Kanton Solothurn
Sozialhilfe: 2019 war die Quote rückläufig - wegen Corona wird ein Anstieg erwartet

2019 gab es im Vergleich zu Vorjahren weniger Sozialhilfefälle im Kanton Solothurn. Auch jetzt herrscht auf den Amtsstellen nicht mehr Betrieb als üblich; künftig wird aber ein Anstieg der Fälle erwartet.

Noëlle Karpf
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Selbstständige ohne Arbeit, aber auch vermehrt junge Erwachsene melden sich beim Sozialamt.

Selbstständige ohne Arbeit, aber auch vermehrt junge Erwachsene melden sich beim Sozialamt.

Arthur Gamsa
Die Coronakrise bedeutet weltweit und für die Schweiz den grössten wirtschaftlichen Einschnitt seit dem 2. Weltkrieg.

Diesen Satz teilt Etienne Gasche, Präsident der Solothurner Sozialkonferenz, mit. Aufgrund der Krise haben Menschen ihren Job oder Teilpensen verloren, wochenlang in Kurzarbeitsregime gearbeitet, deutlich weniger bis gar keine Einnahmen gemacht. Das schlägt sich etwa in der Arbeitslosenquote nieder – im Dezember verzeichnete der Kanton 391 zusätzliche Arbeitslose. In der Sozialhilfe, wo Menschen landen, die auch nach Ausschöpfen von Kurzarbeitsgeld oder Arbeitslosenversicherung keinen Anschluss mehr finden – oder auch mit Job zu wenig zum Leben verdienen –, sind die Zahlen noch nicht angestiegen. Auch im Kanton wird genau dies aber erwartet. Was anhand der vor kurzem veröffentlichten Sozialhilfestatistik 2019 zudem ersichtlich ist: Vor dem Krisenjahr, also 2019, waren die Zahlen sogar rückläufig. So liegt die Sozialhilfequote 2019 im Kanton bei 3,4 Prozent – im Jahr davor waren es 3,6 Prozent. Die Quote ist nur eine der Kennzahlen aus der Statistik. Einordnen kann diese Anne Birk vom Amt für soziale Sicherheit (ASO).

Junge Erwachsene ohne Arbeit, Selbstständige ohne Lohn

Auch die Sozialhilfe rechnet mit dem Ausbruch einer Welle – einer Welle an Neuanmeldungen. Laut der Schweizer Sozialhilfekonferenz haben sich im März «überdurchschnittliche viele Menschen bei der Sozialhilfe» gemeldet, in Zürich seien es Ende März dreimal so viele gewesen wie noch im Vormonat. Einen solchen Anstieg verzeichnet man im Kanton Solothurn nicht. Eine Erklärung dafür, die auch Etienne Gasche, Präsident der Solothurner Sozialkonferenz, ausführt: Wer aufgrund der Krise Einbussen hat oder gar kein Einkommen mehr, wird zuerst von anderen «vorgelagerten Sozialwerken» unterstützt: etwa der Arbeitslosenversicherung oder Kurzarbeitsentschädigung. Aktuell würden sich schweizweit deshalb weniger Personen als im Durchschnitt der letzten Jahre bei der Sozialhilfe anmelden. «Diese Einschätzung teilen auch die Sozialdienste des Kantons Solothurn.» Was man bereits jetzt schon feststelle: Erst kürzlich abgelöstes Klientel der Sozialdienste habe die Arbeit 2020 zum Teil wieder verloren – und beziehe deshalb wieder Sozialhilfe. Aufgefallen seien auch Anmeldungen von Selbstständigerwerbenden, die nicht arbeiten dürften oder nur einen geringen Anspruch auf Entschädigung haben. Auch habe man vermehrt Anmeldungen von frisch ausgebildeten jungen Erwachsenen, welche nach der Ausbildung keine Arbeit finden.


Sinkende Sozialhilfequote

«Die Sozialhilfequote im Kanton Solothurn ist in den letzten Jahren stetig gesunken», sagt Birk. So habe auch der Rückgang 2019 nicht überrascht. Gesunken sei die Quote vor allem, weil die Situation auf dem Arbeitsmarkt 2019 besser geworden sei. So ist etwa die Anzahl Stellensuchender gesunken: 5718 waren es 2019; 2015 noch 6874.

Zur Hälfte Alleinlebende

Alleinlebende machen laut Statistik 43 Prozent aller Dossiers im Kanton aus. Und Dossiers von Einelternfamilien – Alleinerziehende – kommen in der Statistik mehr als doppelt so häufig vor wie Dossiers von Paaren mit Kindern. Alleinerziehende haben oft nicht die Möglichkeit, Vollzeit zu arbeiten. «Wenn dann auch die Unterhaltszahlungen des getrennt lebenden Elternteils ausbleiben, ist oftmals nur noch der Bezug von Sozialhilfe als letztes Auffangnetz möglich.» Der Kanton will Alleinerziehende in die Selbstständigkeit begleiten; derzeit ist beispielsweise eine Teilzeitlehre für Alleinerziehende beim ASO ausgeschrieben.

Minderjährige Betroffene

Die höchste Sozialhilfequote ist in der Statistik bei der Altersgruppe der 0- bis 17-Jährigen zu finden – sie beträgt 5,9 Prozent. Oder: 2726 der Sozialhilfebeziehende sind zwischen 0- und 17-jährig – so viele Sozialhilfebeziehende gibt es in keiner anderen Altersgruppe. In diese Zahlen spielen zum einen Dossiers von Eltern –alleinerziehend oder nicht – hinein, die Sozialhilfe beziehen. «Andererseits werden im Kanton Solothurn die Kosten für fremdplatzierte Minderjährige von der Sozialhilfe bezahlt, wenn keine oder ungenügend andere Leistungsträger vorhanden sind.» In anderen Kantonen werde das anders geregelt, so Birk.

Anstieg bei Flüchtlingen

Personen ausländischer Herkunft haben ein höheres Risiko, arbeitslos und in der Folge sozialhilfeabhängig zu werden, heisst es in einem Bericht der Städteinitiative Sozialpolitik. Die Nationalität an sich hat nicht viel damit zu tun– eine Rolle spielt hier eher, dass etwa Abschlüsse, die im Ausland erworben sind, nicht anerkennt werden, oder Sprachkenntnisse fehlen. «Besonders hoch ist das Sozialhilferisiko von Flüchtlingen», heisst es weiter. Die Schweizer Sozialhilfekonferenz rechnet bis 2022 zudem mit 17 000 zusätzlichen Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen in den Kantonen und Gemeinden. Denn: Flüchtlinge, die in den Vorjahren in die Schweiz gekommen sind, wechseln nach und nach in die Zuständigkeit vor Ort; also in die Sozialdiensten im Kanton. Während der Kanton 2017 noch 281 Flüchtlinge mit Asyl in der Statistik verzeichnete, waren es 2019 in der selben Kategorie 447.

Auch mit Ausbildung

Gut 38 Prozent der Sozialhilfebeziehenden ist nicht erwerbstätig, in Ausbildung oder arbeitsunfähig. Ein guter Drittel ist erwerbslos; auf Stellensuche oder in einem Integrationsprogramm. Knapp 28 Prozent arbeiten – sogenannte Working Poor, sie arbeiten zwar, haben aber kein ausreichendes Einkommen, erklärt Birk. «Auch eine abgeschlossene Ausbildung kann ein Sozialhilfebezug nicht immer verhindern» – fast die Hälfte der Sozialhilfebeziehenden hatte 2019 einen Abschluss auf Sekstufe 2 - etwa eine Berufslehre.