«Menschen helfen Menschen»
Solothurner Verein bewahrt Familie vor dem Gang zum Sozialamt

Mehrere Monate hat der Verein Solothurner Menschen helfen Menschen gesammelt, um Menschen in Not zu unterstützen. Jetzt kann er eine Familie in Lengnau aus der Krise helfen - mit einer Auszahlung von 10 000 Franken.

Noëlle Karpf
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Geschrei ertönt aus dem Kinderzimmer in Lengnau; im Haus der Familie Kunz. Im Zimmer steht Mutter Sarah, 32, mit Sohn Jaden, knapp 2 Jahre alt. Auch die Spitexfrau ist dabei – Jaden kriegt eine neue Sonde, die braucht er zum Atmen. Laut Angaben der Familie hat der kleine Junge die letzten 18 Monate grösstenteils mit der Mutter in einem Spital verbracht. Aufgrund eines Fehlers in der Leber erlitt er mit 2 Monaten eine Hirnblutung. Er wurde operiert, einige Wochen später erhielt er zudem eine neue Leber. Im Herbst 2019 der nächste «Schock», wie es Mutter Kunz beschreibt: Im Bauch des Jungen wurde ein Tumor festgestellt, welcher nur durch Chemotherapie entfernt werden konnte. Das bedeutete viele weitere Spitalbesuche und -aufenthalte für die junge Familie, zu der auch Vater Marco Kunz, 31, und die vierjährige Jane gehören.

«Da er mehrheitlich im Spital ist, ist Jaden mit seiner Entwicklung noch nicht so weit wie ein 20 Monate altes Kleinkind. Er benötigt Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie», erklärt die Mutter. Zu all den Sorgen um die Gesundheit des Kindes kommt plötzlich also auch ein finanzieller Druck. IV und Krankenkasse zahlen zwar für die allermeisten Medikamente und Spitalaufenthalte. Aber: Jaden musste mehrheitlich in Genf behandelt werden. Das heisst, die Reisen sowie die teils mehrwöchigen Aufenthalte stemmt die Familie grösstenteils selbst. Vater Marco Kunz arbeitet als Montage-Elektriker, Mutter Sarah ist gelernte Detailhandelfachfrau. Ende Februar verlor sie ihren Job.

Familie kann unterstützen – aber nicht mit Finanzen

An diesem Tag ist die ganze Familie zu Hause, nebst Spitex haben sie noch weiteren Besuch: zwei Männer und eine Frau in orangen Jacken. Sie gehören zum Solothurner Verein Menschen helfen Menschen. Ein Verein, der es sich zum Ziel gesetzt hat, Menschen, die einen Schicksalsschlag erlitten haben, zu unterstützen. So wie die Familie Kunz. Sie ist die erste Familie, die seit der Vereinsgründung im Herbst 2019 nun Unterstützung erhält. Und zwar in Form von 10 000 Franken. «Mein Schwager hat mich über die Fondation Menschen helfen Menschen aufgeklärt», erzählt Sarah Kunz. Das sei im Oktober oder November 2019 gewesen. Danach habe sie das Ganze schon wieder vergessen – bis sie im April die Info erhielt, dass ihre Familie vom Verein auserkoren worden war für die erste Auszahlung.

«Unterstützt werden wir in schwierigen Zeiten von meinen Eltern oder meiner Schwester», erzählt die zweifache Mutter. «Aber an Geld zu kommen, ist nicht einfach», sehr froh ist man deshalb über die Auszahlung. «Sonst wären wir als Nächstes wohl zum Sozialamt.» Nun hat die Familie aber etwas mehr Luft. Ihre Pläne: sich ein paar Tage Zeit nehmen zusammen mit Tochter Jane und in der Schweiz Ferien machen, während Sohn Jaden betreut wird. Später wollen Sarah und Marco Kunz auch einmal Urlaub mit beiden Kindern, also auch mit Jaden, welcher laut der Mutter noch nichts von der Welt ausser dem Spital und den eigenen vier Wänden gesehen hat, machen. Und wobei das Geld auch hilft: Damit könne man noch nicht beglichene Rechnungen zahlen.

Verein will monatlich Menschen unterstützen

Löcher stopfen soll der Beitrag von Menschen helfen Menschen, das sagt Karin Kopp, Präsidentin des Vereins. Sie und ihr Mann, André Kopp, haben den Verein zusammen mit drei weiteren Personen gegründet. Im Wunsch etwas zurückzugeben. Denn das Ehepaar aus Leuzigen, er Polizist, sie Buchhalterin, hat selber einen Sohn mit Beeinträchtigung, dem Asperger-Syndrom, und weiss, wie das Leben manchmal spielen kann.

Das Ziel des Vereins ist es, genügend Mitglieder, die alle einen jährlichen Beitrag zahlen, gewinnen, um so künftig alle paar Monate einem Mitglied in Not 10 000 Franken auszahlen zu können. Um zum Selbstläufer zu werden, bräuchte man 1400 Mitglieder – angelangt sei man am Ziel noch nicht, so die Präsidentin. Auch will der Verein noch gemeinnützig werden; damit Spenden von den Steuern abgezogen werden können. Corona hat die Pläne des noch jungen Vereins etwas verlangsamt.

Aber: «Es ist eine enorme Freude, die Familie Kunz schon unterstützen zu können», so Kopp. Auch erlebe man schöne Gesten, wie etwa, als jemand eine Spende verwies mit der Bemerkung, man habe im Rahmen des Geburtstagsfests für den Verein gesammelt, weil man das eine gute Sache finde. Von Seiten Verein hofft man nun, in den nächsten Monaten noch einige andere Spender oder künftige Mitglieder zu finden – damit nach der Familie Kunz aus Lengnau bald auch anderen Menschen geholfen werden kann.