Tobs-Premiere
Betörender Belcanto in düsterer Atmosphäre

Bellinis Oper I Capuleti e i Montecchi feiert am Theater Biel-Solothurn eine überzeugende Premiere.

Silvia Rietz
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Wer kennt sie nicht, die Geschichte von Romeo und Julia, die Shakespeare unsterblich gemacht hat. Anders als die meisten Komponisten und Filmregisseure griff Vincenzo Bellini nicht auf die Weltliteratur zurück, sondern auf den Novellenfundus der Renaissance: Romeo hat im Krieg Julias Bruder getötet. Ihr Vater Capellio will, dass Tebaldo den Sohn rächt und Julia heiratet. Der Arzt Lorenzo versucht vergebens, zwischen den Familien zu vermitteln oder die Flucht der Liebenden zu ermöglichen.

«Die Oper muss Tränen entlocken»

Felice Romanis Libretto führt zu einem unversöhnlichen, doch ergreifenden Finale. Dem jung verstorbenen Bellini (1802-1835) war mit «Il Pirata» 1827 der Durchbruch gelungen, gefolgt von «I Capuleti e i Montecchi», «La sonnambula», «Norma» und «I Puritani». Der Schöpfer des «Melodramma tragico» schrieb in einem Brief: «Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.»

Ingredienzen, mit denen er zum Meister des «Belcanto con passione» avancierte, der gegenwärtig mit «I Capuleti e i Montecchi» im Nebia Biel und ab 17. November auch im Stadttheater Solothurn zelebriert wird. Dreh- und Angelpunkt der Familienfehde der Capuletis und Montecchis ist ein schwarzer Raum als Einheitsbühnenbild (Bruno de Lavenère), beherrscht von einem mit Kettenvorhang eingerahmten Kubus. Die morbide Atmosphäre steht für Töten und für die Tyrannei des Patriarchats. Das Liebesdrama wird mit Blut und Tränen geschrieben und dank ausgefeilter Personenregie (Yves Lenoir) inmitten einer trostlosen Atmosphäre ergreifend erzählt.

Ein überzeugendes Orchester

Der Erfolg des Abends indessen wird am Pult entschieden: Franco Trinca, der das mit transparenten Streicherphrasen, subtilen Farben im Holz und pointiertem Blech überzeugende Sinfonie Orchester Biel Solothurn leitet. Dem Italiener liegt Bellinis Melos im Blut. Franco Trinca entlockt dem Orchester intensive Dramatik, feilt Soli differenziert heraus, schwelgt in den Melodienbögen. Publikumsliebling Josy Santos singt den Romeo mit Emphase und leidenschaftlicher Cabaletta «La tremenda ultrice spada», gestaltet das Finale «Deh! Tu bell’anima» mit Wehmut und Schmerz.

Als quirliger und kämpferischer Draufgänger glaubhaft auch in der äusseren Erscheinung, punktet Josy Santos mit Stimme und Präsenz. Ein vokaler Glücksfall ist Aoife Gibney, die als Giulietta die Klaviatur des Belcanto mit geschmeidiger Mittellage, zarten Piani, agilen Koloraturen sowie strahlenden Höhen beherrscht und so «Quante volte» zu einem Höhepunkt werden lässt.

Von Jean-Jacques Delmotte in ein Volant-Hochzeitskleid gesteckt, raucht und trinkt diese Giulietta, stöbert in der Handtasche, flaniert in Unterwäsche. Unnötige Accessoires, die Aoife Gibney nicht daran hindern, eine verletzliche, gefühlvolle und unsichere junge Frau zu charakterisieren, die zum Spielball der Männer wird.

Gustavo Quaresma kehrte mit schlankem, flexiblem Tenor als Tebaldo an seine einstige Wirkungsstätte zurück. Erstmals auf der Tobs-Bühne agiert Bassist Daniel Reumiller als Giuliettas Vater. Ein stimmstarker Clan-Chef, der die Brüche der Figur aufzeigt, das Happy-End verhindert und in Yves Lenoires Lesart gerichtet wird. Jonathan Macker schlüpft beseelt in die Rolle des erfolglosen Vermittlers, gefällt als Lorenzo. Hervorzuheben auch der von Valentin Vassilev einstudierte Chor, dem eine zentrale Rolle zufällt. Fazit des Premieren-Abends: Wer für Belcanto-Wonnen düsteres Bühnenambiente nicht scheut, darf diese musikalisch betörende Romeo-und-Julia-Version nicht verpassen.

Ein für Belcanto-Wonnen düsteres Bühnenbild.

Ein für Belcanto-Wonnen düsteres Bühnenbild.

Suzanne Schwiertz

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