Anna S.* hat nie gelernt, selbst zu leben. Sie ist nicht nur behindert, ein wenig wurde die Frau auch behindert gemacht.

Über 80 Jahre alt, körperlich schwerst beeinträchtigt, geistig vif: Das sind die Eckdaten eines Lebens, das fast nur in Heimen spielte.

Anna S. trägt ihre Vergangenheit mit sich. Es gefällt ihr im Heim, in dem sie lebt. Aber sie ist auch auf die Institution angewiesen.

Käthi Scartazzini erzählt uns die Geschichte von Anna S. Die ehemalige Gerlafinger Ärztin und frühere FDP-Politikerin hat Anna S. das Leben lang begleitet. Sie sind Cousinen.

Scartazzini schildert den aufreibenden Kampf, den sie nun vier Jahre lang mit der Sozialbehörde Zuchwil geführt hat, und legt einen Papierstapel an Akten vor.

Dieser zeigt einen Kampf um ein ganz wenig mehr Selbstbestimmung in einem Leben, in dem diese oft nicht möglich war. Erst als Anna S. um die 70 war, gab ihr ein elektrischer Rollstuhl mehr Bewegungsfreiheit.

Geld wäre dank einer Erbschaft vorhanden

Der Streitpunkt ist eigentlich ein kleiner: Anna S. soll jeden Monat ein wenig Taschengeld erhalten, das sie selbst vom Konto abheben kann. Sie soll nicht mehr jedes Mal, wenn sie etwas will, ins Büro ihres Wohnheims gehen und nach dem Geld fragen müssen.

Dass sie dies muss, hat ihr Amtsbeistand von den Sozialen Diensten Zuchwil-Luterbach so festgelegt.

Die vorliegenden Akten schildern eine Geschichte, in der die Behörden keine Fehler gemacht haben, aber trotzdem in der Kritik der Angehörigen stehen.

Es geht um ein paar hundert Franken Freiheit, die ein paar tausend Franken Anwaltskosten ausgelöst haben.

«Was uns sorgt, ist, dass sie als geistig normale Frau im Wohnheim um Geld bitten muss, wenn sie etwas braucht», haben die Verwandten in einem der vielen Briefe an die Behörden festgehalten.

Dass Anna S. mit einigen hundert Franken Sackgeld im Monat problemlos umgehen kann, hat sie schon bewiesen. Aus dem Erbe ihrer Gotte hat Anna S. über Jahre monatlich einen Betrag erhalten.

«Sie ging zum ersten Mal auf die Bank und hob das Geld selbst ab. Sie war so selig», sagt Cousine Käthi Scartazzini. Anna S. sei alleine in die Stadt, sie kaufte die Kosmetika, die sie wollte, und sie leistete sich einmal sogar eine Kreuzfahrt.

Anna S. lebte die Eigenständigkeit, die sie erst spät mit dem elektrischen Rollstuhl bekam. «Die mögliche Selbstständigkeit wird ihr heute total abgesprochen», sagen die Verwandten mit Blick auf das Sackgeld, das Anna S. verweigert wurde.

Die Angehörigen nennen es einen «Bettelgang», wenn Anna S. für alles Geld zur Verwaltung des Heimes muss.

Der Clou: Das Geld für das Taschengeld wäre vorhanden: Es gibt nämlich ein Legat. 2003 starb ein Onkel von Anna S. Er vermachte der Frau mehrere zehntausend Franken

Alle drei Monate sollten ihr 1000 Franken ausbezahlt werden. Doch das Geld kam nie auf das Konto, auf das Anna S. selbst Zugriff hatte, sondern immer nur auf das Konto, das die Sozialbehörde Zuchwil verwaltete.

Lange Zeit wusste die Familie nicht, dass das Legat vorhanden war. Erst 2011 erfuhren die Angehörigen zufällig davon.

«Ich habe gelernt, wohl oder übel mich zu bewegen»

Wäre sie Jahre oder Jahrzehnte später zur Welt gekommen, hätte ihr das Leben wohl mehr Möglichkeiten geboten. Doch Anna S. wurde geboren, als Behindertenheime noch keine Selbstverständlichkeit waren.

Menschen wie sie wurden zu Hause betreut, in den schlimmsten Fällen gar versteckt. Anders war das in der Familie von S. Ihre Eltern halfen gar bei der Gründung eines Heimes mit. Immer hat sich die Familie mit viel Engagement um S. gekümmert.

Sie ging in die Dorfschule. Die Schulkinder holten sie jeweils mit einem Wagen ab. Mit einem Gehapparat konnte sie sich als Kind bewegen.

Das schildert Anna S. in einem Text über ihr Leben. Im Heim, in dem sie als Kind lebte, musste sie Eigenständigkeit lernen.

Wenn die Heimkinder im Sommer draussen in der Hostet assen, «musste ich allein hinkommen, wenn es nicht anders ging auf allen vieren», hielt Anna S. in ihrem Lebenslauf fest.

«Kam ich zu spät, verpasste ich das Mittagessen.» Diese Eigenständigkeit habe ihr das Leben gerettet. «Ich habe gelernt, wohl oder übel mich zu bewegen.»

Die Angehörigen beschreiben Anna S. als «geistig nicht behinderte, klar denkende und urteilsfähige Person, die es nach jahrzehntelanger Isolierung verdient, ihre noch nicht allzulange erworbene Selbstständigkeit zu leben.»

Anders liest sich, was die Zuchwiler Sozialbehörde in den Akten festhielt. Anna S. wisse, dass sie «jederzeit via Betreuerin im Heim oder direkt über die Beiständin Geld beziehen könne», steht dort.

Umgehend werde dann ein entsprechender Betrag auf ihr Konto überwiesen. Kleider, Toilettenartikel, Coiffeur würden vom Heim vorfinanziert.

Doch muss eine geistig vife Frau, die schreiben kann und viel liest, jedes Mal um Geld fragen gehen, wenn sie sich einen Lippenstift kaufen will?

Das wollten die Angehörigen geklärt haben. Vier Jahre lang haben deshalb die Schwester und die Cousinen von Anna S. gekämpft.

Jetzt haben sie zwar mit einer Aufsichtsbeschwerde verloren. Die Zuchwiler Sozialbehörde, so entschied die Kesb, hat keine Fehler gemacht, sondern sorgfältig gehandelt. Anna S. habe kein Anrecht «zur separaten Verwaltung des Geldes» aus dem Legat.

Nun fliesst Geld – zwischendurch

Einen Teilsieg haben die Verwandten trotzdem erreicht. Anna S. erhält inzwischen, das wurde abgemacht, Geld aufs Konto und kann selbst darüber verfügen. Noch immer ist aber nicht klar, in welchen Abständen der Betrag ausbezahlt wird.

Doch nun steht die nächste Frage an. Wer bezahlt die Anwaltskosten für den Kampf um ein ganz wenig Eigenständigkeit? Die Angehörigen haben bisher einige tausend Franken Anwaltskosten selbst bezahlt. Ob sie das Geld je erhalten, ist ungewiss.

«Wir haben alles unternommen, was uns irgendwie möglich war, und sind zu oft auf verschlossene Ohren und Türen gestossen», sagt Scartazzini. Sie stört sich daran, wie lange der Kampf dauerte.

«Vier Jahre sind für einen betagten und zudem behinderten Menschen sehr wertvoll, insbesondere wenn all die technischen Möglichkeiten erst spät genutzt werden konnten. Diese menschliche Situation wurde in keiner Art und Weise berücksichtigt.»

Einmal hatte Scartazzini auf dem Sozialdienst gehört, am Ende müsse ja auch noch Geld für eine Beerdigung vorhanden sein.

14 Monate dauerte es, bis die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde überhaupt über die Beschwerde entschied und ihr dreiseitiges Urteil publizierte. 14 Monate, in denen nur aufgrund von Akten entschieden wurde.

«Sie haben meine Cousine bei ihrem Entscheid nicht einmal minimal gekannt», sagt Scartazzini. «In unserem Fall wurde sie durch alle Gremien hindurch als schwerstbehindert, unselbstständig, vollkommen hilfebedürftig, abhängig und geistig nicht entscheidfähig beurteilt und behandelt. Wo bleibt der Zugang zum einzelnen Menschen?»

Nie sei ein Gespräch mit der Frau selbst geführt worden, alle Gespräche hätten in Gruppen stattgefunden und oft «im Heim, in einer Umgebung also, wo sie zu Hause ist, niemanden verletzen möchte und damit beeinflussbar ist.»

* Name geändert