Zum Frauenstreik

«Rechte werden immer erkämpft und erstritten, nie gegeben»

Der Vergleich zu 1991, die Errungenschaften und die Veränderung des Feminismus. Die Solothurner Historikerin Caroline Arni erklärt die Hintergründe des Streiks.

Sie gingen 1991 während des ersten Frauenstreiks in Solothurn auf die Strasse. Sind Sie nächste Woche auch beim Streik dabei?

Auf jeden Fall. Es gibt gute Gründe dafür, den Stimmen der Frauen Gewicht zu verleihen. Frauen äussern sich, weil es etwas zu ändern gilt. Nehmen wir die Frage der Arbeit, auf die ein Streik als solcher ja zielt: Da haben wir die Einkommenslücke.

Was heisst das?

Unbezahlte und bezahlte Arbeit zusammengenommen, arbeiten Frauen und Männer in der Schweiz gleichviel Stunden. Aber Frauen erhalten für diese Arbeit jedes Jahr rund 100 Milliarden Franken weniger. Weil Hausarbeit unbezahlt ist, weil Branchen mit hohem Frauenanteil tiefer entlöhnt sind und weil es immer auch noch ungleichen Lohn für gleiche Arbeit gibt. Diese Probleme betreffen ganz verschiedene Frauen.

Vor 28 Jahren forderten Sie unter anderem mehr Professorinnen an den Universitäten und Sie wehrten sich gegen sexuelle Belästigungen. Die heutigen Forderungen klingen erschreckend ähnlich. Warum?

Weil diese Missstände nicht behoben sind. Sexuelle Belästigung etwa hat mit einer subtilen Haltung gegenüber dem Frauenkörper zu tun. Er wird als etwas gesehen, auf das man Anspruch erheben kann. Über das man auch bestimmen kann. Denken wir etwa daran, wie das Recht auf Schwangerschaftsabbruch unter Druck kommt. Oder wie umgekehrt auch in der Schweiz arme oder nicht angepasste Frauen daran gehindert worden sind, Kinder zu kriegen. Als Historikerin überrascht mich all das nicht. Diese Dinge wurzeln tief in der Geschichte und werden nicht innert Jahrzehnten überwunden.

Und wie sieht es heute mit den Frauen an Universitäten aus?

Auf der Ebene der Professur machen wir Professorinnen in der Schweiz nur 22,8 Prozent aus. Das hängt etwa damit zusammen, dass die Leistungen von Frauen immer noch anders eingeschätzt werden als die von Männern. Aber auch mit dem Preis, den die Frauen zahlen oder glauben zahlen zu müssen, wenn sie diesen Weg einschlagen. Vor allem mit Blick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die derzeitige Wissenschaftskultur macht es Familien schwer. Auch den Männern, die sich um Kinder oder Angehörige kümmern wollen.

Wenn die Probleme nicht gelöst sind, war dann der Streik damals umsonst?

Überhaupt nicht. Der Streik war sehr effektiv. Nehmen wir die Bundesratswahlen von 1993, als ein Mann der offiziellen Kandidatin Christiane Brunner vorgezogen wurde. Es kam ganz rasch zu einer Protestbewegung, die erwirkte, dass eine andere Frau, nämlich Ruth Dreyfus, gewählt wurde. Die Mobilisierungsbereitschaft war ein Effekt des Frauenstreiks von 1991. Damals haben viele gespürt: «Ich bin nicht allein.» Dieses Gefühl war nachhaltig.

Gibt es noch weitere Effekte?

Mit dem Frauenstreik von 1991 wurde ja auch angeprangert, dass seit 1981 ein Gleichstellungsartikel in der Bundesverfassung stand, aber immer noch keine gesetzliche Umsetzung vorlag. Das wurde dann an die Hand genommen und seit 1996 haben wir ein Gleichstellungsgesetz.

Was hat uns die Geschichte über Streiks gelehrt?

Was wir heute als arbeitsrechtliche Errungenschaften anschauen, ist von der Arbeiterbewegung unter anderem auch durch Streiks erkämpft worden. Geregelte Arbeitszeiten, Ferienanspruch, Arbeiterschutz. In der Geschichte sind Rechte immer erkämpft und erstritten worden, nie gegeben.

Inwiefern hat sich der Frauenstreik in den vergangenen 28 Jahren verändert?

Die Einteilung in die beiden Geschlechter Mann und Frau wird heute stark thematisiert und auch problematisiert. Eine Gemeinsamkeit aber ist, dass schon 1991 die verschiedensten Frauen auf die Strasse gingen. Auch heute sind es Hausfrauen, Studentinnen, Landfrauen, Migrantinnen, Vertreterinnen der katholischen Kirche und so weiter. Der Frauenstreik gibt ihnen allen einen Rahmen, um ihre jeweilige Situation zur Sprache zu bringen.

Feminismus ist heute gar zu einem Trend geworden. T-Shirts mit «I’m a feminist» oder «girl power» werden verkauft und von Vielen getragen. Wie hat sich der Feminismus gewandelt?

Was die Menschen bewegt, wird schnell vermarktet. Und es ist mal mehr und mal weniger chic, feministische Positionen zu beziehen. Aber wichtiger scheint mir, dass wir einen Moment erleben, in dem viele Frauen über ihre Situation als Frauen nachdenken. Das fordert auch die Männer dazu auf, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie wir leben und zusammenleben wollen. Viele machen das auch. Es geht beim Frauenstreik um alles andere als um Partikularanliegen. Ausserdem gibt es nicht nur einen Feminismus. Die feministischen Stimmen sind immer vielfältig. Weil ja die Situationen von Frauen sehr verschiedenartig sind.

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