Kanton Solothurn

So hart trifft das Coronavirus die Solothurner Wirtschaft

Die Coiffeure gehörten zu den ersten Corona-Opfern. (Archiv)

Die Coiffeure gehörten zu den ersten Corona-Opfern. (Archiv)

Experten und Behörden rechnen damit, dass es Solothurn härter trifft als den Rest der Schweiz. Noch ist das kaum zu spüren, noch ist die Arbeitslosigkeit tiefer als im Rest der Schweiz. Warum sich das bald ändern dürfte.

Fast vier Monate sind seit dem Lockdown vergangen. Längst sind die Bestimmungen für viele Bereiche der Wirtschaft wieder gelockert, doch das Coronavirus hält die kantonale Wirtschaft weiter im Würgegriff. Anlass genug, nachzufragen, wie hart das Coronavirus die Solothurner Wirtschaft trifft.

1) Branchen: Welche für den Kanton wichtigen Branchen traf und trifft es am härtesten?

Zuerst traf es jene Betriebe, die direkt vom Lockdown betroffen waren. Restaurants, Hotels, Eventagenturen, aber auch Coiffeure, Zahnärzte oder Tätowierer. «Da waren viele Geschäfte darunter, die mit tiefen Margen arbeiten», sagt Andreas Gasche, Geschäftsführer des kantonalen Gewerbeverbandes. Trotzdem haben fast alle die schlimmsten Monate überstanden. Und unterdessen sagt Gasche: «Ein Teil der Geschäfte hat seit der Wiedereröffnung regelrecht geboomt.» Vor allem von Detailhändlern, Coiffeuren und anderen Lebensmittelgeschäften bekomme man derzeit positive Rückmeldungen.

Anders tönt es, wenn man bei Daniel Probst nachfragt. Der Direktor der Solothurner Handelskammer sagt: «Das Coronavirus hat die Schweizer Wirtschaft in eine Art Schockstarre versetzt.» Weil es keine nationale, sondern eine internationale Krise ist. Der Einbruch der Auslandnachfrage führte zu einem starken Rückgang der Exporte. Im Vergleich zum Vorjahr schrumpften sie im März durchschnittlich um 10,6 Prozent, im April um 28,7 Prozent und im Mai gar um 37,1 Prozent.

Am heftigsten brachen die Exporte bei «Präzisionsinstrumenten, Uhren und Bijouterie» (–46 Prozent) ein, dicht gefolgt von der Metallindustrie (–41,6 Prozent) und «Maschinen, Apparate, Elektronik» (–30,3 Prozent). Jonas Motschi, Leiter des kantonalen Amtes für Wirtschaft und Arbeit, sagt: «In diesen, für den Kanton wichtigen Branchen ist davon auszugehen, dass der Rückgang noch weiter geht und einige Zeit andauern wird.»

2) Kurzarbeit: Wie viele Betriebe sind derzeit in Solothurn auf Kurzarbeit?

Laut Amtsleiter Jonas Motschi hat das Solothurner AWA bis heute rund 5300 Anträge auf Kurzarbeit bearbeitet und den grössten Teil davon bewilligt. Rund 3800 Betriebe haben tatsächlich auch schon abgerechnet. Am meisten Gesuche gingen von Mitte März bis Ende ­April ein, doch noch immer kriegen die Behörden neue Kurzarbeitsgesuche.

Motschi sagt: «Wir rechnen damit, dass diese ab Mitte August wegen der auslaufenden Bewilligungsdauer wieder stark zunehmen werden.» Der Bund geht derzeit davon aus, dass rund 50 Prozent der momentan in Kurzarbeit stehenden Unternehmen versuchen werden, die Kurzarbeitsphase zu verlängern.

Allerdings soll das, so der derzeitige Plan des Bundesrates, ab Anfang September mit grösserem administrativem Aufwand verbunden sein. Der Kanton Zürich hat sich deshalb mit einem Schreiben von Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh an Wirtschaftsminister Guy Parmelin gewendet. Mit der dringenden Bitte, am vereinfachten Verfahren festzuhalten.

Andreas Gasche vom Solothurner Gewerbeverband sagt: «In vielen Bereichen hat sich das Wirtschaftsleben noch nicht normalisiert. Die Kriseninstrumente sind jedoch zurückgefahren worden. Das wird in gewissen Branchen zu Flurbereinigungen führen.» AWA-Leiter Motschi sieht einer zweiten Welle von Kurzarbeitsanträgen jedoch ziemlich gelassen entgegen. Man sei vorbereitet. Personal, das schon im März und April einsprang, wird wieder zum Zug kommen. Auch habe man die Abläufe intern verbessert. Er sagt: «Wir begrüssen es aber, wenn das Seco die Digitalisierung der gesamten Abläufe bei der Arbeitslosenversicherung vorantreibt und setzen diese gerne um.»

3) Kredite: Wie viele Coronakredite wurden von Solothurner Unternehmen beantragt?

Bis heute haben 3125 Unternehmen im Kanton Solothurn einen Covid-Kredit beantragt, so die aktuellsten Zahlen des Departementes für Wirtschaft, Bildung und Forschung. Diese Zahl wird sich auch nicht mehr verändern, denn Ende Juli lief die Frist aus, um einen Covid-Kredit beantragen zu können. Die durchschnittlich beantragte Kreditsumme belief sich im Kanton auf rund 117'000 Franken.

Eine Umfrage der Solothurner Handelskammer hat ergeben, dass rund 17 Prozent der Unternehmen einen Kredit beantragt hatten. In neun von zehn Fällen einen Covid-I-Kredit (bis 5 Millionen). Eine Nachfrage bei verschiedenen Solothurner Bankinstituten zeigt, dass diese Kredite vor allem im Gross- und Detailhandel, der Gastronomie, aber auch im verarbeitenden Gewerbe und bei Baufirmen gefragt waren. Man erfährt dabei ebenfalls, dass vereinzelte Unternehmen ihre Kredite schon zurückbezahlt haben.

Und: «Bei uns besteht bei weniger als einem Prozent überhaupt ein Verdachtsmoment auf Betrug», sagt Thomas Sommerhalder, UBS-Regionaldirektor Solothurn/Aargau. Auch bei den anderen Solothurner Instituten tönt es ähnlich.

4) Arbeitslosigkeit: Ist durch Corona die Arbeitslosigkeit gestiegen?

Die Arbeitslosenquote betrug im Kanton Solothurn zu Beginn des Jahres 2,1 Prozent. Bis Ende Juni stieg die Quote auf 2,9 Prozent oder auf 4366 Personen. Damit liegt Solothurn 0,3 Prozentpunkte unter dem schweizerischen Mittel. Im Vergleich zum Juni vor einem Jahr stieg die Zahl der Arbeitslosen aber um 1835 Personen, was einer Steigerung von 72,5 Prozent entspricht und deutlich über dem schweizerischen Mittel liegt (+54,6 Prozent im Vergleich zum Juni 2019).

Der Kanton geht davon aus, dass die Arbeitslosigkeit weiter zunehmen wird. AWA-Leiter Motschi sagt: «Neben den rezessiven Tendenzen kommen im Juli/August (Schul- und Lehrabgänger) sowie ab November noch saisonale Effekte dazu.» Auf Spekulationen will er sich nicht einlassen. Konkreter wird Daniel Probst von der Handelskammer: «Während der Finanzkrise im Jahr 2009 erreichte die Arbeitslosigkeit im Kanton Solothurn einen Höchstwert von 4,6 Prozent. Dieser Wert dürfte wohl bei der Coronakrise mindestens erreicht, wenn nicht sogar übertroffen werden.»

5) Konkurse: Gab es wegen Corona mehr Konkurse?

«Bezüglich Konkurseröffnungen merken wir von Corona noch gar nichts», sagt Martin Schmalz, Leiter des kantonalen Konkursamtes. Im Gegenteil: Im Vergleich zum Vorjahr sind die Konkurseröffnungen sogar rückläufig. Bis und mit Juni 2019 zählte Schmalz 288 Verfahren (Privatkonkurse, ausgeschlagene Erbschaften und Firmen), dieses Jahr sind es bisher «bloss» 238.

Das überrascht, liegt aber auch daran, dass im Rahmen der Sofortmassnahmen des Bundes ein vorübergehender Rechtstillstand beim Betreibungswesen beschlossen wurde. Zudem bekamen die Firmen Hilfsinstrumente wie Kurzarbeit, Kredite und Überbrückungshilfen. Handelskammerdirektor Daniel Probst warnt: «Wenn sich die konjunkturelle Lage nicht schnell aufhellt, ist künftig mit einem Anstieg von Firmeninsolvenzen zu rechnen.»

6) Vergleich: Wie steht Solothurn im Vergleich zum Rest der Schweiz da?

Noch sieht es gut aus. Insbesondere die Arbeitslosenquote liegt noch unter dem Landesschnitt. Doch das dürfte sich bald ändern, sollte sich die Weltwirtschaft nicht wie von Zauberhand vom Coronaelend erholen. «Erfahrungsgemäss reagieren die Arbeitslosenzahlen im Kanton stärker als im gesamtschweizerischen Schnitt», sagt AWA-Leiter Motschi. Die Solothurner Wirtschaft ist geprägt von der Uhrenindustrie, der Medizinal- und Präzisionstechnik, alles Branchen, die stark exportorientiert sind. Genauso wie die ebenfalls wichtige Zuliefererindustrie.

Laut einer Erhebung der UBS arbeiten 53 Prozent der Erwerbstätigen im Kanton Solothurn in besonders vom Virus betroffenen Branchen. Im Landesschnitt sind es bloss 44 Prozent. Nicht nur die Banken gehen davon aus, dass Solothurn härter als andere Kantone von der Krise getroffen wird. Die Prognoseinstitute rechnen damit, dass die Schweizer Wirtschaft 2020 um 4,0 bis 6,7 Prozent schrumpft. Daniel Probst sagt: «Aufgrund der exportorientierten Wirtschaftsstruktur des Kantons Solothurn erwarten wir für den Kanton Solothurn einen Rückgang des BIP von deutlich über 5 Prozent.»

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