Lysistrada

Sexarbeitende verschwinden im «Graubereich» — Corona spitzt die Lage zu

Bereits zum zweiten Mal wurden Sexbetriebe geschlossen. (Symbolbild)

Bereits zum zweiten Mal wurden Sexbetriebe geschlossen. (Symbolbild)

Die kantonale Fachstelle für Sexarbeit wird 20. In diesem Jubiläumsjahr begleitet auch diese Branche die Krise – bereits zum zweiten Mal hat der Kanton wegen Corona Sexbetriebe schliessen lassen. Nebst Corona treibt das Gewerbe aktuell aber auch ganz anderes um. 

Sechs Monate lang war Melanie Muñoz auf Reisen. Im Februar kam sie zurück nach Olten, wo sie seit zwölf Jahren die Fachstelle Lysistrada leitet – der Verein, der Sexarbeitende im Kanton berät. «Pünktlich auf den Lockdown», erklärt sie mit einem Seufzer. Dieser traf auch die Erotikbranche hart.

Im März kam das Arbeitsverbot. Rund zwei Monate lang waren Betriebe und der Strassenstrich im Kanton geschlossen. Als die Betriebe wieder öffnen durften, lief es laut der Fachstellenleiterin «sehr schlecht». Nun, Ende Oktober, veranlasst der Kanton erneut die Schliessung sämtlicher Betriebe. Für wie lange, weiss man noch nicht.

Weiss noch nicht, wie sie Betriebe nach dem erneuten Arbeitsverbot, das am Donnerstag verordnet wurde, unterstützen kann: Melanie Muñoz.

Weiss noch nicht, wie sie Betriebe nach dem erneuten Arbeitsverbot, das am Donnerstag verordnet wurde, unterstützen kann: Melanie Muñoz.

Wie die Fachstelle darauf reagiert, was nun alles auf sie zukommt, kann Muñoz nicht sagen – es laufe sehr hektisch auf der Fachstelle, teilt sie schriftlich mit. Ein paar Tage vor der Bekanntgabe des Verbots berichtete sie im direkten Gespräch noch über die Zeit nach der ersten Schliessung: «Das war sehr stressig.» Auch weil unklar ist, wann eine Sexarbeitende selbstständig ist und wann nicht – und genau das spielt eine Rolle, wenn es um coronabedingte Entschädigung geht.

9 Franken am Tag: Verein organisierte Nothilfe

Wer selbstständig ist, kann bei der Ausgleichskasse Entschädigung einfordern. Der stellvertretende Geschäftsleiter Roger Schmid erklärt: «Man kann nicht eindeutig sagen, ob eine Sexarbeiterin selbstständig ist oder nicht.» Es komme darauf an, ob sie in einem Etablissement angestellt ist, in welchem alles zentral abgerechnet wird – dann sei sie, wie Angestellte in einem KMU etwa, unselbstständig. Trägt sie selbst alle finanziellen Risiken und ist sie keine Angestellte. Wobei laut Schmid hinzukommt: «Wir gehen davon aus, dass sich gar nicht alle bei uns melden – und dementsprechend auch keinen Anspruch auf eine solche Entschädigung haben.»

Unselbstständig Erwerbende, beziehungsweise deren Firma, erhalten Entschädigung beim Amt für Wirtschaft und Arbeit, wenn sie dort Kurzarbeit anmelden. Laut Amtsleiter Andreas Motschi ist die Abgrenzung zwischen selbstständig und unselbstständig Erwerbenden im Sexgewerbe eine komplexe Angelegenheit. Wie viele Firmen aus der Branche Gesuche um Kurzarbeit eingereicht haben, ist nicht erfasst.

Melanie Muñoz erklärt, sie habe noch von keiner Person aus der Branche gehört, die Kurzarbeitsentschädigung erhalten habe – sie habe aber natürlich auch nicht mit allen Kontakt. Aber: «Bei der ersten Schliessung der Betriebe haben wir dann gefunden: Es ist einfacher, wenn wir als Verein selbst versuchen, die Frauen und Männer zu unterstützen», erklärt Muñoz, die auch im Vorstand der Schweizer Dachorganisation Prokore tätig ist.

Mit Spendenaufrufen und dem Griff in die Vereinskasse habe man Nothilfe von täglich neun Franken abgegeben und Essen verteilt – später waren es aufgrund von Spenden über die Glückskette 15 Franken. Selbstverständlich wolle man auch beim jetzigen Arbeitsverbot helfen, wo man könne. Wann und wie, ist aber noch unklar.

Was Muñoz vor allem wieder befürchtet: «Wenn Sexarbeitende kein Geld verdienen können, besteht einfach die Gefahr, dass sie ihre Dienstleistung im Graubereich anbieten – illegal, dort wo sie Lysistrada nicht mehr erreicht», sagt Muñoz. Dabei seien die Kontakte zu den einzelnen Sexarbeitenden – sei es etwa, wenn es um gesundheitliche oder sicherheitstechnische Themen geht – gerade in der Krisenzeit wichtig.

Immer mehr Sexarbeitende im «Graubereich»

1873 Kontakte hatte die Fachstelle im vergangenen Jahr zu Sexarbeitenden im Kanton. Die Fachstelle besteht aus Muñoz, einer Sekretärin, einem sechsköpfigen, ehrenamtlichen Vorstand und sechs mehrsprachigen Mediatorinnen. Der Kontakt besteht in aufsuchender Arbeit – Muñoz geht in Begleitung einer Mediatorin zu Frauen auf dem Strich oder stattet Bordellen Besuche ab. Seit Jahren aber schwinde die Anzahl Kontakte, erzählt die Sozialarbeiterin. Auch wegen des erwähnten «Graubereichs».

Nicht erst seit der Pandemie befürchtet man bei der Fachstelle, dass Frauen und Männer ihre Dienstleistungen illegal anbieten. «Wir erreichen zunehmend weniger Menschen im Gewerbe», erklärt Muñoz. Dies liege auch an der «Flut an Gesetzen und Verordnungen». Diese sollen die Menschen in der Branche zwar schützen, aber: Da viele Sexarbeitende aus dem Ausland für eine bestimmte Zeit in die Schweiz kommen und in verschiedenen Kantonen in Betrieben oder auf dem Strich arbeiten, ist es laut Muñoz für diese schwierig, den Überblick zu behalten.

Gleichzeitig tauchten einige ganz bewusst auch ab, um illegal zu arbeiten, Vorschriften – wie etwa die obligatorische Betriebsbewilligung für ein Bordell – zu umgehen. Dann aber haben Sexarbeitende nicht nur keine Pflichten – sie haben auch keine Rechte. 

«1000 Frauen im Sexgewerbe haben 1000 verschiedene Gründe, warum sie tun, was sie tun. Einer gilt aber für alle: Sie wollen Geld verdienen», so Muñoz. Wer das legal tue, habe Rechte und Pflichten, wie andere Arbeitnehmende auch. Aber: «Es ist eben nur legal in der Schweiz. Es wird nicht als Arbeit anerkannt von der Gesellschaft.» Das zeige sich schon nur etwa darin, dass eine berufliche Umorientierung kaum möglich sei. «Eine Frau kann im Lebenslauf nicht schreiben, dass sie die letzten fünf Jahre im Bordell gearbeitet hat.»

Es gebe auch keine einheitliche, anerkannte Ausbildung – «das würde wahnsinnig helfen, aber das ist total illusorisch. Es braucht noch ein ziemliches Umdenken in der Gesellschaft.»

«Sexarbeit ist Arbeit – die immer da war und immer da sein wird», betont Muñoz mehrfach. «Es gibt zwar prekäre Bedingungen.» Etwa im Hinblick auf Delikte im Bereich Menschenhandel, Ausnutzung von Frauen im Gewerbe, die ohne Gummi und ohne Pausen arbeiten müssen. Aber: «Man darf Sexarbeitende nicht als Opfer darstellen, davon ausgehen, dass die Lage überall prekär ist.» Anerkennung helfe, dass Arbeit vermehrt legal erfolge – und umgekehrt.

Ziel: Mit App aus dem «Graubereich»

Nebst dem gesellschaftlichen Umdenken, das sich die Leiterin wünscht, gibt es aber auch konkrete Projekte, um Sexarbeitenden Rechte und Pflichten näher zu bringen; damit sie nicht illegal arbeiten. So ist seit letztem Jahr auch im Kanton Solothurn eine App im Einsatz. In 13 Sprachen sind dort Infos zu gesundheitlichen Themen oder Schutzmassnahmen erhältlich. Und Nutzende werden auf die jeweilige kantonale Fachstelle verwiesen.

Regelmässig kämen Frauen und Männer durch die App zur Fachstelle, erklärt Muñoz. «Auch wenn Digitalisierung auch in dieser Branche eine grosse Rolle spielt – die persönliche Beratung ist unersetzlich.» 

Was Muñoz für die Fachstelle, die es seit 20 Jahren gibt, ganz konkret geplant hat: «Wir möchten aufstocken, mit einer zweiten Sozialarbeiterin.» Man sei einerseits stolz darauf, dass es die Fachstelle schon seit 20 Jahren gibt. Aber man sei, wenn man bedenke, dass Lysistrada für den ganzen Kanton zuständig ist, eben noch sehr klein.

Um zu wachsen brauche man Spenden und mehr Erspartes. Wobei sich die Fachstelle derzeit darauf einstellt, ihr Geld etwa wieder für Nothilfe oder andere Unterstützung in der Krisenzeit zu verwenden. «Wir stellen uns auf einen langen, harten Winter ein.»

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