Amtsgericht

Staatsanwalt fordert lebenslänglich im Mordfall von Winznau – Täter soll zudem verwahrt werden

In diesem Haus in Winznau geschah die Tat vor vier Jahren. (Archivbild)

In diesem Haus in Winznau geschah die Tat vor vier Jahren. (Archivbild)

Die Staatsanwaltschaft fordert bei der Verhandlung vor dem Amtsgericht Olten-Gösgen für den Täter von Winznau lebenslänglich mit Verwahrung.

Gegensätzlicher können die Positionen an diesem zweiten Prozesstag kaum sein. Hier der Staatsanwalt, der Federico T.* als Mörder bezeichnet und eine lebenslange Freiheitsstrafe plus die Verwahrung fordert. Dort die Verteidigerin, die glaubhaft machen will, dass der Angeklagte nicht als Rachsüchtiger gehandelt, sondern vielmehr die Kontrolle über sein Handeln verloren habe; sie widerspricht dem Vorhalt des Mordes und der mehrfach versuchten vorsätzlichen Tötung vehement und fordert einen Freispruch ihres Mandanten. Die Forderung der Staatsanwaltschaft bezeichnet die Verteidigerin am Donnerstag als «Witz».

Staatsanwalt Ralph Müller bezeichnet den Beschuldigten als «krankhaft eifersüchtigen Täter», der mit «ausserordentlicher Heimtücke und Gnadenlosigkeit» von einem «regelrechten Vernichtungswillen» besessen sein Opfer «eliminiert» und «buchstäblich exekutiert» habe. Müllers rund 90-minütiges Plädoyer ist geprägt von Wiederholungen; mehrmals benutzt er die Begriffe «heimtückisch», «primitiv», «perfid» oder «skrupellos». Er zeichnet das Bild eines Mannes mit äusserst problematischem Beziehungsverhalten, der seine Freundin einsperrte, drangsalierte und sie nach der Trennung via Facebook mit dem Tod bedrohte.

Verzweiflung führte ins Verderben

Anders tönt es im Plädoyer der Verteidigern Sabrina Weisskopf. Federico T. habe die Waffe bei sich geführt, weil er sich selbst das Leben habe nehmen wollen. Stattdessen habe seine Verzweiflung zur Tat im Affekt geführt. Im Affekt deshalb, weil T. keine Vorbereitungen getroffen habe und sich hinterher kaum an Details erinnerte. Nach der Äusserung Mirsad B.s*, der ihm beim Bier im «Frohsinn» gesagt hatte, am Abend zur Geburtstagsfeier der besten Kollegin von T.s ex Freundin zu gehen habe es dem Beschuldigten «usghänkt». Dass er zu Mirsad B.s Wohnung ging, sei nicht geplant gewesen und schon gar nicht habe er dort B. oder jemand anders umbringen wollen.

Für die Staatsanwaltschaft hingegen ist klar, dass sich der über Monate aufgestaute Beziehungsfrust an diesem verhängnisvollen 4. Juli 2016 entlud. T. habe eine «perfide Heimtücke» an den Tag gelegt, indem er noch kurz im «Frohsinn» gewartet habe und Mirsad B. dann zu dessen Wohnung gefolgt sei. Motiv: Rachsucht aufgrund B.s mutmasslichem Schweigen bezüglich des Aufenthaltsorts von Helena M.*, der von T. immer noch innig geliebten Ex-Freundin.

Die Verteidigung sieht es freilich anders. Zur Tatzeit habe T. Abschiedsbriefe in der Tasche mitgeführt, was auf Suizid hindeute, nicht auf Mord. Trotzdem kam es zur «Kurzschlusshandlung» (Zitat der Verteidigung), die einer unbeteiligten Person, dem Vater eines damals 14-jährigen Sohnes, das Leben kostete. Sabrina Weisskopf bestreitet nicht, dass ihr Mandat Schuld trägt am tragischen Tod des Opfers, Federico T. sei sich der Verantwortung bewusst.

Opferanwalt erkennt keine Reue

Rechtsanwalt Burim Imeri, der die Opferfamilie und deren Zivilklagen vertritt, zeigt sich in seinem Plädoyer betroffen: «Es ist unfassbar, dass eine völlig unbeteiligte Person sterben musste». Der Verlust des Vaters sei auch deshalb so schwer, weil schon die Mutter früh gestorben und der einzige Sohn noch minderjährig gewesen sei. Imeri plädiert für einen Schuldspruch im Sinne der Anklage und eine angemessene Strafe.

Für den Sohn des Opfers fordert er eine Genugtuung von 40'000 Franken, für den Vater und die beiden Schwestern des Opfers je 30'000 Franken. Während des Plädoyers des Opferanwalts kommen dem Angeklagten wiederholt die Tränen. Wie er da als Häufchen Elend auf seinem Stuhl hockt, deutet nichts auf die Widerwärtigkeit eines Mörders hin. Mitleid oder gar Verständnis von der Opferfamilie kann er indes nicht erwarten. Anwalt Burim Imeri: «In Briefen an die Familie bittet der Beschuldigte zwar um Verzeihung. Er steht aber nicht wirklich zu seiner Tat und stellt die Tötung als Unfall dar. Echte Reue ist nicht zu erkennen.»

Einen Entschuldigungsversuch und eine Beileidsbezeugung formuliert die Verteidigung schon im Plädoyer. Am Ende der Verhandlung versichert Sabrina Weisskopf abermals das Bedauern Federico T.s, und der Beschuldigte selber ergreift ebenfalls das Wort und sagt leise: «Meine Seele ist zerstört. Von morgens bis abends denke ich nur an die Familie des Opfers. Ich schäme mich, Ihnen allen in die Augen zuschauen.»

Das Urteil wird für Anfang November erwartet.

* Namen geändert

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