Interview

Sportanlässe, Politik und historische Wirtschaftsfusionen – Dagobert Cahannes hat alles miterlebt

Der 69-jährige Dagobert Cahannes war Solothurner Regierungssprecher, aber nicht nur: Er war bei der Novartis-Fusion dabei, bei Nobelpreisverleihungen – und als Speaker bei ungezählten sportlichen Grossanlässen. Ein Gespräch über ein Leben vor und hinter den grossen Kulissen, über Diskretion und Nobelpreisträger.

Sie waren rund 20 Jahre lang Sprecher der Solothurner Regierung. Haben Sie die Regierung reden gelernt?

Dagobert Cahannes: Ich wurde am 1. April 1997 tatsächlich als Erster in dieses Amt gewählt. Die Regierung suchte einen Kommunikationsberater, weil sie wegen des Skandals um die Kantonalbanken in die Kritik geraten war. Staatsschreiber Konrad Schwaller fragte mich, ob dies nicht eine Aufgabe für mich sein könnte. Die Aufgabe reizte mich. Aber mir war wichtig, lediglich Berater, und nicht der Sprecher der Regierung zu sein. Deshalb sagte von allem Anfang an: Reden müsst ihr selbst.

Aber Sie haben der Regierung beim Reden geholfen?

Ich blieb stets im Hintergrund und war aber bei allen Sitzungen des Regierungsrates dabei. Insgesamt waren es exakt 800 Sitzungen.

Was haben Sie verändert?

Es ging mir in erster Linie darum, das gegenseitige Verständnis zu fördern und die Kommunikation der Zeit anzupassen.

Dagobert Cahannes als Regierungssprecher (Archiv)

Dagobert Cahannes als Regierungssprecher (Archiv)

Wie lief denn das mit der Kommunikation zur damaligen Zeit?

Nach einem Regierungsbeschluss am Vormittag wurde am Nachmittag in aller Ruhe eine Medienmitteilung verfasst und am anderen Tag mit der Post verschickt. Das war schon in den 1990er-Jahren nicht mehr zeitgemäss.

Immerhin gab es die E-Mail damals schon.

Richtig. Nun gingen nach einem Beschluss am Vormittag gleich am Mittag die Medienunterlagen an die Redaktionen. Entscheidend war auch, dass die Verantwortlichen danach für Rückfragen erreichbar waren.

Erlauben Sie uns eine saloppe Frage: Haben Sie die Regierenden auch lügen gelernt?

Nein. Ganz im Gegenteil. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Es ging kurz vor einem zweiten Wahlgang der Regierungsratswahlen um heikle Entscheidungen rund um die Bahn 2000. Die Beschlüsse waren gefasst. Doch man war der Meinung, dass es besser sei, diese erst nach der Wahl zu kommunizieren. Ich habe dann interveniert mit dem Hinweis, dass so etwas nicht geht.

Weil ...

... die Traktandenliste mit den entsprechenden Geschäften öffentlich ist. Sogar die Sitzungen des Regierungsrates sind öffentlich. Wenn bekannt geworden wäre, dass Information von öffentlichen Geschäften in solch sensiblen Momenten zurückgehalten worden wären, hätten wir grössere Probleme bekommen können. Ich benötigte lediglich etwa drei Minuten, um alle zu überzeugen.

Moment mal: Sie sagten, die Sitzungen der Solothurner Regierung seien öffentlich?

Ja, so ist es. Dies dürfte in der Welt einmalig sein. Nur wenn es der Persönlichkeitsschutz erfordert, sind die Sitzungen nicht öffentlich.

Ein Blick in die Regierungsratssitzung: Die Sitzungen sind öffentlich. (Archiv)

Ein Blick in die Regierungsratssitzung: Die Sitzungen sind öffentlich. (Archiv)

Wie viele Geschäfte sind denn öffentlich?

Das sind schon zwischen 60 und 70 Prozent.

Dann ist die Regierung des Kantons Solothurn die transparenteste und ehrlichste der Welt.

Wenn Sie das so formulieren, habe ich nichts dagegen.

Wie hat sich die Medienkultur während Ihrer Amtszeit verändert?

Anfänglich mussten Hunderte von Medienmitteilungen oder Einladungen zu Medienkonferenzen per Post verschickt werden. Bald einmal versandten wir diese Mitteilungen per E-Mail. Ich sorgte zudem dafür, dass solche Konferenzen um 09.30 und nicht erst am Mittag stattfinden, damit die elektronischen Medien am Mittag auf Sendung gehen können. Zuweilen ermöglichten wir es einem Radiosender, ein Interview bereits am Vorabend aufzunehmen. Sie mussten danach jedoch eine Sperrfrist einhalten. Das heisst, sie konnten sofort nach Beginn der Medienkonferenz, wenn die offizielle Medienmitteilung raus war, damit auf Sendung gehen.

Die Sperrfristen wurden immer eingehalten?

Ja, das war kein Problem. Andernfalls wäre ein derartiges Arrangement mit diesem Sender nicht mehr zu Stande gekommen.

Aber eigentlich war ja Ihre Arbeit für die Solothurner Regierung beschaulich im Vergleich zu ihrem vorherigen Job. Sie waren für die Kommunikation verantwortlich, als sich 1996 die beiden Pharmagiganten Sandoz und Ciba Geigy zu Novartis zusammenschlossen. Diese Fusion war eines der sensibelsten Geschäfte unserer Wirtschaftsgeschichte. Falls da vorher etwas bekannt geworden wäre, hätte ein Erdbeben die Börse erschüttert?

Es war in der Tat ein sehr heikles Geschäft. Wir drehten beispielsweise die Filmaufnahmen mit den Novartis-Logo unter der Woche auf dem Titlis. Die paar Touristen, die uns dabei beobachten konnten, wussten mit dem Namen «Novartis» nichts anzufangen. Die Drucksachen in englischer Sprache liessen wir in Frankreich drucken, für die französischsprachigen vergaben wir den Auftrag nach England, damit die Mitarbeiter der Druckereien der Sache nicht auf die Spur kamen.

Sie mussten zuvor aber den Eintrag im Handelsregister publizieren.

Ja, das stimmt. Doch wir liessen die Firma zuerst mit einem anderen Zweck eintragen, liessen sie also nicht als Pharmafirma erkennen. So war der Eintrag einer Firma namens «Novartis» für das Handelsregisteramt ein reines Routinegeschäft, hinter dem nichts vermutet wurde.

Ein solches «Jahrhundert-Geschäft» erfordert ja zahllose Sitzungen und Verhandlungsrunden. Es war deshalb unmöglich, diese in den Räumlichkeiten einer der beiden Firmen oder irgendwo in Basel abzuhalten. Die Führungspersönlichkeiten der beiden Firmen waren ja stadtbekannt.

Die meisten Besprechungen haben in der Tat in Restaurants irgendwo im Elsass stattgefunden. Um keinerlei Aufsehen zu erregen, reisten die Verantwortlichen zudem in alten Autos an die Besprechungsorte.

Also nicht mit den üblichen Karossen.

So ist es.

Wie schafften Sie es, zu einer Medienkonferenz einzuladen, ohne dass jemand merkte, worum es ging?

Wir verschickten die Einladungen für die Medienkonferenz an dem Tag, an dem sie stattfand, am Morgen um 05.00 Uhr, per E-Mail.

Schliefen Sie gut in jener Nacht?

Nicht besonders. Die Vorfreude war natürlich riesig. Und ein wenig bibberte ich schon, dass irgendwo noch was rausgeht.

Wie viele Leute wussten davon?

Die Verwaltungsräte beider Firmen, die Banken, die mit dem Fusionsgeschäft beauftragt waren, insgesamt dürfen es mindestens 100 Personen gewesen sein.

Und die haben alle dichtgehalten?

Nicht ganz. Damals gab es noch die Wirtschaftszeitung «Cash». Die hatten in der Ausgabe am Tag, als wir die Medienkonferenz abhielten und den Deal bekanntgaben, einen Artikel über zehn Seiten mit allen Hintergrundinformationen im Blatt. Das war kein Problem, weil wir ja am selben Tag ebenfalls damit an die Öffentlichkeit gingen. Aber da musste jemand am Tag vorher geplaudert haben.

Wer war es?

Ich habe schon einen Verdacht, wer es gewesen sein könnte.

Oh, das ist aber interessant.

Der Name ist mir inzwischen entfallen.

Gerieten Sie als ehemaliger Journalist nicht auch in Verdacht?

Doch, ich wurde dazu befragt.

Sprachen Sie damals eigentlich mit Ihrer Frau über diese Fusion?

Nein, nicht einmal mit ihr sprach ich darüber. Ich musste aufpassen. Ich durfte ja jeweils nicht sagen, weshalb ich schon wieder später nach Hause komme. Mit meinem Sohn hatte ich sowieso die Abmachung, dass wir daheim nicht über Geschäftliches reden.

Ihr Sohn Kevin ist heute stellvertretender Nachrichtenchef bei unserem staatstragenden Radio und war ja damals schon Journalist. Auch er ahnte also nichts?

Nein.

Diese ganze Fusion ging vor 23 Jahren über die Bühne. Wäre diese Geheimhaltung in der heutigen Zeit der sozialen Medien und Smartphones immer noch möglich?

Ich hoffe es doch.

War diese Fusion eigentlich Ihr grösstes Abenteuer?

Ja, nebst den beiden Nobelpreisen, bei denen ich dabei war.

Davon müssen Sie uns erzählen. Sie waren ja in den 1980er-Jahren in der Kommunikationsabteilung von IBM Schweiz beschäftigt und in dieser Zeit gewannen gleich zwei Schweizer den Nobelpreis für Physik.

Ja, der Nobelpreis ging 1986 an Heinrich Rohrer und Gerd Binnig und im Jahr darauf an Karl Alexander Müller und Georg Bednorz. Eine erste Herausforderung war bereits die Formulierung der Medienmitteilungen. Eine ging mit den ganzen wissenschaftlichen Erklärungen an die Fachwelt. Aber es brauchte auch eine einfache, populäre Version fürs Volk. Aber in Erinnerung bleibt mir vor allem dieser Augenblick, als Heinrich Rohrer die Nachricht am Telefon erhalten hat.

Wie das? Der Nobelpreisträger erfährt die gute Nachricht im Büro am Telefon?

Ja, so war es tatsächlich. Wir wussten, dass er nominiert war und dass er den Preis wohl erhalten würde. Also waren wir alle bereit. Aber ganz sicher und offiziell war es eben erst, als der Telefonanruf kam. Wir lagen uns dann in den Armen und weinten beide vor Freude. Daraus entstand eine Freundschaft, die mir ein paar unvergessliche Momente bescherte.

Erzählen Sie uns davon?

Ich organisierte damals in Grenchen eine Talk-Show und wir kündigten Nobelpreisträger Heinrich Rohrer als Gast an. Doch so richtig wollte mir dies niemand glauben. Wie soll denn der kleine dicke Cahannes den Nobelpreisträger nach Grenchen bringen? Viele waren überzeugt, dass ich nur einen Wirbel veranstalte, um dann kurz vor dem Veranstaltungstermin bekanntzugeben, der Rohrer hätte wegen Unpässlichkeit abgesagt. Aber der Nobelpreisträger war pünktlich vor Ort. Mächtig Eindruck machte zudem, dass er mich duzte. Das hat meiner Eitelkeit schon geschmeichelt. Er erzählte dann ein paar wunderbare Anekdoten.

Zum Beispiel?

Er war im Militär Oberleutnant. Bis zur Verleihung des Nobelpreises habe man ihn «Oberleutnant Rohrer» gerufen und gewusst, dass er irgendetwas mit Physik zu tun habe. Keines der hohen Tiere habe sich für ihn interessiert. Nach der Verleihung habe er sich vor Einladungen kaum mehr retten können. Der Divisionär, der Oberst und weiss wer noch alles wollten mit ihm zum Essen gehen. Und von da an sei er nur noch mit «Herr Professor Rohrer» angesprochen worden.

Was war denn der Heinrich Rohrer für ein Mensch?

Er, und übrigens auch Karl Alexander Müller, der ein Jahr später den Nobelpreis gewann, waren völlig geerdete Typen. Sie hatten natürlich beide ihre Eigenheiten, aber sie waren freundlich und bescheiden. Heinrich Rohrer hat auch als Nobelpreisträger noch beim Firmenfussball mitgemacht.

So sind Sie später beim Anblick eines Solothurner Regierungsrates nicht mehr vor Ehrfurcht erstarrt, oder?

Das bin ich nie. Darum geht es auch gar nicht. Es geht im Umgang um Respekt und ein wenig auch um Humor und Schlagfertigkeit.

Es gibt da eine Episode mit Ihnen und Sepp Blatter, dem ehemaligen Fifa-Präsidenten …

.. ja, ja, ich weiss, was Sie meinen. Er wollte einmal bei einem Interview das Mikrofon selber in die Hand nehmen. Da habe ich ihn gefragt: Aber Herr Blatter, Sie sind doch Regimentskommandant? Als er bejahte, fragte ich ihn, ob er denn einem Soldaten das Gewehr ebenfalls wegnehmen würde. Wir mussten beide lachen.

Arbeiteten Sie während ihrer Zeit im Dienste der Solothurner Regierung weiterhin auch als politischer Journalist?

Nein, natürlich nicht mehr. Deshalb habe ich von da an nur noch Sport gemacht.

Nachgefragt:

«Ich bin ein wenig stolz, dass ich ein Länderspiel mehr habe als Andy Egli»

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