Obergericht

«Sie haben sie wie ein Stück Fleisch behandelt» – Kenianer missbrauchte Tochter seiner Partnerin

Der Mann soll auch K.O.-Tropfen eingesetzt haben. (Archiv)

Der Mann soll auch K.O.-Tropfen eingesetzt haben. (Archiv)

Vor Obergericht steht ein Kenianer, der die Tochter seiner ehemaligen Partnerin über 50 Mal missbraucht haben soll.

«Sie haben sie wie ein Stück Fleisch behandelt», sagte Oberrichter Hans-Peter Marti am Berufungsprozess zum angeklagten Kenianer Ben G.* (Namen geändert). Seit 30 Jahren übe er sein Amt schon aus, dies sei aber einer der furchtbarsten Filme, die er sich habe ansehen müssen, äusserte er sich merklich bewegt. «Erklären Sie mir, was das mit Liebe zu tun hat? Was man dort sieht, ist genau das Gegenteil von Liebe.»

Ben, der die minderjährige Tochter seiner damaligen Partnerin in einem Zeitraum von dreieinhalb Jahren zweiwöchentlich über 50 Mal vaginal und anal missbraucht haben soll – ihm zufolge sei es in gegenseitigem Einvernehmen und in einer Liebesbeziehung geschehen –, hat etliche Taten mit seinem Handy gefilmt, etwa in Fahrzeugen. Ebenso die letzte, nach der Mia T.* Anzeige erstattete. Ben hatte der damals 14-jährigen Bosnierin an diesem Sommertag im August 2015 «K.-o.-Tropfen» verabreicht und sie in seiner Oltner Wohnung vergewaltigt.

Dies gleich zweimal im Abstand von einer halben Stunde, obwohl sie mehrmals schrie, stöhnte, spontan urinierte und sich erbrach. Ben war vom Amtsgericht Olten-Gösgen zu 19 Jahren und einem Monat Gefängnis und einer ambulanten Behandlung verurteilt worden sowie zur Genugtuungszahlung von 70'000 Franken. Gegen elf Strafpunkte hat er verstossen (u.a. Vergewaltigung von Mia und einer andern Frau, Nötigung, Schändung, sexuelle Handlungen mit Kindern, Pornografie, Verabreichen gesundheitsgefährlicher Stoffe an Kinder). Das Strafmass war ihm zu hoch, er legte Berufung ein.

Die Staatsanwaltschaft hatte Anschlussberufung eingelegt, weil sie Ben zusätzlich «Gefährdung des Lebens» vorwirft, nämlich, als er Mia trotz vorgängigen Erbrechens beim Sex auf den Rücken gelegt hatte.

Sex gegen Gefälligkeiten des Ersatzvaters

Der jetzt 43-jährige und teils unverständlich sprechende Ben las einen Text herunter, worin er die ganze Vorgeschichte schilderte. Mia lernte Ben im Juli 2011 kennen und fädelte eine Beziehung zwischen ihm und ihrer Mutter ein. Sie hatte keinen Kontakt zum leiblichen Vater und war froh, einen Ersatzvater gefunden zu haben. Nach seinem Einzug durfte sie teilweise immer noch im Bett der Mutter schlafen. Da kam es Ende 2011 zu ersten intimen Berührungen, aus Bens Sicht von der zehnjährigen Mia ausgehend. Bald kam es zu Geschlechtsverkehr.

Er habe ihr im Gegenzug Gefälligkeiten erwiesen, etwa mehr Freiheiten eingeräumt als die gestrenge Mutter oder ihr Geld oder ein Handy gegeben. Die Beziehung zwischen Ben und der Mutter war 44 Mal getrennt. Ebenso zum Zeitpunkt der letzten Tat. Aber Mia habe gerade Geld gebraucht. Im Verhandlungsverlauf wurde klar, dass Ben das Narkosemittel zwei Tage zuvor beschafft hatte. Ben erklärte den Einsatz, damit sie «länger Lust auf Sex hat» und «länger bleibt». Früher hatte er als Motiv Rache genannt.

Überhaupt verstrickte er sich in Widersprüche. Für Staatsanwältin Stephanie Flury waren die Aussagen der Opfer glaubhaft. Sie hätten Details geschildert, Ben nicht übermässig belastet. Das Beweismaterial ergebe ein «widerspruchsfreies Bild». Mia sei ihm «mehr oder weniger ausgeliefert» gewesen, er habe «ihr Vertrauen schamlos ausgenutzt». Der Traum vom Vater sei zum Albtraum geworden, «jegliche Grenze des Vorstellbaren ist überschritten». Es könne in keiner Art von einer aktiven Teilnahme von ihr gesprochen werden.

Bens Verteidiger Daniel Wagner forderte im Gegensatz zur vorinstanzlichen Verhandlung, wo er nur viereinhalb Jahre gefordert hatte, nun sechseinhalb Jahre. Er akzeptiert den Vergewaltigungsvorwurf, während er vorher nur auf Schändung plädierte. Doch weiterhin wollte er alles als «Lolita-Geschichte» verkaufen, die Kinds-Frau als Verführerin. Sie habe ihm Sex angeboten, um an Gegenleistungen zu kommen. «Sie wusste genau, welche Waffen sie einsetzen musste.» Er habe die drohende Trennung von der Mutter nicht als Druckmittel gebraucht, bei der letzten Tat seien sie ja getrennt gewesen. Er argumentierte weiter, sie habe keine Schmerzen empfinden können, weil sie ja geschlafen habe. Es mache keinen Sinn, dass sie zu ihm zurückgekommen wäre, wenn er sie immer vergewaltigt hätte.

Das Urteil folgt am Donnerstag.

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