Der Banker Thomas Sommerhalder (55) prognostizierte im vergangenen Jahr, dass sich der Schweizer Franken abschwächt und die Konjunktur aufhellt. Er bekam recht. Für das laufende Jahr rechnet der UBS-Regionaldirektor, der für die Kantone Aargau und Solothurn verantwortlich ist, mit einer weiteren Abschwächung des Frankens. Thomas Sommerhalder sieht in der Digitalisierung die grosse Chance für die Schweizer Industrie.

Herr Sommerhalder, vergangenes Jahr haben Sie im Interview mit dieser Zeitung vorausgesagt, dass der Euro mehr als 1.10 Franken kosten wird. Das war schon ziemlich mutig, oder?

Thomas Sommerhalder: Ja, es war mutig, das gebe ich zu. Es ist auch immer Glück dabei. Ich habe aber geahnt, dass es so kommen müsste , wenn die geopolitische Situation einigermassen hält. Im vergangenen April bekam ich dann recht.

Lassen wir die Katze also aus dem Sack: Was haben Sie in diesem Jahr für eine Prognose?

Ich habe meinen Kunden im April 2017 schon gesagt, dass der Kurs Ende Jahr bei 1.16 liegen wird. Heute wage ich die Prognose, dass sich der Kurs bis auf 1.20 erholen wird in diesem Jahr. Aber darüber geht er nicht. Immer vorausgesetzt, dass nicht grössere Ereignisse eintreten, wie zum Beispiel ein Nordkoreakrieg.

Wieso sind Sie so optimistisch?

Die Weltwirtschaft erholt sich. Die USA laufen auf voller Leistung und in Europa hat sich die Stimmung aufgehellt. Das hat auch Folgen für die Schweiz, insbesondere für die Exportwirtschaft.

In den USA steigen die Zinsen seit zwei Jahren. Wäre es an der Zeit, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) auch die Zinsen anheben könnte?

Grundsätzlich schaut die SNB eher auf die Situation in Europa. Hier sieht es noch nicht so aus, dass sich die Europäische Zentralbank EZB von der Tiefzinspolitik abwendet. Ich gehe aber davon aus, dass die SNB die Zinsen in der Schweiz tatsächlich schon Ende 2018 anheben könnte, also noch vor der EZB. Schon jetzt sehen wir, dass die SNB nicht mehr stark am Devisenmarkt interveniert und die Euro und Dollarkäufe massiv zurückgefahren hat.

Die SNB sieht den Franken aber immer noch als stark überbewertet an.

Das stimmt sicher. Doch es ist sicher nicht mehr so stark, wie auch schon. Die Euro-Franken-Parität liegt nicht mehr bei einem Euro-Frankenkurs von 1.60, sondern eher bei einem von 1.25.

An der Währungsfront hat sich vieles entspannt, der Wirtschaft geht es wieder besser. Sehen das Ihre Firmenkunden auch so?

Sie wissen, ich spreche hier nicht von den Grosskonzernen, wie der ABB. Was meine Kunden betrifft, die KMUs in unserer Region, sehe ich deutlich, dass die Zuversicht wieder da ist. Die Kostenstrukturen wurden heruntergefahren und auf einem Kurs von 1.10 angepasst. Alles was darüber ist, ist ein Extra-Gewinn. Doch die positiven Effekte einer Kurserholung verzögern sich. Ich bin nicht davon überzeugt, dass wir schon in den Abschlüssen 2017 höhere Gewinne sehen werden. Aber 2018 sollte deutlich besser ausfallen.

Die Kostenstrukturen herunterfahren, das war ein schmerzhafter Prozess. Besonders in den beiden Kantonen Aargau und Solothurn haben viele Firmen tausende Stellen abgebaut. Ist dieser Abbau jetzt zu Ende?

Besonders die metallverarbeitende Industrie, die vielen Zulieferbetriebe der Grossen, haben eine schwere Zeit hinter sich. Ich glaube aber, diese Phase der Anpassung ist durch. Die Industrie im Aargau hat ihre Hausaufgaben gemacht. Dass es nicht vereinzelt zu weiterem Stellenabbau kommt, kann ich nicht ausschliessen.

Wie sieht es aus im Kanton Solothurn?

Im Vergleich zum Aargau steht Solothurn weniger gut da. Das liegt daran, dass der Branchenmix mit vielen kleineren Unternehmen ungünstiger ist. Wer nicht einen einzigartigen Prozess oder ein eigenes Produkt im Angebot hat, wird auch weiterhin enorm Mühe haben, sich gegen die ausländische Konkurrenz durchzusetzen.

Tausende Stellen im Industriesektor wurden abgebaut, viele sind ins Ausland verlegt worden. Viele sprechen schon von einer Deindustrialisierung.

Ich sehe das nicht so pessimistisch. Im Zusammenhang mit der Digitalisierung der Industrie entstehen enorme Chancen für die Schweiz. Wir haben das Know-how und wir haben günstiges Kapital. Das sind beste Voraussetzungen, nicht nur um
Industriearbeitsplätze zu halten, sondern sogar um neue Arbeitsplätze entstehen zu lassen. Wenn wir es schaffen, auch noch Jungunternehmen in unserer Region zu halten, die ihre Ausbildung zum Beispiel in den Fachhochschulen genossen haben, wäre das auch ein positives Zeichen.

Die Digitalisierung wird von vielen als Chance gesehen. Doch sind die Unternehmen wirklich schon fit genug?

Ich würde behaupten, dass viele Unternehmen in der produzierenden Industrie heute fitter sind als wir Banken. Sie mussten in der Vergangenheit schon ihre Prozesse durchleuchten und haben sie heute digital aufgearbeitet.

Bleiben wir bei der Digitalisierung: Als Bankkunde fragt man sich, wie stark drängt mich die Bank, die Geschäfte nur noch online zu machen.

Wir zwingen die Digitalisierung niemandem auf. Der Kunde entscheidet immer noch selber, wie er seine Bankgeschäfte macht. Der Weg, den die UBS beschreitet, ist klar: Wir möchten die besten Angebote auch in diesem Bereich zu Verfügung stellen. Dazu gehört das E-Banking, das Mobile Banking mit dem Smartphone oder auch der elektronische Dokumentensafe. Sicherheit hat dabei oberste Priorität, das hat ja der Test vom Kassensturz vor einigen Jahren gezeigt, bei dem wir als einzige Bank nicht gehackt werden konnten.

Das heisst, die Digitalisierung geht weiter?

Ja. Künftig werden auch Firmenkunden digital ein Konto eröffnen können. Das kommt voraussichtlich in diesem Jahr. In einem ersten Schritt können sich Privat- und Firmenkunden jetzt schon von Zuhause aus per Video identifizieren, erstere können bereits Konti digital eröffnen.

Viele Kunden bemängeln den Abbau von Bankfilialen. Wie sieht es bei der UBS aus?

Wir haben im Vergleich mit anderen Regionen der Schweiz ein eher dünnes Filialnetz in unserer Region. Nach der Schliessung der Filiale in Bad Zurzach im 2016 ist vorerst nichts zu befürchten.

Für was braucht es Banker, wenn vieles nur noch elektronisch geschieht?

Es gibt im Leben emotionale Momente, wo man einen Banker gerne physisch vor sich hat. Das fängt an bei der Hochzeit, geht über die erste Hypothek bis hin zum ersten Kind. Dieses erste Mal ist immer emotional. Da ist man froh, wenn man sich austauschen kann. Das gleiche gilt auch bei der ersten Firmengründung oder wenn ein junger Erwachsener zum ersten Mal ein «richtiges» Sparkonto eröffnet.

Der Bankenplatz Aargau/Solothurn ist hart umkämpft. Neben den Platzhirschen sind dieses Jahr besonders im Firmenkundengeschäft neue ausländische Banken hinzugekommen. Haben Sie dies gemerkt?

Die ausländische Konkurrenz weniger, die inländische punktuell schon. Stärker präsent war im vergangenem Jahr etwa die Raiffeisen, aber auch die Credit Suisse. Dann gibt es sicher auch die eine oder andere Kantonalbank aus den benachbarten Kantonen, die man stärker spürt.

Konkurrenz belebt das Geschäft, oder?

Auf jeden Fall. Hier kann ich von uns behaupten, dass wir im Geschäft mit Firmenkunden früh präsent waren. Von den Firmen, die über 50 Mitarbeiter haben, ist jede zweite bei uns Kundin. Vorzeigefälle, wie zum Beispiel die Unterstützung bei der Nachfolge im Fall Polytronic in Muri, haben uns sicher geholfen, einen gewissen Bekanntheitsgrad zu gewinnen.

Gibt es nach wie vor zu viele Banken in der Region?

Ja, wir sind nach wie vor «overbanked». Solange der Konkurrenzkampf fair bleibt und einzelne Akteure nicht zu viele Risiken eingehen, kann ich gut damit leben.

Ein Thema, das im Aargau und im Kanton Solothurn derzeit viele beschäftigt, ist die hohe Leerstandsquote bei den Wohnungen. Ist die Dichte von lokalen Banken daran mit schuld?

Nein, ich glaube nicht. Viele Banken haben sich wie wir aus dem Geschäft mit den Renditeliegenschaften zurückgehalten. Hier haben vor allem Pensionskassen und Immobiliengesellschaften investiert. Das sehe ich übrigens auch nicht als Problem an. Bei privaten Investoren wäre ich viel skeptischer: Wenn die Zinsen einmal steigen, könnte es viele «verblasen».

Wer trägt den Schwarzen Peter bei dieser Entwicklung?

Am Schluss trifft es denjenigen, der neben einem Neubau seinen Block stehen hat, der nicht mehr so neu ist, keinen Lift und Tiefgarage und nicht mehr die idealen Zimmergrössen hat. Dann gibt es für den Besitzer der älteren Liegenschaft nur einen Ausweg: Runter mit den Mieten. Die Folge dieser Entwicklungen werden dann die Gemeinden zu spüren bekommen.

Die Zinswende könnte in der Schweiz eher früher als später kommen. Welche Folgen wird das für den Immobilienmarkt haben?

Für Einfamilienhausbesitzer sehe ich keine Probleme. Das haben wir auch in der Vergangenheit gesehen. Schwieriger ist es, wenn es sich um Eigentumswohnungen handelt, die erst noch gekauft wurden, um weiter zu vermieten. Doch solche Geschäfte finanzieren wir nur sehr selten.

Sollten die Tragbarkeitsregeln nicht gelockert werden, wie es einzelne Banken schon gefordert haben?

Nein, das macht keinen Sinn. Wir sprechen lieber direkt mit den betroffenen Kunden, die «eng» sind und suchen gemeinsam nach Lösungen. Eine generelle Lockerung der Regeln, dass man mit einem Hypozins von 5 Prozent rechnen muss um die Tragbarkeit zu bestimmen, würde nur kurzfristig eine Entlastung bringen. Längerfristig würde es den Immobilienmarkt beeinflussen, sprich die Immobilien würden einfach teurer.