Achim Bader*, eine behinderte Frau hat kein Konto, sondern muss immer um Geld fragen, wenn sie sich etwas kaufen will. Ein Einzelfall?

Achim Bader: Sicherlich kein Einzelfall. Doch muss man die Frage im Zusammenhang betrachten. Etwa ob der betroffenen Person das Verständnis für den Umgang mit Geld fehlt. Generell sollte man schauen, dass nur so viel Unterstützung angeboten wird, wie unbedingt nötig und sinnvoll.

Warum ist das nicht immer der Fall?

Selbstbestimmung im Alltag zu leben, nimmt Zeit in Anspruch. Es bedarf oft eines höheren, organisatorischen Einsatzes und verlangt ein grosses Mass an Flexibilität. Zu diesem «Opfer» ist manchmal das Umfeld nicht bereit. Angehörige sind nicht selten überrascht und manchmal auch überfordert, wenn ein Familienmitglied mit einem Handicap den Wunsch nach mehr Selbstbestimmung äussert. Sei es nun im Bereich selbstständiges Wohnen, Arbeit oder Freizeitgestaltung. Hat man doch gerade für diesen Menschen bis anhin alles organisiert und geregelt, war stets dafür besorgt, dass es dieser Person gut geht und es ihr an nichts fehlt. Es bereitet dem Umfeld Unbehagen.

Es braucht Mut, wenn eine behinderte Person Selbstbestimmung leben will.

Es braucht Mut, sich gegen die Befürchtungen und Ratschläge von Familie und Freunden durchzusetzen und den Wunsch nach Eigenständigkeit hartnäckig zu verfolgen. Es braucht den Willen und die eigene Bereitschaft, das manchmal auch bequeme Nest der allumfassenden Umsorgung zu verlassen.

Insgesamt aber ein Schritt in die richtige Richtung ...

Auf jeden Fall. Während früher Menschen mit Behinderung lediglich eine «Heim-Karriere» vor sich sahen, stehen uns heute schon viele Türen offen. Neue und verbesserte Technologien zum Beispiel in den Bereichen Mobilität und Kommunikation tragen dazu bei. Es braucht nicht mehr zwingend die Anwesenheit im Büro, damit man seiner Arbeit nachgehen kann. Dank neu eingeführter Dienstleistungen können Menschen mit Behinderung in der eigenen Wohnung leben und für die benötigte Betreuung das eigene Personal einstellen. Die Zeit der Separierung ist vorbei.

Achim Bader, Präsident des Vereins Selbstvertretung Kanton Solothurn

Achim Bader, Präsident des Vereins Selbstvertretung Kanton Solothurn

Selbstbestimmung, etwa in die Stadt zu gehen, wann eine Person will, ist auch eine Kostenfrage.

Selbstbestimmung ist nicht zuletzt auch eine Frage der Mobilität. Viele Menschen mit Behinderung sind auf die eine oder andere Weise in ihrer Mobilität eingeschränkt. Dies führt dazu, dass sie nicht mal eben so eine Besorgung machen können. Oft stellen sich im Vorfeld einige Fragen. Ist dieses Geschäft barrierefrei? Muss ich eine Begleitperson organisieren? Wo finde ich ein behindertengerechtes WC? Und, wie komme ich überhaupt in die Stadt? Gerade die Frage des Transports ist eine Herausforderung. Leider ist unser öV-System noch nicht so weit, dass es von Menschen mit einer Mobilitätsbehinderung jederzeit selbstständig genutzt werden kann. Muss man aus diesem Grund regelmässig die Dienstleistung eines Behindertentransportes in Anspruch nehmen, geht dies schnell ins Geld. Man überlegt sich daher gut, ob man eine Fahrt buchen oder an einem Konzert teilnehmen kann. Die Selbstbestimmung leidet also unter der Kostenfrage.

Wo fehlt es sonst noch?

Menschen mit Behinderung sollten in jedem Lebensbereich gleichgestellt sein. Am 15. April 2014 hat die Schweiz in New York die UNO-Behindertenrechtskonvention als 144. Staat ratifiziert. Ebenfalls in diesem Jahr wurde das Behindertengleichstellungsgesetz 10 Jahre alt. Halbzeit für dessen Umsetzung. Es braucht noch in vielen Bereichen einen grossen Schritt. Sei es nun im Bereich des öffentlichen Verkehrs, dem Zugang zur Arbeitswelt oder beim hindernisfreien Bauen. Es braucht noch viel Sensibilisierungsarbeit, um Berührungsängste gegenüber Menschen mit Behinderung abzubauen.

*Achim Bader ist Präsident von Selbstvertretung Kanton Solothurn – Menschen mit Behinderung. Seit Dezember 2014 gibt es den Verein, der inzwischen rund 50 Aktivmitglieder hat. Er setzt sich für ein selbstbestimmtes Leben von Menschen mit Handicap ein und vermittelt Behinderten bei Bedarf Kontakte zu weiteren Experten.