Giftige Stoffe

«Sichern, Stabilisieren, Bewältigen» – was Experten bei einem Chemieunfall tun

Szenen wie aus einem Actionfilm: Experten in Schutzanzügen säubern die Räumlichkeiten von Auverna in Horriwil.

Szenen wie aus einem Actionfilm: Experten in Schutzanzügen säubern die Räumlichkeiten von Auverna in Horriwil.

Jüngst gab es in der Region zwei Chemieunfälle, bei denen zum Glück niemand ernsthaft verletzt wurde. Für viele sind die Experten in Schutzanzügen ein selten gesehenes Ereignis. Doch was es tatsächlich braucht, um einen Chemieunfall möglichst effektiv zu bekämpfen wissen die wenigsten.

Am Mittwochmorgen lief bei der Metallverarbeitungsfirma Auverna in Horriwil ein chemischer Stoff namens Tetrachlorethylen aus. Der ausgetretene Stoff führte dazu, dass elf Mitarbeitende zur Untersuchung ins Spital gebracht werden mussten. Ernsthaft verletzt wurde niemand. Bereits am Dienstag kam es in Hägendorf ebenfalls zu einem Chemieunfall. Bei Umfüllarbeiten kam es zu einer chemischen Reaktion, bei der ein schädliches Gas freigesetzt wurde. In beiden Fällen standen dabei Experten von der Feuer- und Chemiewehr, sowie dem Amt für Umwelt im Einsatz. Die in Schutzanzüge gehüllten Fachleute gehen Risiken ein, die dem Normalbürger oft nicht bewusst sind. Auch das Tätigkeitsfeld solcher Spezialisten umfasst weit mehr, als man denkt.

Boris Anderegg, Leiter Amt für Feuerwehr und Zivilschutz der Stadt Solothurn, erklärt, wie die Fachleute bei einem Einsatz vorgehen und was zu beachten ist. Geht ein Notruf ein, so gelte es die wichtigsten Fakten zum Vorfall zu eruieren. Bei einem Chemieunfall werden dann über die Alarmzentrale der Polizei Spezialisten aufgeboten. «Erste Prioriät haben die Menschen. Diese müssen als erstes gerettet und ausser Gefahr gebracht werden», so Boris Anderegg. Im Fall von Horriwil hätten die Rettungskräfte sehr gute Arbeit geleistet und die elf betroffenen Personen schnell behandelt und ausser Gefahr gebracht. «So konnten wir uns voll und ganz auf die Substanz und deren Neutralisation konzentrieren». Vor Ort muss die Substanz immer genau definiert werden können, um die Vorgehensweise optimal anzupassen. Dabei stehen der Feuerwehr Chemiefachberater des Amts für Umwelt zur Verfügung. 

Um für einen Einsatz gut gerüstet und vorbereitet zu sein, braucht es permanente Übung. Anderegg erklärt, dass es kantonale Übungspläne gibt. Zudem hält sich die Feuer- und Chemiewehr an ein duales Übungssystem. Das bedeutet, dass die Einsatztheorie am einen Ort eingeholt und am anderen Ort geübt wird. «Der Einsatz im Ernstfall ist für uns eine Kontrolle unserer Fähigkeiten», erklärt Boris Anderegg. «Haben wir Defizite, werden diese umgehend genauer und intensiver trainiert.»

Chemieunfall in Horriwil

Chemieunfall in Horriwil

Am Mittwochmorgen gab es einen Chemieunfall in Horriwil im Solothurner Wasseramt. Die Hälfte der Mitarbeiter einer Metallverarbeitungsfirma musste ins Spital gebracht werden.

Sichern, Stabilisieren, Bewältigen

«Der Schaden darf in keinem Fall grösser werden», erklärt Anderegg. Das Einsatzmotto lautet «Sichern, Stabilisieren, Bewältigen». Ist die Lage unter Kontrolle gebracht und die Gefahr für Mensch und Umwelt gebannt, gilt es die Substanz(en) zu entsorgen. Dafür werden die Chemiefachberater vom Amt für Umwelt hinzugezogen. «Wir von der Feuer- und Chemiewehr sind keine Chemiker. Deshalb sind wir auf die Spezialisten vom Amt für Umwelt angewiesen», so Anderegg. «Diese kennen sich mit chemischen Stoffen bestens aus und wissen, wie damit umzugehen ist.»

 Einstufung und Kennzeichnung von Chemikalien:

Stefan Gyr, Leiter Schadendienst vom Amt für Umwelt Solothurn, lobt die Zusammenarbeit aller Einsatzkräfte. «Es braucht das Fachwissen jedes einzelnen, um effektiv arbeiten zu können», so Gyr. Bis jetzt habe die Zusammenarbeit immer tadellos funktioniert. Gyr führt weiter aus, dass beim Amt für Umwelt sogenannte Pikettfunktionäre im Einsatz stehen. «Die Pikettfunktionäre sind rund um die Uhr erreichbar und einsatzbereit». Zudem verfügt das Amt für Umwelt über die oben erwähnten Chemiefachberater. Diese Chemiker seien bei der Analyse von gefährlichen Stoffen von unschätzbarem Wert. Ein weiterer Vorteil, laut Gyr, bestehe darin, dass man durch die enge Zusammenarbeit mit verschiedensten Firmen, deren Arbeit und die dafür verwendeten Stoffe genau kenne. «Das erleichtert uns die Arbeit im Ernstfall erheblich.» Stefan Gyr erklärt weiter, dass das Amt für Umwelt die Kosten eines Einsatzes im Voraus übernimmt, und diese anschliessend von den Verantwortlichen wieder zurückerstattet bekommt. «Wir suchen mit den Versicherungen immer die optimale Lösung für beide Parteien», so Gyr.

Entsorgung ja, aber wie?

Chemische Abfälle müssen in der Regel mit speziellen Verfahren entsorgt werden. Laut Stefan Gyr gibt es Stoffe, die ganz normal verbrennt werden können. Gyr verweist auf Zusammenarbeit mit Altola AG in Olten. Altola ist auf die Entsorgung von Sonderabfällen spezialisiert. Stark gefährdende Stoffe werden in Basel in der Sonderverbrennungsanlage entsorgt. Auf die Frage hin, welcher schädliche Stoff die meisten Einsätze einfordert, gibt Stefan Gyr eine überraschende Antwort: «Es sind nicht, wie so oft angenommen, Gase oder Lösungsmittel. Heiz-, Motoren- und Hydrauliköl ist das Hauptproblem.»

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