In gut zwei Wochen würde Willi Ritschard Geburtstag feiern. 100-jährig würde der Büezer, Gewerkschafter und Bundesrat werden, wäre er nicht vor 35 Jahren auf dem Grenchenberg einem Herzinfarkt erlegen. Grund für die Solothurner Genossen, ihrem Übervater ein Denkmal zu bauen. Anlässlich des Balmberg-Festes enthüllten Solothurner Sozialdemokraten und Gewerkschafter beim Kurhaus einen Gedenkstein.

Der Derendinger Künstler Alois Herger gestaltete das Werk in Form eines Rednerpults. Wer davor steht, seine Hände auf den Stein legt und ins Tal hinunterblickt, soll zum Nachdenken angeregt werden. «Damit verpflichten wir uns, mitzudenken», erklärt Franziska Roth, SP-Parteipräsidentin. Und zum Mitreden. Denn gerade was das Reden anginge, könne man viel vom populären Bundesrat lernen. «Willi Ritschard sprach mit Anstand, Respekt und Humor. Er trug sein Herz auf der Zunge. Nur der Redner, der verstanden wird, ist glaubwürdig. Vielleicht haben wir das Reden etwas vernachlässigt», gibt sich Roth selbstkritisch.

«Willi Ritschard: Freund, Büezer, Genosse, Gewerkschafter, Bundesrat, 1918-1983», steht auf dem als Rednerpult gestalteten Gedenkstein geschrieben.

«Willi Ritschard: Freund, Büezer, Genosse, Gewerkschafter, Bundesrat, 1918-1983», steht auf dem als Rednerpult gestalteten Gedenkstein geschrieben.

«Unser Bundesrat»

Dass der Gedenkstein auf dem Balmberg aufgestellt wird, ist kein Zufall. Ritschard war Mitinitiant des Bildungs- und Ferienheimes, das in den frühen Sechziger-Jahren dort gebaut wurde. Neben Ritschards Persönlichkeit bleibt vor allem sein Einsatz für den sozialen Ausgleich und die Arbeiterbildung in Erinnerung. Darauf müsse man sich zurückbesinnen, findet Gewerkschaftsführer Markus Baumann: «Unsere Demokratie ist keine Selbstverständlich- keit.» Nur durch Bildung könne die Demokratie aufrechterhalten werden. «Wir müssen die Demokratie zurückgewinnen und die zentrale Rolle der Politik wieder wahrnehmen. Solidarität ist zum Fremdwort geworden. Wir müssen uns daran erinnern, was unsere Aufgabe ist. Nämlich für die zu sorgen, die nicht auf der Sonnenseite stehen.»

Willi Ritschard ist an diesem Tag omnipräsent. 120 Personen haben sich eingefunden, um «unserem Bundesrat» zu gedenken. Auch wenn es keine «Heiligsprechung» werden sollte, wie Roth betonte, so wurden die Reden doch zu Lobgesängen auf die Person Ritschard. Das Festzelt nahm tempelähnliche Züge an, der Gedenkstein wurde fast zum Altar. Dabei stand Ritschard für eine andere Generation von SP. Der Atomkraft-Befürworter vertrat Politikinhalte, die teilweise in starkem Widerspruch zu heutigen Parteiparolen stehen. Doch weil sich seine Persönlichkeit und seine Volksnähe so ins Gedächtnis gebrannt haben, kann darüber hinweggesehen werden.