Smartwatches
Solothurner Uhrenindustrie ist herausgefordert

Auf die Ankündigungen von Apple und Swatch, demnächst mit Smartwatches auf den Markt zu drängen, reagieren Solothurner Uhrenfirmen betont gelassen. Dagegen warnt Elmar Mock, Miterfinder der Plastikuhr Swatch, vor einer ernsthaften Bedrohung.

Franz Schaible
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Im Solothurnischen sind viele Uhrenfirmen (im Bild Titoni AG in Grenchen) mit langer Tradition und bekannten Marken tätig – sie gehen vorerst nicht von einer Bedrohung durch die «schlauen Uhren» aus.

Im Solothurnischen sind viele Uhrenfirmen (im Bild Titoni AG in Grenchen) mit langer Tradition und bekannten Marken tätig – sie gehen vorerst nicht von einer Bedrohung durch die «schlauen Uhren» aus.

Hanspeter Baertschi

Wird die Schweizer Uhrenindustrie jetzt umgekrempelt? Diese Woche haben Apple und Swatch ihre Vorstellungen über die Smartwatches effektvoll präsentiert. Wer letztlich die besseren Karten im Spiel um das neue Marktsegment haben wird, ist offen. Allein die Grösse und die Macht der Technologiegiganten Apple oder Samsung und diejenige des Uhrenriesen Swatch versprechen aber ein neues Zeitalter für die Zeitmesserindustrie.

Die Branche ist gefordert – dazu gehören auch die im Solothurnischen angesiedelten kleineren und mittleren Uhrenhersteller. Elmar Mock, Miterfinder der in den 80er-Jahren lancierten Plastikuhr Swatch, jedenfalls ahnt Böses: Die Branche generell unterschätze die Bedrohung. «Alle guten Uhren, die irgendwo zwischen 500 und 1000 Franken kosten, sind wirklich in Gefahr», sagte er gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg.

Eine Umfrage unter traditionsreichen Uhrenfirmen zeitigt dagegen ein etwas anderes Bild. Sie begegnen der neuen Herausforderung zwar mit Respekt, aber nicht mit Panik.

Titoni AG Grenchen: Gelassen reagiert Daniel Schluep, Mitinhaber und Chef der Titoni AG in Grenchen. Es sei «ein interessantes Projekt». Mit den Smartphones werde wohl insbesondere ein jüngeres Publikum angesprochen. Inwieweit der Markt für Titoni, die sich seit der Gründung 1919 als Nischenanbieter auf mechanische Uhren konzentriert, von den schlauen Uhren betroffen sein werde, werde sich zeigen. Schluep: «Bei uns liegt der Anteil der Quarzuhren bei rund 12 Prozent.»

Bei Titoni sei ein Einstieg in den Bereich Smartwatches aber kein Thema. «Die Elektronik ist nicht unsere Stärke. Und nur pro forma eigene Smartwatches zu entwickeln, ist nicht unser Ding.» Er glaubt nicht, den Anschluss zu verpassen, der Einstieg von Apple und Swatch in diesen Markt sei eine von mehreren Herausforderungen. Jährlich würden weltweit rund 1,4 Milliarden Zeitmesser produziert, in der Schweiz seien es rund 30 Millionen.

Ein Teil der Käufer gehe sicher an den Bereich Smartwatches «verloren», aber das sei nicht dramatisch. Und die pauschale Einschätzung von Elmar Mock kann er nicht teilen. Wer mit einem Produkt am Markt tätig sei, unterliege laufend neuen Bedrohungen und könne nie davon ausgehen, dass die Zukunft für alle Zeit gesichert sei. «Ich denke nicht, dass die Lancierung von Smartwatches zu einer wesentlich geänderten Bedrohungssituation für unser Unternehmen führt.»

Fortis AG, Grenchen: Auch Maximilian Spitzy, Chef der Grenchner Uhrenfirma Fortis, gibt sich ruhig. Den Einfluss auf den Markt für Fortis-Uhren stuft er als klein ein. «Ich glaube nicht, dass ein Träger eines mechanischen Fortis-Chronographen auf eine Quarzuhr mit einem Minibildschirm wechseln wird.»

Mit Smartwatches werde ein anderes Kundensegment angesprochen. Andererseits gesteht er den Smartwatches durchaus ein grösseres Marktpotenzial zu. Insbesondere dann, wenn mit den Uhren ein Bequemlichkeitsfaktor verbunden sei. Spitzy meint etwa Zahlungsfunktionen, wie sie Swatch-Chef Nick Hayek angekündigt hat.

Die Fortis AG, die mechanische Uhren grossteils mit einem Verkaufspreis von 1000 bis 6000 Franken baut, habe die Entwicklung einer eigenen Smartwatch geprüft, sei dann aber zum Schluss gekommen, dass dies kein Thema sei. Fortis bleibe ein auf mechanische Zeitmesser konzentrierter kleiner Uhrenhersteller.

Eterna AG, Grenchen: Die Apple Smartwatch werde zwar sicherlich ein Verkaufshit, beschränke sich wohl aber eher auf Apple-Fans, erklärt Bruno Jufer, Vizepräsident Verkauf und Marketing der Eterna AG in Grenchen. Es sei ein anderes Kundensegment, welches sich eher zusätzlich noch eine Uhr mit Zusatzfunktionen kaufen werde. Zudem ortet er Mängel bei der Apple-Uhr. Sie sei nicht wasserdicht, biete kaum einen Tag Batterieleistung und sei ohne iPhone nicht einsetzbar.

«Ich sehe diese Uhr nicht als Alternative zu einem echten mechanischen Zeitmesser, wie Eterna diese herstellt», so Jufer. Es fehle die Seele und die Uhr werde zum elektronischen Einheitsbrei. Deshalb glaubt Jufer nicht, dass die Grenchner oder die schweizerische Uhrenindustrie unter Druck kommen werde. Bei der Eterna AG – sie fertigt Uhren im Preisbereich zwischen 800 und 8000 Franken – sei nichts in Richtung Smartwatches geplant; daran werde sich – basierend auf dem heutigen Wissensstand – auch nichts ändern.

Mondaine Watch, Biberist: Reagiert hat die Firma Mondaine, die etwa bekannt ist für ihre «Bahnhofsuhr am Handgelenk». Sie gab kürzlich die Lancierung einer eigenen intelligenten Uhr bekannt (wir berichteten). Der grosse Unterschied zu Apple oder Swatch liegt im Erscheinungsbild. «Wir bauen eine normal aussehende Uhr mit Zusatzfunktionen», so Co-Chef André Bernheim. Die Uhr hat bei 6 Uhr eine Anzeige, auf der die Zusatzfunktionen einer Smartwatch analog vom Innenzifferblatt abgelesen werden können.

An die ganz grosse Konkurrenz durch die Giganten Apple und Swatch glaubt auch er nicht. «Wir sprechen ein komplett anderes Kundensegment an.» Man peile jene Kundschaft an, welche eine ganz normale Armbanduhr tragen, aber nicht auf Zusatzfunktionen verzichten wolle.

Ausblick 2015: Auch innovativ, aber anders

Auch ohne eigene Smartwatch gibt sich Eterna im Bereich Manufaktur innovativ. «Nach mehrjähriger Entwicklungs- und Forschungsarbeit lancieren wir, basierend auf dem bestehenden Kaliber 39, dieses Jahr unser erstes eigenes Chronografen-Uhrwerk», sagt Vizepräsident Bruno Jufer. Damit wolle man die Abhängigkeit von den Uhrwerklieferungen durch Swatch senken. Das Uhrwerk sei kompatibel und könne auch anderen Produzenten angeboten werden. Es gebe bereits Interessenten. Eterna werde in der Lage sein, jährlich bis zu 50 000 eigene Kaliber zu bauen.

Im Hinblick auf die kommende Woche stattfindende weltweit grösste Uhrenmesse, die Baselworld, zeigt sich Jufer optimistisch. «Wir haben uns im vergangenen Jahr neu aufgestellt und können mit neuen Produktkollektionen aufwarten.» Jufer rechnet für 2015 mit einem zweistelligen Umsatzwachstum. Nach der Umstrukturierung sei es gelungen, den Umsatz 2014 gegenüber dem Vorjahr zu verdoppeln. 2011 löste die chinesische Haidian Holdings Porsche als Besitzerin der Eterna ab. Der Lizenzvertrag zwischen der Porsche Design Group und Eterna wurde drei Jahre später, 2014, aufgelöst.
Fortis mit ehrgeizigen Zielen
Fortis wiederum hat eine komplett neue Kollektion, angelehnt an das Design der Fortis-Uhren der 30er- und 40er-Jahre, entwickelt und gebaut, erläutert Geschäftsführer Maximilian Spitzy. Die Resonanz im Markt sei sehr positiv und die erste Serie sei bereits – vor dem Start der Uhrenmesse – ausverkauft. 2014 bezeichnet er, der die 1912 gegründete Fortis seit September 2013 führt, als Umstrukturierungsjahr. Die Palette von knapp 130 Uhrenmodellen sei viel zu gross gewesen, und diese habe man inzwischen halbiert. Trotzdem sei es besser als erwartet gelaufen. Der Umsatz sei um 30 Prozent gestiegen. Für 2015 hat sich Fortis ehrgeizige Ziele gesteckt. Der Umsatz soll die Marke von 10 Mio. Franken übertreffen, und über 10 000 Uhren sollen gefertigt werden.

Auch Titoni-Chef Daniel Schluep ist mit 2014 zufrieden. Dies, obwohl der Umsatz mit über 60 Mio. Franken und der Absatz mit gegen 170 000 Uhren leicht unter dem Vorjahr liege. Die Versorgung mit Uhrwerken – Titoni bezieht diese bei der Swatch-Tochter Eta und bei der unabhängigen Sellita – sei derzeit sichergestellt.

Vom starken Franken sei man wenig betroffen. 90 Prozent der Uhren würden nach Asien, also in den Dollarraum, exportiert. Und gegenüber dem Dollar habe sich der Franken wieder deutlich abgeschwächt. Für Lieferungen in den Euroraum peile Titoni eine moderate Preiserhöhung an, um die Währungsverluste einzuschränken. Zurzeit seien für die rund 70 Mitarbeitenden in Grenchen weder längere Arbeitszeiten noch Lohnkürzungen ein Thema.

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