Weissenstein

«So kann es nicht weitergehen» – die vielen Berggänger bringen auch Konflikte

Nicht alle Biker fahren auf den erlaubten Strassen den Berg hinunter – auch weil eine offizielle Strecke fehlt.

Die Fülle an Menschen auf dem Hausberg bringt auch ihre Konflikte mit sich. Vor allem die fehlende Bikestrecke sorgt für Unmut.

Rund 400 Parkplätze hat es um die Talstation der Seilbahn Weissenstein herum. An einem schönen Sonntag sind das zu wenige. Dann parkieren die Berggänger an den Bahnhöfen Lommiswil oder Langendorf, weil sie von dort mit dem Zug schnell nach Oberdorf kommen. Seit die Seilbahn 2014 ihren Betrieb aufnahm, sind die Besucherzahlen auf dem Berg in die Höhe geschossen. Und nun, mit dem neu eröffneten Kurhaus, dürfte es nochmals einen Schub geben.

Diese Entwicklung passiert zur Freude vieler: Berggasthöfe, Seilbahn, die ganze Tourismusregion profitiert. Diese Entwicklung bringt aber auch Probleme mit sich: Fragen zur Verkehrssituation stellen sich, unten wie auch oben am Berg, Littering nimmt zu. Tausende Touristen gehen auch an einem Berg nicht spurlos vorbei. Nur will kaum ein Beteiligter das Wort «Problem» in den Mund nehmen. Einer, der das tut, ist Werner Baumgartner. Der 77-jährige Rüttener ist Präsident des Vereins Pro Weissenstein. Der Verein bringt die verschiedenen Interessengruppen auf dem Berg zusammen. Gleichzeitig kümmert sich Pro Weissenstein um die Wanderwege auf dem Hausberg, mit ehrenamtlicher Arbeit, bezahlt aus dem eigenen Sack. Und Baumgartner sagt: «So kann es nicht weitergehen. Wir sind nicht mehr bereit, das selber zu machen. Wir fordern, dass der Kanton einen Beitrag dazu leistet.»

Das Problem sind die Mountainbiker

Der Unterhalt der Wanderwege ist grundsätzlich Aufgabe des Kantons. Dieser hat die Aufgabe mit einer Leistungsvereinbarung an den Verein Solothurner Wanderwege delegiert. 80'000 Franken bekommt der Verein dafür jährlich. Zu wenig, um den Unterhalt der 1300 Kilometer Wanderwege im Kanton zu bezahlen. Der Verein ist auf Spenden angewiesen und auf ehrenamtliche Arbeit. Ehrenamtliche Arbeit wie diejenige von Pro Weissenstein zum Beispiel. Dieses Modell funktionierte bisher. Aber nun stösst es an seine Grenzen. «Aus Liebe zum Berg» kümmern sich Baumgartner und Kollegen um die Wege. Aber: «Wir werden auch nicht jünger.» Und Nachwuchs zu finden, sei schwierig. Dies alles bei gleichzeitig steigender Arbeitsbelastung. Mehr Menschen auf dem Berg bedeutet, dass die Wege stärker in Mitleidenschaft gezogen werden. Und damit auch öfters repariert werden müssen.

Als Hauptproblem sieht Baumgartner hier die Mountainbiker. Wobei er gleich zu Beginn betont: «80 von 100 Bikern verhalten sich völlig korrekt.» Nur gebe es aber immer Ausreisser. Die auf verbotenen Strecken ohne Rücksicht auf Wanderer den Berg runterbrettern, wie es Baumgartner ausdrückt. Und dabei die Wanderwege beschädigen. Das Problem ist altbekannt, die Lösung dafür eigentlich auch. Eine Bikestrecke soll Abhilfe schaffen. Von der Bergstation der Seilbahn bis nach Oberdorf. Damit könnte man die Biker kanalisieren und gleichzeitig andere Wege entlasten, manche sogar ganz sperren. Damit werde man zwar nicht sämtliche Probleme lösen, glaubt Baumgartner. Einzelne Ausreisser werde es wohl immer geben. «Aber zumindest bieten wir dann eine Alternative an.»

Die Pläne für diese Strecke sind so alt wie diejenigen für die Seilbahn. Bauherrin ist die Seilbahn Weissenstein AG. Die Prioritäten waren aber von Beginn weg klar: Zuerst wird die Seilbahn gebaut, die Strecke danach. 2014 wurde die Gondelbahn eingeweiht. Eine Bikestrecke gibt es aber immer noch nicht. «Das kann es doch nicht sein», findet Baumgartner. «Jetzt muss der Kanton vorwärtsmachen. In der Zeit, die wir verlieren, geht auf dem Berg so viel kaputt.»

Eine Frage der Prioritäten – und des Drucks

Beim Kanton ist das Amt für Raumplanung zuständig. Stephan Schader, Leiter Nutzungsplanung, ist für das Projekt verantwortlich. Er relativiert: «Es ist eine schwierige Situation da oben. Es stellen sich rechtliche Fragen, die nicht einfach zu beantworten sind.» Baut man ein Haus, reicht man ein Baugesuch ein. Doch was tun, wenn man eine Bikestrecke bauen will? Braucht es etwa eine Rodungsbewilligung? Oder ökologische Ausgleichsmassnahmen? Der Kanton hat sich entschieden, das Ganze mit einem sogenannten Gestaltungs- und Erschliessungsplan anzugehen.

Dieses Vorgehen hat den Vorteil, dass verschiedene Interessen gegeneinander abgewägt werden können. Das ist auch nötig. Denn als die Planung langsam konkrete Formen annahm, wurde sichtbar, wie viele unterschiedliche Interessen am Berg zusammenkommen: Wanderer, Biker, Jäger, Naturschützer, die Gemeinde Oberdorf, auf deren Gemeindegebiet die Strecke zu liegen kommen würde, und die beiden Bürgergemeinden Oberdorf und Solothurn, denen der Wald am Berg gehört.

Alle diese Gruppen mit teils sehr unterschiedlichen Erwartungen unter einen Hut zu bringen: kein einfaches Anliegen. Aber noch ein anderer Umstand hat für die Verzögerungen gesorgt, wie Schader offen zugibt: «Wir hatten nicht die Ressourcen, das Projekt weiter voranzutreiben.» Das Amt für Raumplanung misst momentan den Ortsplanungsrevisionen, die in vielen Gemeinden im Kanton laufen und vom Kanton geprüft werden müssen, höchste Priorität zu. Der Druck, bei der Bikestrecke vorwärtszumachen, war zu klein.

Doch langsam weht ein anderer Wind. Äusserungen wie diejenigen von Baumgartner führten dazu, dass der Druck zugenommen hat. Noch vor Weihnachten sollen die Pläne für die Bikestrecke öffentlich aufgelegt werden. Die deutlichen Worte erzielten ihre Wirkung. Schader wie auch Baumgartner wären aber nicht Leute aus dem Solothurnischen, wenn sie nicht im gleichen Atemzug, in dem sie deutliche Worte wählen, gleichzeitig auch um Versöhnung bemüht wären.

Bei Baumgartner tönt das dann so: «Ich begreife schon, dass die beim Kanton auch andere Probleme haben. Ich bin zudem optimistisch, dass wir gemeinsam die Probleme lösen können. Miteinander, nicht gegeneinander.» Und bei Schader heisst es: «Wir ziehen alle am selben Strick, niemand spielt sich hier gegeneinander aus. Wir finden es ja wunderschön, dass so viele Leute so nahe in der Region Erholung suchen. Deshalb versuchen wir auch, das möglich zu machen.»

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