in Flammen.

Notre-Dame de Paris in Flammen.

Die Autorin, Amira Hafner-Al Jabaji, ist Islamwissenschafterin, wohnt in Grenchen, präsidiert den Interreligiösen Think-Tank und moderiert bei SRF die «Sternstunde Religion». Notre-Dame de Paris steht lichterloh in Flammen. Die Meldung am frühen Abend entsetzt mich.

Fassungslos und ohnmächtig sehe ich im Fernsehen und im Internet, wie dieses monumentale Bauwerk ein Raub der Flammen wird. Nur wenige Tage zuvor hatte ich noch einer Freundin geschildert, wie sehr mich diese Kathedrale stets in ihren Bann gezogen hat, mehr als alle anderen europäischen Grosskirchen. Gebaut im Hoch- und Spätmittelalter, vermochte sie durch die imposante und doch teils filigrane gotische Architektur, durch den Hall und durch das Lichtspiel der bunten Glasfenster in ihrem Inneren einen Zauber und gleichzeitig ein Gefühl von Erhabenheit zu entfachen und die Vorstellung einer durchweg dunklen und düsteren Epoche, in welcher sie erbaut worden war, aufzuhellen.

Notre-Dame ist nicht einfach ein Wahrzeichen von Paris, nicht nur nationales Denkmal Frankreichs und auch nicht nur ein Prachtbau des Katholizismus oder der Christenheit. Notre-Dame ist Weltkulturgut, ein Manifest zivilisatorischer Errungenschaften. Sie ist unserer, aller Menschen Dame. Ihre (zumindest teilweise) Zerstörung trifft mich ebenso sehr wie 2001, als Taliban damals die gigantischen in Felsen gehauenen Buddha-Statuen im Bamiyan-Tal in Afghanistan zerstörten. Es schmerz mich genauso sehr wie die Zerstörung des zweitausend Jahre alten Baal-Tempels der antiken römischen Stadt in Palmyra/ Tadmur in Syrien durch den IS im Jahr 2015. Aus der gleichen Zeit wie Notre-Dame de Paris stammte auch die Al-Nuri-Moschee in der nordirakischen Stadt Mossul, die ebenfalls vor zwei Jahren bei der Schlacht um Mossul zerstört wurde, ob vom IS oder durch alliierte Luftangriffe, ist unklar. Zahllose weitere monumentale Bauten von historischer Weltbedeutung wurden zerstört, die Menschheit um ihr Erbe gebracht. Allzu oft mutwillig, manchmal aus schicksalhafter Fügung.

Diese Bauten mögen in unterschiedlichen Epochen entstanden sein, in verschiedenen Kulturen beheimatet und für Gläubige unterschiedlicher Religionen errichtet worden sein. Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie für die gemeinschaftliche Anbetung, Feier und Verehrung des Heiligen errichtet worden waren, dass sie Menschen mit ihrem Hoffen und Sehnen in ihrem Inneren versammelt haben. Sie alle waren Orte, wo über Recht und Unrecht gesprochen und gedacht wurde und wo Menschen irgendeine Art Sinnstiftung erlebten und sie Transzendenzerfahrungen machten. Diese Bauten sind aber noch mehr. Wer sie besucht, wird in ihnen allen ein Gefühl von heiliger Erschütterung empfinden, von Ehrfurcht und Erhabenheit. Dass Menschen dafür ihre grösste Kunstfertigkeit intellektuell, handwerklich und spirituell dafür aufwendeten, wird an jedem solchen Ort erfahrbar. Architektonische Meisterleistungen, das Verhältnis von Höhe und Weite, die Wirkung von Säulen, Streben, Rundungen, vollendete Kunst, das bewusste Erzeugen von Wirkung durch Klang und Licht, das Spiel mit Formen und Farben. Selbst nicht-gläubige Menschen sind angezogen von der Magie, die solche Bauten verströmen. Millionen von Touristen bestätigen das jährlich.

Ob die Kathedrale Notre-Dame de Paris nach dem Inferno zu retten ist, oder wie manch anderes Weltkulturerbe unwiederbringlich zerstört sein wird, wissen wir (noch) nicht. Was wir wissen ist, Paris wird weiter existieren, wie Mossul, Palmyra und Timbuktu, nur anders. Auch in dieser Erfahrung wären dann Ost und West vereint.

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