Neue These

Ungeklärter Mordfall von Seewen: Dieser Mann glaubt, Mörder und Motiv zu kennen

Glaubt, nach 40 Jahren den Fünffachmord von Seewen gelöst zu haben: Jacques Nordmann will nicht, dass die Leute die Gräueltat vergessen.

Ein 73-jähriger Ingenieur schreibt ein Buch zum Fünffachmord von Seewen. Der Fribourger glaubt an die Aufklärung der Tat von 1976 – und an seine These zum Motiv des Täters, die auch der Sohn der Ermordeten für plausibel hält.

Basel, 1975: Ein junger Ingenieur, frisch ab ETH Zürich, zieht vom Kanton Fribourg nach Basel. Von seiner Wohnung aus hat der junge Jacques Nordmann die Jurahügel im Blick, die das Baselbiet und Solothurn trennen. Eben dort auf diesen Hügeln, im Solothurnischen Seewen, ereignete sich ein Jahr später ein Mord, der als das grösste ungeklärte Verbrechen in der neuen Schweizer Kriminalgeschichte gilt: Der Fünffachmord von Seewen.

Im Ferienhäuschen Waldeggli wurden fünf Menschen erschossen. Nordmann ist tief betroffen von der Tat. Der junge Mann wird umgetrieben von der Frage: «Warum findet man keinen Mörder?» 40 Jahre später schreibt er ein Buch darüber. 

«Was hat ein Welscher Typ mit dem Mordfall am Hut?», fragt der Autor, halb zum Spass. Seine Antwort: «Ich will nicht, dass die Menschen vergessen, was hier passiert ist – auch wenn der Fall ungeklärt ist.» Bei ihm selbst geriet der Fall auch immer wieder in den Hintergrund. Nordmann hat in seinem Leben mehrere Firmen gegründet, war beruflich viel unterwegs, hat dreimal geheiratet und ist Vater dreier Kinder. Seit einigen Monaten habe er etwas mehr Zeit, so der 74-Jährige, der sich im Baselbiet niedergelassen hat und noch in seiner letzten Firma, die Luftbefeuchter herstellt, arbeitet. Zeit, ein Buch zu schreiben und im Eigenverlag zu veröffentlichen. Er spricht fliessend Hochdeutsch mit französischem Akzent. Das Problem im Fall Seewen erklärt er so: «Man weiss mit grosser Wahrscheinlichkeit, wer der Mörder ist – aber man fand bisher kein Motiv.»

Die These: Von einem unehelichen Sohn und einem grossen Streit

Als Täter wird bis heute Carl Doser vermutet; das sagte auch der ehemalige Chef der Kripo Solothurn vergangenes Jahr in einem Interview gegenüber dieser Zeitung. Doser wurde als Besitzer einer Winchester – die bereits 1976 vermuteten Tatwaffe – zwar vernommen, gab aber an, er habe diese schon vor Längerem auf dem Flohmarkt verkauft. Ein Jahr nach dem Mord verschwand er. 20 Jahre später, 1996, fand man bei Sanierungsarbeiten in der Wohnung von Dosers Mutter in Olten die Mordwaffe. Weitere Spuren hinterliess Doser keine – ebenso wenig ein Motiv. Er schien in keiner Beziehung zu den Mordopfern zu stehen. Das glaubte auch Nordmann all die Jahre. Jetzt nicht mehr.

Der fünffache Mord von Seewen bleibt ungelöst

Der fünffache Mord von Seewen bleibt ungelöst

Seine These: Doser sei ein unehelicher Sohn von Eugen Siegrist, einem der fünf Mordopfer. Daneben wurden auch Siegrists Frau, seine Schwester und deren beiden erwachsenen Söhne erschossen. Doser, so Nordmanns These, habe als Erwachsener vom leiblichen Vater erfahren und Teil der Familie werden wollen. Der Vater, so der Autor weiter, habe den Sohn aber nur sporadisch und heimlich treffen wollen, immer wieder vertröstet. So sei es zum Streit, schliesslich zur Eskalation gekommen.

Nordmann zieht ein Blatt aus seinem Jackett hervor und glättet es auf der Tischplatte. Er will zeigen, wie er die These erarbeitet hat. Das Buch des Sohnes des ermordeten Ehepaars zum Mordfall habe er gelesen – «etwa 25 Mal» – Fotos vom Tatort analysiert, Infos über die Tatwaffe eingeholt, den Tatort besucht und das Geschehen rekonstruiert. «Ich bin eben Ingenieur», sagt er lächelnd. Auf dem Blatt befindet sich eine Tabelle. Verschiedene Pfeile und Klammern führen offene Fragen des Mordfalls und den mutmasslichen Täter zusammen. Mit seiner Theorie glaubt der Autor, alle offenen «Mysterien» gelöst zu haben: Eine Affäre, die der ermordete Siegrist gehabt haben soll, ein Telefonat vor dem Mordfall, ungeklärte Abwesenheiten von Siegrist kurz vor Pfingsten. Unter der Annahme, Doser sei Mörder und unehelicher Sohn, scheinen all diese Puzzleteile zusammenzupassen.

Der Fall ist bis heute aber nicht nur ungeklärt, er ist auch verjährt. Das heisst, strafrechtlich kann nicht mehr ermittelt werden – für Verdächtige gilt auf ewig die Unschuldsvermutung. Sie könnten auch im Falle eines Geständnisses nicht mehr verurteilt, geschweige denn bestraft werden. So heisst es auf Anfrage bei der Kantonspolizei Solothurn, man habe das Buch zur Kenntnis genommen und sich eingehend damit befasst. Aber: «Die Polizei äussert sich nicht zu Thesen und Vermutungen, wir ermitteln aufgrund von Fakten», so Mediensprecher Bruno Gribi. Auf die Frage danach, ob man sich während der Ermittlungen je damit beschäftigt habe, ob Doser mit den Siegrists verwandt sein könnte, heisst es, dazu dürfe man keine Auskunft erteilen.

Einer, der diese These aber für plausibel hält, ist Robert Siegrist. Der Sohn des ermordeten Ehepaars.

Sohn und Autor glauben: Der Täter lebt noch – und wird reden

«Die These könnte durchaus zutreffen», schreibt Siegrist auf Anfrage. Er sagt auch, zwischen dem Foto von Doser und dem Bild seines Vaters, würde eine gewisse Ähnlichkeit bestehen. Nur: Es gibt und gab bisher keine Indizien für eine solche Beziehung. Den Beweis für eine Vaterschaft könnte der DNA-Vergleich von Siegrist und Doser liefern; Autor Nordmann ist überzeugt, dass es im Archiv der Polizei noch Spuren von Doser geben müsste. Siegrist sagt dazu jedoch, die Polizei habe ihm mitgeteilt, die Beweismittel seien kontaminiert – eine Analyse würde zudem kosten. Und die Polizei wiederum sagt, man dürfte aufgrund der Verjährung gar keinen Vergleich mehr durchführen.

Stattdessen hat Siegrist einen Kriminalpolizisten darum gebeten, erneut in den Archiven zu recherchieren. Allenfalls gibt es dort noch eine Geburtsurkunde von Doser, einen Hinweis zu einer Adoption oder zu einem unehelichen Kind. Wann und ob die Recherche zu Ergebnissen führt, ist offen.

Autor Nordmann sagt, er wolle die Polizei nicht für getane Arbeit kritisieren – das stehe ihm nicht zu. Eine Erklärung, weshalb gerade er die Lösung gefunden haben soll – und mehrere Ermittler vor ihm nicht – hat er keine. Der 73-Jährige ist fest überzeugt: «Die letzte Enthüllung wird kommen.» Er glaube, dass Doser noch lebe, und auf seinem Sterbebett plaudern werde. Oder, dass eine ihm nahestehende Person die These noch bestätigen könnte. «Sollte Doser je auftauchen und über den Fall reden, wäre das der seltsamste Fall der Schweizer Kriminalgeschichte», sagt der Sohn Robert Siegrist dazu. «So ein Ende würde zum Ganzen noch gut passen.»

Seltsam mutet ebenfalls an, dass Autor Nordmann festgestellt hat, nachdem er die Webseite zum Buch Online gestellt hat. Zwei oder drei Klicks aus Amerika – einem Kontinent, wo einige den verschwundenen mutmasslichen Täter vermuten...

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