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Solothurnerin geht für ein Jahr nach Kenia: «Ich will den Menschen auf Augenhöhe begegnen»

Elisabeth Schubiger vor dem Abflug nach Kenia.

Elisabeth Schubiger vor dem Abflug nach Kenia.

Damenschneiderin und Sozialanthropologin Elisabeth Schubiger aus Solothurner reist für ein Jahr nach Kenia, um sich für die Rechte von Frauen einzusetzen.

Vor wenigen Tagen sass Elisabeth Schubiger noch in einen Wollschal eingewickelt im Café Barock in Solothurn auf einem Barhocker und wärmte ihre Finger an einer Tasse Tee. Am Montag ist sie im 6000 Kilometer entfernten und 25 Grad warmen Nairobi gelandet, um sich in ein winziges Dorf im Westen Kenias zu begeben. Als Fachperson der Organisation Comundo wird sie sich dort mit der nachhaltigen Finanzierung eines Ausbildungszentrums für Frauen und Mädchen auseinandersetzen.

Die 32-jährige Solothurnerin wirkt beim Kaffeetermin gelöst. «Ich bin gespannt, was auf mich zukommt», beschreibt sie ihre Gefühlslage. «Schliesslich habe ich keine Ahnung, was mich erwartet.» Durch die Organisation Comundo sei sie zwar bestens auf ihre Aufgabengebiete vorbereitet; schliesslich müsse man trotzdem selber hingehen und den Ort und die Menschen kennen lernen. «Dabei ist Offenheit und die Bereitschaft, sich auf das Land einzulassen, sehr wichtig.» In erster Linie möchte sie versuchen, zu verstehen: Die Menschen, die Kultur, und was es in Kenia überhaupt bedeutet, eine Frau zu sein.

«Den Menschen dort auf Augenhöhe begegnen», um es in den Worten von Schubiger zu sagen. Die meisten traditionellen Werte haben laut Schubiger einen Sinn. «Ich kann nicht mit meinen Werten kommen und meinen, dass sie die einzig richtigen sind», fügt sie an. Besonders für das Ziel, eine unabhängige Finanzierung für das Ausbildungszentrum zu finden, sei es unverzichtbar, die Kontexte zu verstehen. Sie fühlt sich für dieses Aufgabengebiet gut ausgebildet. Schliesslich hat sie sich bereits mit 22 Jahren dazu entschieden, während zweier Jahre in Haiti Damenschneiderinnen zu unterrichten. Als sie zurückkehrte, wollte sie mehr über Entwicklungszusammenarbeit wissen und studierte fünfeinhalb Jahre lang Sozialanthropologie.

Sie habe sich sozusagen sechs Jahre auf diese Reise vorbereitet, sagt sie lachend. «Jedenfalls, was interkultureller Austausch und Entwicklungsarbeit angeht.» In der Kommunikation muss sie sich auf ihre Englischkenntnisse verlassen. Sie habe zwar Swahili gelernt, sei der Sprache aber nicht wirklich mächtig. Das Problem sei zudem, dass in ganz Kenia knapp 50 Sprachen gesprochen werden und sie nicht genau wisse, auf welchen Dialekt sie in dem winzigen Dorf treffen werde.

Kein Helfersyndrom

Wenn Schubiger von ihrer bevorstehenden Reise erzählt, beginnen ihre Augen zu leuchten. Auf die Frage, ob Entwicklungshilfe zu einer Art Lebensaufgabe für sie geworden ist, zögert sie. Sie versuche, sich vom Begriff «helfen» etwas abzugrenzen. Die geleistete Arbeit werde aus ihrer Sicht durch das sogenannte Helfersyndrom abgewertet. Sie gehe nicht nach Kenia, um «ein bisschen zu helfen». «Ich habe dort Aufgaben und Ziele, welche ich verfolgen und innerhalb dieses Jahres erreichen möchte», sagt sie, ohne dabei den Eindruck zu erwecken, sie wolle sich rechtfertigen.

Überhaupt reagiert sie auf Fragen offen und reflektiert. Während des Studiums habe sie sich mit der Kolonialisierung, mit Ausbeutung und mit Wirtschaftsverflechtungen auseinandergesetzt. Und damit, was eigentlich so «abgehe» auf der Welt. «Da wurde mir erst richtig bewusst, dass wir alle Teil von dem Ganzen sind», sagt Schubiger nachdenklich. Hier in der Schweiz einen tollen Job zu haben und damit zufrieden zu sein, damit wäre sie nicht glücklich. Nicht seit sie weiss, was an anderen Orten passiert. «Ich würde es nicht Lebensaufgabe nennen. Aber es ist mein Antrieb.»

Elisabeth Schubiger setzt sich für die Rechte von Frauen und Mädchen in Kenia ein. Auf die Frage, wie es um die Rechte von Frauen in der Schweiz steht, atmet sie tief ein und zögert. Statt auf die Frage zu antworten, sagt sie, dass sie sich schon als Feministin bezeichnen würde. «Ich bin aber der Meinung, dass man immer auch die Männer mit ins Boot holen muss.» Feminismus funktioniere nur, wenn sich auch Männer damit identifizieren können.

Ängste und Erwartungen

Und wie sieht es mit Ängsten aus? Die habe sie nicht. «Weil ich weiss, dass es immer einen Ausweg gibt», erklärt sie unerschrocken. Auch vor Terror oder davor, entführt zu werden, fürchtet sie sich nicht. Dass sich die politische Lage in Kenia in letzter Zeit zugespitzt hat, sei ihr natürlich auch nicht entgangen. Wenn hochpolitische Konflikte auf der ethnischen Ebene ausgetragen werden, könne das immer brenzlig werden.

Aber es herrsche kein Bürgerkrieg und sie habe das Privileg, dass sie immer ausreisen könne. Vor den öffentlichen Verkehrsmitteln fürchtet sie sich dafür umso mehr – die «Matatus» (Minibusse von privaten Unternehmen) seien oft überfüllt und Unfälle würden oft gravierend enden.

Und dann sind da noch die Krankheiten, vor welchen man sich nicht durch Impfungen schützen kann: Malaria und Dengue-Fieber. Davor habe sie zwar nicht wirklich Angst. «Es würde aber vieles anstrengender machen», sagt sie nüchtern. Vorerst hofft sie einfach, dass dann tatsächlich jemand am Flughafen auf sie wartet. «Das chunnt scho guet.»

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