Solothurn
«Nicht am Rand – mittendrin» – der Verein Heimart hat einen neuen Präsidenten, das Ziel «Inklusion» bleibt

Sie wollen Menschen mit Beeinträchtigung besser in die Gesellschaft mit einbeziehen. Diesen Vorsatz nahmen sich vor über 10 Jahren Vertreterinnen und Vertreter einer Handvoll Institutionen des Kantons Solothurn. Entstanden ist ein Verein, dessen Präsidium der Zuchwiler Patrick Marti nach all diesen Jahren nun weitergibt.

Noëlle Karpf
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Bleibt dem Laden als Kunde und als Passivmitglied erhalten: Patrick Marti.

Bleibt dem Laden als Kunde und als Passivmitglied erhalten: Patrick Marti.

Hanspeter Bärtschi

Patrick Marti hält in seinen Erzählungen inne. Der Blick des 49-Jährigen ist auf ein Stifteetui gefallen, das er sich greift und vor sich auf den Tisch legt. Das könne er ganz gut gebrauchen. Marti lacht herzhaft auf, das tut er immer wieder mal während des Gesprächs. Der Zuchwiler sitzt im ersten Stock des Ladens «Heimart» in der Solothurner Altstadt.

Nebst Stifteetuis gibt es hier allerlei – Taschen, Karten, Gewürze zum Beispiel. Im ersten Stock, im Laden, kann man das alles kaufen, im zweiten Stock, im Atelier, wird die Ware hergestellt von Menschen aus verschiedenen Institutionen. Ein Teil der Produkte wird zudem von anderen Institutionen geliefert. Über die vielfältige Auswahl an Kunsthandwerk hat sich Marti lobend geäussert – bis er eben das Etui entdeckt und geschnappt hat.

Marti hat bis vor kurzem den gleichnamigen Verein geleitet, der hinter dem Laden steht: «Heimart». Mittlerweile gehören 18 Institutionen aus dem ganzen Kanton dazu. Gestartet ist das Ganze in viel kleinerem Rahmen.

Mehr als nette Beschäftigung

Ein erster Austausch zwischen Institutionen, die etwas anpacken wollten, fand 2010 statt. Auch Marti war – bis vor kurzem stand er der Grenchner Rodania Stiftung vor – mit dabei. Fünf Institutionen führten damals gemeinsam Gespräche. «Uns war Inklusion damals schon ein grosses Anliegen», erklärt Marti, «noch vor der UN- Behindertenrechtskonvention». Diese hat die Schweiz im Jahr 2014 ratifiziert. Damit hat sich die Schweiz verpflichtet, diese auch hierzulande umzusetzen – und dazu gehört eben, dass Menschen mit Beeinträchtigung nicht ausgeschlossen werden.

2014 zog das Gebilde dann an den heutigen Standort am Stalden, eröffnete den Laden, 2016 wurde der Verein gegründet.

«Was man oft feststellt bei Verkaufsstellen von Institutionen: Sie sind dort, wo sich die Institutionen befinden», erklärt der Zuchwiler. Dieses Schema wollten die Verantwortlichen durchbrechen.

«Wir sind nicht am Rand der Gesellschaft tätig – sondern mittendrin.»

Das soll die Inklusion vorantreiben; ein Ziel, das auch in den Vereinsstatuten festgehalten ist. Inklusion – nicht Integration; man will also nicht eine Gruppe ausserhalb der Gesellschaft in diese integrieren – sondern dafür sorgen, dass alle Mitglieder der bestehenden Gesellschaft die gleichen Chancen haben.

Der Heil- und Sozialpädagoge äussert sich auch kritisch über den Sozialbereich, in dem er seit rund 20 Jahren tätig ist. In diesem ist Inklusion heute zwar eher ein Thema, lange wurden Menschen mit Beeinträchtigung aber weggesperrt – weg in Institutionen. Und auch heute werde zum Teil eher Separation als Inklusion gelebt – weil es uns so gut geht, manche träge sind, manche nicht wirklich für andere im sozialen Bereich arbeiten, sondern für sich selbst.

Bei Heimart soll es aber nicht um das zur Schau stellen netter Beschäftigung gehen, sagt Marti dazu. «Wir haben nebst dem Laden auch das Atelier hier – hier sind unsere Leute mit ihren Fähigkeiten präsent, und die Kundschaft sieht das auch». Man habe als Verein einen permanenten Auftritt gegen aussen – das sei nachhaltiger, als wenn jeder alleine ab und zu einen Anlass alleine durchführt.

Die Institutionen können das Atelier monatsweise buchen – man müsse sich richtig beeilen, weil der Kalender so rasch ausgebucht sei, erklärt der Zuchwiler, der seit April auch Gemeindepräsident ist. «Das fägt.»

Zukunftswunsch: Das Modell soll Schule machen

Mittlerweile läuft das Geschäft so, dass die Einnahmen in etwa grade die Betriebskosten decken. Die im Atelier Tätigen erhalten je nachdem, wie es ihre Institution handhabt, Entschädigung für ihre Arbeit. Das Kapital des Vereins besteht aus Sockelbeiträgen von je 5000 Franken, die eine neue Institution bei Vereinsbeitritt bezahlt. Auch Passivmitglieder unterstützen die Sache finanziell. Schweizweit einzigartig sei der Verein, meint der Zuchwiler. Schön wäre, wenn dieses Modell in Zukunft Schule machen würde.

Von «wir» und «unserem Verein» spricht Marti. Immer noch, auch nach seinem Abtritt. Gewiss, er bleibe «seinem» Verein noch erhalten, so Marti, der das Präsidium an seinen Nachfolger Daniel Wermelinger abgegeben hat. Als Passivmitglied einerseits.

Aber auch als Kunde des Ladens für Kunsthandwerk, der zu etwas mehr Inklusion in der Gesellschaft beitragen will. «Ich kann den Laden nicht verlassen, ohne etwas zu kaufen. Ich finde immer etwas.» Zum Beweis nimmt Marti das Etui, das er sich ausgesucht hat beim Gang aus dem Atelier mit in den Laden, wo er es auf den Verkaufstresen legt.